London, 1. Dez. 93
122, Regent's Park Road, N.W.
Verehrte Frau Liebknecht,
Meinen herzlichen Dank für Ihren Brief und Ihre freundlichen Wünsche zu meinem 73sten, den ich recht munter und gesund verbracht habe. Avelings und Bernsteins waren den Abend bei uns, und die leeren Flaschen zeugten von allgemeinem Wohlbefinden und gutem Humor. Wenn das so fortgeht, so wird einer Erneuerung meines Besuchs in Berlin meinerseits wohl kein Hindernis im Wege stehn, und dann können wir wieder mal im Zoologischen Garten Kaffee trinken und unsre Glossen machen über die vierbeinigen und zweibeinigen, geflügelten und ungeflügelten, brüllenden und sprechenden zoologischen Spezies, die da in Gefangenschaft oder Freiheit sich präsentieren.
Der arme Gizycki! Gehen kann er ohnehin nicht, und nun wollen sie ihm auch noch das Sprechen verbieten; und das bloß, weil er verbotenen Umgang mit Sozialdemokraten pflegt. Ja, Preußen ist nicht nur ein Kulturstaat, sondern auch der Staat der Intelligenz!
Sehr leid tut es mir, daß Ihr Karl sich im Dienst Sr. Majestät eine Sehnenentzündung zugezogen hat, aber hoffentlich geht das bald vorüber. Jedenfalls ist es, wenn man einmal in der Lage ist, das beste, seinen Dienst ordentlich zu machen. Ich glaube gern, daß die Herren Offiziere sich hüten werden, sich Ihren Söhnen1 gegenüber Blößen zu geben, diese zwei Pioniere stehn zu nah an der Türe des Reichstags, und was auch der Kriegsminister2 sagen mag, sie scheuen sich doch davor, in den dortigen Debatten persönlich zu figurieren. Und wenn Ihre Söhne nun gar noch, wie mein alter Hauptmann von uns Freiwilligen verlangte, „das Muster der Kompanie“ werden, dann kann's nicht fehlen und sie avancieren am Ende doch noch trotz ihres Vaters zum Unteroffizier. Und das wäre ganz in der Ordnung. Wenn Bebel der Sohn eines Unteroffiziers ist, warum sollte Liebknecht nicht der Vater von einem oder mehreren Unteroffizieren sein können? Sie sollen einmal sehn, wie sehr die Tressen die Uniform verschönern, und in Berlin soll das schöne Geschlecht dem Moloch weit geneigter sein, sobald er Tressen trägt, allerdings ist das noch nicht alles, denn wie Heine sagt:
Doch am reizendsten sind immer
Cäsars goldne Epauletten.
So hoch werden wir uns aber schwerlich versteigen.
Nun, das Trauerjahr in der Uniform vergeht auch, und dann geht Karl nach Hamm, was auch eine schöne Gegend ist oder war – meine Mutter ist dort geboren, und ich bin als kleiner Junge viel da gewesen, jetzt ist's aber alles anders, ein räucheriges Industrienest, indes es läßt sich auch da leben.
Nun aber leben Sie recht wohl und grüßen Sie Liebknecht und Ihre Kinder recht herzlich. Liebk[necht] halten wir beim Wort, daß er nach Neujahr kommt. Frau Kautsky grüßt Sie alle ebenfalls herzlichst.
Ganz der Ihrige
F. Engels