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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

London, 7. Okt. 1893

Lieber Sorge,

Freitag, 29. Sept. sind wir wieder hier angekommen und erhielten bald darauf Deinen Brief vom 22. Ich war 2 Monate fort, fuhr mit L. K[autsky] nach Köln, wo wir Bebel und Frau trafen, gingen zusammen über Mainz und Straßburg nach Zürich, von wo ich mich auf 8 Tage nach Graubünden drückte, wo ich einen Bruder1 von mir traf. Aber ich hatte versprechen müssen, zum Kongresschluß wieder dazusein, und da machten sie denn malgré moi2 mit mir die Schlußgeschichte, von der Du gelesen hast. Damit war aber auch die Tonart für die ganze Reise gegeben und meine Absicht, als purer Privatmann zu reisen, total versalzen. Ich blieb noch 14 Tage in der Schweiz und reiste dann mit Bebel über München und Salzburg nach Wien. Hier fing die Parade Geschichte wieder an. Erst mußte ich zu einem Kommers, aber da war nur Raum für etwa 600, und die andern wollten mich auch sehn; also am letzten Abend noch eine Volksversammlung, wo ich auch ein paar Worte sprechen mußte. Von da über Prag nach Berlin, und da kam ich, nach heftigem Protestieren gegen eine geplante Volksversammlung, mit einem Kommers davon, der 3–4000 Leute zusammenbrachte. Das war ja alles sehr nett von den Leuten, ist aber nichts für mich, ich bin froh, daß es vorüber ist, und werde das nächste Mal a written agreement3 verlangen, daß ich nicht vor dem Publikum zu paradieren brauche, sondern als Privatmann in Privatangelegenheiten reise. Ich war und bin ja erstaunt über die Großartigkeit des Empfangs, den man mir überall bereitete, aber das überlasse ich doch lieber den Parlamentariern und Volksrednern, bei denen gehört so etwas zu ihrer Rolle, bei meiner Art Arbeit aber doch kaum.

Sonst aber habe ich Deutschland nach 17jähriger Abwesenheit vollständig revolutioniert gefunden – die Industrie enorm entwickelt gegen früher, den Ackerbau – großen wie kleinen – sehr verbessert, und als Folge davon unsre Bewegung ausgezeichnet im Gang. Unsre Leute haben sich das bißchen Freiheit, das sie haben, selbst erobern müssen – ganz speziell erobern gegenüber Polizei und Landräten, nachdem die betreffenden Gesetze schon auf dem Papier proklamiert. Und daher findest Du ein sichres, festes Auftreten, wie es bei den deutschen Bourgeois nie vorgekommen. Im einzelnen ist da natürlich auch manches auszusetzen – z.B. die Parteipresse steht namentlich in Berlin nicht auf der Höhe der Partei – aber die Massen sind vortrefflich und meist besser als die Führer oder wenigstens als viele, die in Führerrollen gekommen sind. Mit diesen Leuten ist alles zu machen, sie fühlen sich nur im Kampf recht glücklich, sie leben nur für den Kampf und langweilen sich, wenn die Gegner ihnen keine Arbeit schaffen. Es ist positive Tatsache, daß die meisten ein neues Sozialistengesetz mit Hohngelächter, wenn nicht mit positivem Jubel begrüßen würden – da bekämen sie doch wieder tagtäglich was Neues zu tun!

Neben unsern Reichsdeutschen sind aber auch die Österreicher nicht zu vergessen. Im ganzen und großen sind sie nicht so weit wie die Reichsdeutschen, aber sie sind lebendiger, französischer, zu großen Taten leichter hinzureißen, aber auch zu Dummheiten. Einzeln genommen ist mir der Durchschnitts-Österreicher lieber als der Durchschnitts-Reichsdeutsche, der Durchschnitts-Wiener Arbeiter als der Berliner, und was die Frauen angeht, so ziehe ich die Wiener Arbeiterinnen bei weitem vor; die sind von einer naiven Ursprünglichkeit, gegenüber der die Berliner reflektierte Altklugheit unerträglich ist. Wenn die Herren Franzosen sich nicht in acht nehmen und bald wieder an ihre alte Tradition der revolutionären Initiative anknüpfen, dann kann passieren, daß die Österreicher ihnen den Wind aus den Segeln nehmen und bei der nächsten Gelegenheit den ersten Anstoß geben.

Im übrigen sind Berlin und Wien neben Paris die schönsten Städte der Welt geworden, London wie New York sind Drecknester dagegen, namentlich London, das uns ganz verwunderlich vorkommt seit unsrer Rückkehr. Messieurs les Français4 werden im November zeigen müssen, was sie können. 12 Marxisten und 4 Blanquisten, 5 Allemanisten und 2 Broussisten nebst noch einigen Unabhängigen und etwa 24 socialistes radicaux5 à la Millerand sind ein tüchtiger Klumpen Hefenpilz in der Kammer und sollten eine hübsche Gärung zustande bringen, wenn sie zusammenhalten. Aber ob das geschieht? Die 12 Marxisten sind großenteils total unbekannte Leute, Lafargue fehlt, wogegen Guesde drin ist, der ein weit bedeutenderer Redner, aber auch ein viel leichtgläubigerer Optimist ist. Ich bin sehr begierig. Unsre Marxisten hatten vor der Wahl schon eine Art Kartell mit Millerand und Co. abgeschlossen, dem jetzt auch die Blanquisten, speziell Vaillant, sich durch Mitarbeit an Millerands „Petite Républ[ique] française“ sich angeschlossen zu haben scheinen. Auch treten die Blanquisten jetzt sehr entschieden gegen die russische Allianz auf. Aber ich habe keine direkten Nachrichten über den augenblicklichen Stand der verschiednen Parteien, wahrscheinlich weil sie selbst noch nicht klargehn.

Hoffentlich geht es Dir und Deiner Frau gesundheitlich gut. Herzliche Grüße an Euch beide von

Deinem
F. Engels

De Leon und Sanial sah ich in Zürich. Haben mir nicht imponiert.

[Nachschrift von Louise Kautsky]

Lieber Herr Sorge,

Ich möchte Sie gern wieder plagen. Ist es Ihnen möglich, mir 2 Exemplare von „Woman’s Journal“ zu senden, oder halten Sie es für vorteilhafter, es direkt für eine Freundin von mir nach Wien zu bestellen – wenn, wie zahlt man dann die Amerikaner am besten und an wen soll ich mich wenden? Das ist aber noch nicht alles. Bitte, kann ich nicht einmal eine 3-Cents-Kolumbusmarke bekommen, wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht, dann bitte darum. Ich habe soviel Markenabnehmer, die mich darum bestürmen. Besten Dank im voraus und die herzlichsten Grüße an Sie und Ihre Frau von

Ihrer
L.K[autsky]