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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

London, 2.Dez. 93
122, Regent’s Park Road, N.W.

Lieber Sorge,

Herzlichen Dank Dir und Deiner Frau für Eure freundlichen Wünsche und Brief 19.Nov.

Sehr leid tut es mir, daß Du an der Gicht leidest, ich hoffe, es gibt sich wieder mit der Zeit, es ist eine tückische Krankheit.

Die Abschaffung des Silberkaufgesetzes hat Amerika vor einer schweren Geldkrise bewahrt, und wird den industriellen Aufschwung befördern. Aber ich weiß nicht, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn dieser Krach wirklich gekommen. Die Phrase vom cheap money scheint Euren Bauern des Westens gar fest in den Knochen zu sitzen. Erstens bilden sie sich ein, wenn viel Zirkulationsmittel im Lande vorhanden, dann müsse der Zinsfuß sinken, wobei sie aber Zirkulationsmittel und disponibles Geldkapital1 verwechseln, worüber im III.Band2 sehr aufklärende Dinge an den Tag kommen werden3. Zweitens aber paßt es allen Schuldnern, erst in guter Währung Schulden zu machen und sie später in deprezierter Währung zurückzuzahlen. Daher schreien auch die preußischen verschuldeten Junker nach Doppelwährung, die ihnen eine verkleidete solonische Schuldenabschüttelung bringen würde. Hätte man nun in den Vereinigten Staaten mit der Silberreform warten können, bis die Folgen des Blödsinns auch auf die Bauern zurückgefallen wären, so hätte das doch manchen den vernagelten Kopf geöffnet.

Die Tarifreform, so langsam sie ins Werk gesetzt wird, scheint doch in Neuengland schon eine Art Panik unter den Fabrikanten verursacht zu haben. Ich höre – privatim und aus den Zeitungen – von zahlreichen Arbeiterentlassungen. Das wird sich aber legen, sobald das Gesetz, und damit die Ungewißheit, erledigt ist, ich bin überzeugt, Amerika kann in allen großen Industriezweigen die Konkurrenz gegen England kühn aufnehmen.

Mit den deutschen Sozialisten in Amerika ist es ein fatales Ding. Die Leute, die Ihr von Deutschland herüberbekommt, sind meist nicht die besten – die bleiben hier – und jedenfalls durchaus keine fair sample4 der deutschen Partei. Und wie überall, fühlt sich jeder Neuankommende berufen, sofort alles Vorgefundene umzustoßen und neuzugestalten, damit von ihm eine neue Epoche datiere. Dazu kommt, daß die Mehrzahl dieser Grünen in New York längere Zeit oder für lebenslang klebenbleibt, stets durch neue Zufuhr verstärkt und der Notwendigkeit überhoben, die Landessprache zu lernen oder die amerikanischen Verhältnisse ordentlich kennenzulernen. Alles das tut sicher sehr viel Schaden, aber andererseits ist doch auch nicht zu leugnen, daß die amerikanischen Verhältnisse sehr große und eigentümliche Schwierigkeiten für eine stetige Entwicklung einer Arbeiterpartei einschließen.

Erstens die auf party government5, wie in England, gegründete Verfassung, die jedes auf einen nicht von einer der beiden Regierungsparteien aufgestellten Kandidaten fallende Votum als verloren erscheinen läßt. Und der Amerikaner wie der Engländer will auf seinen Staat einwirken, wirft seine Stimme nicht weg.

Dann und besonders die Einwanderung, die die Arbeiter in 2 Gruppen scheidet, die eingeborenen und fremden; und diese letzteren wieder in 1. Irländer, 2. Deutsche, 3. die vielen kleinen Gruppen, die sich jede nur untereinander verstehn, Tschechen, Polen, Italiener, Skandinavier etc. Dazu noch die Neger. Um daraus eine einige Partei zu bilden, dazu gehören ganz besonders mächtige Antriebe. Manchmal plötzlich ein gewaltsamer élan, aber die Bourgeois brauchen nur passiv auszuharren, und die ungleichartigen Elemente der Arbeiterschaft fallen wieder auseinander.

3. Endlich muß auch das Schutzzollsystem und der stetig anwachsende innere Markt die Arbeiter einer Prosperität ausgesetzt haben, von der wir hier in Europa (außer Rußland, wo aber nicht der Arbeiter, sondern nur der Bourgeois davon profitiert) seit Jahren keine Spur mehr sehn.

Ein Land wie Amerika, wenn es wirklich für eine sozialistische Arbeiterpartei reif ist, kann sicher nicht durch die paar deutschen sozialistischen Doktrinäre daran gehindert werden.

Vom III.Band6 ist Abschnitt I (246 Seiten Ms. von ungefähr 1855) druckfertig7. Dies unter uns. Es wird jetzt rasch gehn, hoffe ich.

Herzliche Grüße Dir und Deiner Frau und gute Besserung! von L.K[autsky] und

Deinem
F. Engels

L.K[autsky] schreibt bald Antwort, dankt für Deine Liebenswürdigkeit, hat wegen „Arb[eiter]-Ztg.“ (Wien) bereits geschrieben, „Pionierkalender“ ist nicht gekommen.