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Engels an Paul Lafargue
in Le Perreux

London, den 13. Okt. 1893

Mein lieber Lafargue,

Ist die Korrespondenz aus Paris im heutigen „Vorwärts“ von Ihnen? Und zwar frage ich deshalb:

Als ich in Berlin war, sagte mir Liebk[necht], daß er Sie als Korrespondent für den „V[or]wärts“ verpflichten wolle, das Geld dafür aber noch vom Parteikomitee bewilligt werden müßte; indessen hat er mich gebeten, Ihnen zu sagen, daß es sich um eine regelmäßige Arbeit handeln würde, und zwar um Briefe, die zu einem vereinbarten Termin, einmal wöchentlich zum Beispiel, oder alle vierzehn Tage, eingesandt werden sollen, was er bisher bei seinen französischen Korrespondenten nicht erreichen konnte. Ich habe ihm versprochen, Ihnen diesbezüglich zu schreiben, sobald er mir mitteilen würde, daß die Sache zwischen Ihnen beiden beschlossen ist.

Ich habe die Gelegenheit benutzt, um ihm meine Meinung darüber zu sagen, daß er jeden antirussischen Artikel Vaillants für wichtig hält und immer wörtlich abdruckt, während die bedeutend besseren antirussischen Artikel, die „Le Socialiste“ seit langem veröffentlicht, von ihm fast unbeachtet blieben. Er entschuldigte sich und versprach, sich zu bessern.

Aber hinsichtlich Ihrer Korrespondenz hat er mir noch kein Wort geschrieben und fährt fort, die Erklärungen der Blanquisten zu übersetzen und viel Wesens von ihnen zu machen; er hat sogar den Chauvière übersetzt.

Außerdem hat er einen Artikel des kleinen Arndt abgedruckt, obwohl dieser in Zürich immer mit Argyriadès und Co. gegen die Deutschen gestimmt hat. Und Arndt gehört zum revolutionären Zentralkomitee der Blanquisten.

Sie sehen also, daß L[iebk]necht stark zu den Blanquisten hinneigt, ich suche keineswegs nach den Gründen dafür, ich stelle nur die Tatsache fest. Es ist also wichtig, daß Sie, trotz Liebknecht, alles tun, um die Position, die Sie der deutschen Partei gegenüber immer eingenommen haben, aufrechtzuerhalten: die Position ihres Hauptverbündeten in Frankreich, der ein Recht darauf hat, als erster in den Beziehungen der deutschen Partei zu den französischen Sozialisten im allgemeinen berücksichtigt zu werden. Und deshalb ist es notwendig, daß Sie im „Vorwärts“ vertreten sind, damit die Pariser Korrespondenz wenigstens zum Teil in Ihren Händen liegt.

Jetzt wird die Sache nicht mehr von der Redaktion allein entschieden. Der Parteivorstand hat ein Wort mitzusprechen. Und ich bin überzeugt, daß Sie dort, wenn notwendig, Unterstützung finden werden. Selbstverständlich werde ich mein Möglichstes tun, um das enge Bündnis zwischen der deutschen Partei und Ihrer Partei in Frankreich weiterhin zu sichern (das verpflichtet Sie nicht, ihr Geld zu nehmen, das könnte immer an die Blanquisten gehen, wenn Sie, wie Sie sagen, es nicht mehr wollen; die werden es mit Vergnügen nehmen). Teilen Sie mir also mit, wie weit Sie mit L[iebk]necht hinsichtlich Ihres Engagements als ständiger Korrespondent des „Vorwärts“ gekommen sind; aber unverzüglich, denn wenn es Schwierigkeiten gibt, müßte ich vor dem Parteitag in Köln, vor dem 22. dieses Monats, eingreifen.

Nach dem, was im „Socialiste“ stand, rechnete ich mit 12 Abgeordneten von uns. Ehrlich gesagt, hatte ich meine Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit, da ich mehr als die Hälfte nicht einmal dem Namen nach kenne. Aber Ihrem Brief nach zu urteilen, scheinen auch Sie von weit mehr als der Hälfte nicht zu wissen, ob sie zu uns gehören oder nicht. Das ist bedauerlich. Mit 12 zuverlässigen, von Guesde geführten Leuten hätten wir die Blanquisten, Allemanisten usw. bald gezwungen, uns zu folgen. Aber wenn wir nur über ein halbes Dutzend zuverlässiger Leute verfügen, dann müssen wir diese Herren als gleichberechtigt betrachten, und dann bestände die alte Zersplitterung weiter, oder aber, wenn eine Einigung zustande käme, geschähe das nur auf Kosten der Aufgabe von Prinzipien.

Es ist richtig, daß Vaillant nach seiner Wahl viel vernünftiger scheint als vor sechs Monaten; aber wird er immer der Mehrheit in seinem Zentralkomitee sicher sein? Oder wird er, um sie sich zu sichern, gezwungen sein, in wichtigen Punkten seine persönlichen Ansichten den Vorurteilen dieser Dummköpfe von Verschwörern zu opfern?

Schade, daß Sie in Lille geschlagen worden sind. Sie haben sich für die Partei geopfert. Statt Ihre Wähler durch beständige Parlamentstätigkeit für sich einzunehmen, sind Sie herumgereist und haben Wähler für die anderen gesammelt. Wir brauchen Sie jedoch auch in der Kammer; ich hoffe, daß Sie den ersten vakanten Sitz erhalten.

Wird die neue Zeitung wie die letzte sein, „pour paraître en octobre“? Wird Euch nicht „La Petite Rép[ublique] fr[ançaise]“ den Weg versperren? Das ist auch eines der Ergebnisse der Allianz Millerand-Goblet; Ihr habt Ihnen viel mehr geholfen, als sie Euch. Millerand geht noch, aber Goblet!! ein Ex-Minister, und Kandidat für die Präsidentschaft des Rats!!

Morgen werde ich Laura ein paar Zeilen über geschäftliche Dinge schreiben –, heute komme ich nicht mehr dazu. Den ganzen Morgen hat man mich unterbrochen, und jetzt ist es schon nach 5 Uhr. Also umarmen Sie Laura für mich.

Grüße von Louise.

Freundschaftlichst Ihr
F. E.

Aus dem Französischen.