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Engels an Victor Adler
in Wien

London, 20. März 94

Lieber Victor,

Vor einiger Zeit fragst Du mich an wegen Übersetzung des Artikels in der „Critica Sociale“ über die Lage etc. Italiens. Louise antwortete gleich auf einer Postkarte in meinem Namen that you were welcome to it1, und ich bestätigte dies wenige Tage darauf in einem Brief an Dich. Bald darauf kam eine Anfrage von K.K[autsky], ob ich ihm das Ding für die „N[eue] Zeit“ überlassen wolle. Darauf antwortete ich ihm, Du habest es ihm weggeschnappt.2

Seitdem aber ist der Artikel nicht in der „Arb[eiter]-Ztg.“ erschienen, und ich komme dadurch in Verlegenheit gegenüber K.K[autsky]. Ich möchte Dich also bitten, mir zu sagen, wie es damit steht. Ich komme mir allerdings dabei vor wie die englische Zimmervermieterin, die im Besitz einerseits einer heiratslüsternen Tochter und andererseits eines rührungsfähigen deutschen „Chambregarnisten“ ist, und die bei der ersten Spur einer Flirtation diesen letzteren fragt: what are your intentions with regard to my daughter?3 aber die Dir von K.K[autsky] eröffnete Konkurrenz muß mich entschuldigen.

Hier geht’s auf die Neuwahl los, alles, was geschieht, geschieht nur in Vorbereitung darauf. Die Liberalen sind wie gewöhnlich feig. Sie müssen wissen, daß sie sich nur halten können durch Stärkung der politischen Macht der Arbeiter, und doch zaudern, zippeln und zappeln sie ängstlich. Weder entschiedene Ausdehnung des Stimmrechtes, noch Beseitigung des Wählbarkeitszensus, der in der Belastung der Kandidaten mit allen Wahlkosten und in der Diätenlosigkeit liegt, noch Ermöglichung der Aufstellung dritter Kandidaten (außerhalb denen der beiden offiziellen Parteien) durch Stichwahl. Dabei soll dann das Haus der Lords abgeschafft werden, aber kein Schritt geschieht, um ein Unterhaus zu schaffen, das dazu Mut und Fähigkeit besitzt. Anderseits machen die Tories Dummheiten über Dummheiten, sie haben zwei Jahre lang das ganze Parlament in eine Farce verwandelt, unter dem Vorwand, die Homerule kaputtzumachen; haben mit den Liberalen, die sich dies gefallen ließen, das reinste Schindluder getrieben, und setzen dies, wie gestern abends Randy Churchill bewies, auch jetzt noch fort, obwohl das bei dem Herannahen der Wahlen gefährlich wird und den britischen friedlichen [?]4 Philister arg in seinem konservativen Vertrauen erschüttern könnte. Auch hat Salisbury bei der Parish Councils Bill versucht, seinen unionistisch-liberalen Alliierten Devonshire und Chamberlain einen argen Streich zu spielen und sie zu puren Torymaßregeln auszubeuten, so daß diese Allianz auch nicht mehr so fest wie einst. Kurz, die Sache wird arg konfus, und bis jetzt ist schwer zu raten, wie’s verlaufen wird.

Zu der Art, wie Du den Generalstrike in Schlummer gewiegt hast, gratuliere ich Dir, aber auch nicht minder zu Deinen Artikeln über die Koalitionswahlreform und die ganze Lage in Österreich. Namentlich der in der Nummer vom 6. d.M. war brillant. Ich zweifle keinen Augenblick am glänzenden Verlauf Eures Parteitages, grüße alle Freunde, auch August und Paul S[inger] und Gerisch, wenn sie dort hinkommen.

Viele Grüße von Louise und

Deinem
F. E.

Nach: Victor Adler, „Aufsätze, Reden und Briefe“, Heft 1, Wien 1922.