London, 19. Dez. 1893
122, Regent's Park Road, N.W.
Mein lieber Schorlemmer,
Wenn ich Ihnen erst jetzt meinen Dank sage für Ihre freundlichen Glückwünsche zu meinem 73sten, so ist „Kapital“ III. Band schuld daran. Das muß jetzt endlich einmal fertig werden, und so habe ich alle Korrespondenz ohne Gnade und Barmherzigkeit in die Ecke schieben müssen; jetzt bin ich an einem Abschnitt angekommen und kann die paar Tage bis zu den Feiertagen benutzen, um nachzuholen.
In Darmstadt bin ich nur durchgefahren – Frau K[autsky], Bebel und Frau, ein hiesiger Wiener Arzt1 und ich, wir konnten den Zug vorher nicht bestimmen und hatten ohnehin nur ca. 10 Minuten Aufenthalt, sonst hätte ich Ihnen telegraphiert. Sonst war die Reise sehr angenehm – mit Ausnahme der Pauken, die ich halten mußte, nachdem ich einmal in Zürich A gesagt. Ich reiste mit Bebel nach Salzburg, Wien, Prag und Berlin, und war ganze 8 Wochen von Hause, was mir sehr gut bekommen ist. Die Fortschritte in Deutschland, sowohl der Industrie wie der Arbeiterbewegung, mit eignen Augen anzuschauen war allein etwas wert, und auch unsre Wiener an der Arbeit zu sehn war eine Freude.
Wegen Carls Nachlaß habe ich von Siebold nur weniges gehört, gar nichts über das, was mit den Manuskripten geschehen ist, und welche Verträge mit den Verlegern abgeschlossen. Es handelt sich um dreierlei:
1. um das große Roscoe-Schorlemmersche Buch in englischer und deutscher Ausgabe,
2. um Carls eignes Lehrbuch der Kohlenstoffverbindungen, wovon eine Neuauflage in Arbeit war,
3. um seine Manuskripte über ältere Geschichte der Chemie (diese soll, wie Spiegel im Nekrolog sagt, Siebold selbst herausgeben wollen).
Die englische Ausgabe von Carls „Ursprung und Entwicklung der organischen Chemie“ wird in London von einem seiner Schüler2, dort Professor, besorgt.
Aber über die obigen drei Punkte sagt Siebold so gut wie nichts. Ehe ich nun an ihn schreibe, möchte ich Sie bitten, mir zu sagen, ob er Ihnen, und was, darüber mitgeteilt, und ob es Ihnen genehm ist, wenn ich ihm darüber nähere Berichte abverlange. Ich habe nämlich juristisch absolut kein Recht, mich da einzumischen, und möchte nicht, daß S[iebold] sich auch nur durch eine Andeutung darauf beriefe. Komme ich aber, um Auskunft zu verlangen, um die Sie sich an mich gewendet, so ist dies etwas andres und gibt mir eine ganz andre Stellung.
Siebold ist ein cruzbraver Kerl, aber nicht überenergisch von Natur und in den letzten Jahren noch durch Krankheit geschwächt, da kann ein bißchen Nachhilfe nicht schaden.
Ich hoffe, Sie sind mit Ihrer Influenza und Ihre Frau mit den Nachwirkungen der Lungenentzündung glücklich fertig geworden und in der Verfassung, den kommenden Feiertagen mit Kraft und Mut und Heiterkeit entgegenzugehn.
Mit besten Grüßen.
Ihr
F. Engels