67
Engels an Julie Bebel
in Berlin

London, 3.Okt. 1893

Liebe Julie,

Unsre Postkarte von Freitag werdet Ihr erhalten haben. Ich fand einen kolossalen Haufen Arbeit vor und habe mich bis jetzt durch das Allerdringendste durchgequält, mit Hülfe Louisens, die noch mit beiden Armen bis zum Ellenbogen in den Drucksachen herumwühlt. Dafür komme ich denn dazu, Euch ein paar Zeilen zu schreiben.

Also am Donnerstag, nach unsrer Abfahrt, sahen wir noch am Bahnhof Zoologischer Garten für einen Augenblick Adolf Braun und fuhren dann weiter. Im Coupé hatten wir zwei schäbig aussehende Burschen, die sich etwas zudringlich entwickelten; glücklicherweise aber war der eine, ein Engländer, bereits vor 10 Uhr total besoffen, und dann brachten sie beide den Rest des Tags auf dem Korridor des Wagens zu.

In Hannover aßen wir Suppe und Fleisch, darüber kam dann der teure Kugelmann mit seiner Tochter1, die viel netter ist als er. Er gab mir wieder eine lange Reihe medizinischer Ratschläge für meines Lebens Regel, aber auch ein Körbchen mit Fleischbrötchen, Äpfeln und ½ Flasche Wein. Wir jauchzten auf bei ihrem Anblick: Rotwein! – aber ach, es war angeblicher „roter Portwein", eine süßliche Mischung, die wir dem Schaffner zum Dank für seine Liebenswürdigkeit überantworteten.

Bald darauf entspann sich zwischen verschiednen Reisenden und dem Schaffner eine lebhafte Debatte über die Frage: ob die Reisenden nach Hoek van Holland nicht in Löhne wechseln und über Rheine-Salzbergen fahren müßten. Wir hielten stramm an Oberhausen, wie wir denn wegen Louisens Billet keine andre Wahl hatten. Nun aber hatten wir in Minden schon über eine halbe Stunde Verspätung, und da in Oberhausen nur 17 Minuten Zeit gegeben war, alle Aussicht, den Anschluß zu verfehlen. Hier war uns die Karte von großem Nutzen, die mir August am Morgen gegeben. Wir fuhren auf der alten Köln-Mindener Bahn, die ich als eine der bestgebauten in Deutschland kannte. An den durchfahrnen Strecken konnten wir sehn, wie hier ein gut Stück der Verspätung wieder eingeholt wurde, und so erreichten wir rechtzeitig Oberhausen.

Der Kohlendistrikt von Hamm bis Oberhausen ist ein Stück englisches Black Country. Die Luft und Städte ebenso rauchig und schwarz wie in England, die Häuser, weil meist hell getüncht, noch unangenehmer geschwärzt wie die englischen nackten Ziegel.

Nachdem wir auch in Holland noch wegen Anschlußversäumnis mehrere Male von Reisenden und Schaffnern allerhand Dunkles hatten munkeln hören, kamen wir in Rotterdam an 8.42 holländische, d. h. 9.42 deutsche Zeit. Die Stunde Zeitunterschied hatte alles in Ordnung gebracht (aus Augusts Aufstellung hatten wir nicht genau ersehn können, wo der Zeitunterschied in Wirksamkeit trat, und waren daher der Sache nicht sicher).

Dahingegen mußten wir nun in Rotterdam von einem Bahnhof zum andern marschieren – ca. 10 Minuten weit, hatten noch Zeit übrig und kamen an vor den über Löhne-Rheine-Salzbergen gereisten Leuten.

Louise hatte außer ein bißchen Kugelmannscher Kost nur eine Tasse Bouillon in Arnheim und eine zweite in Rotterdam genossen, während ich von Kugelmannern und Bier lebte. Es blies ganz nett, als wir abfuhren. Ich legte mich bald ins Bett und schlief unter ganz erfreulichem Schaukeln ein, dachte aber nichts Arges, bis ich nach 8 Stunden bei hellem Tageslicht erwachte –, wir hätten längst in Harwich sein sollen! Ich stand auf – ich hatte eine Kabine ganz für mich allein – niemand auf dem Schiff rührte sich. Ich ging aufs Deck, alles leer, überall nasses Deck und Anzeichen einer vergangenen rauhen Nacht. Ein junger Deutscher kam endlich und vertraute mir an, daß wir einen entsetzlichen Sturm durchgemacht. Bald darauf einige Dämchen, dann auch Louise, die Arme war mit 5 andern in einer engen Kabine zusammengepfercht gewesen, hatte das Ärgste heroisch überstanden trotz der hysterischen seekranken Umgebung, war aber auch endlich, als nach der Hauptschaukelei die kleinen kurzen Wellen kamen, den Zudringlichkeiten des alten Neptun einen Augenblick unterlegen.

Mit zwei Stunden Verspätung kamen wir in London an – Avelings am Bahnhof –, fanden alles in schönster Ordnung und stürzten uns mit der Todesverachtung, die auf einen heroisch überstandenen kleinen Sturm zu folgen pflegt, in die Arbeit. Neues scheint hier nicht viel passiert zu sein, über die in der hiesigen Bewegung vorgegangnen kleinen Wendungen und Wandlungen müssen wir uns erst allmählich unterrichten.

Apropos. Ede B[ernstein] behauptet, Paul S[inger] mißverstehe seinen Artikel total. Er habe nie gesagt, man solle je nach Umständen mit Konservativen, Nationalliberalen, Ultramontanen etc. kompromisseln, er habe nur die Freisinnige Volkspartei im Auge gehabt. Ich sagte ihm, daß ich das aus seinem Artikel nicht habe herauslesen können; jedenfalls ließ er auch diese Möglichkeit offen.

Nun aber, liebe Julie, danke ich Dir und August nochmals für die viele Liebe und Freundschaft, die Ihr uns nicht nur in Berlin, sondern auch in Zürich – und August mir auf der ganzen Reise – erwiesen habt, und kann Dich nur an Dein Versprechen erinnern, uns im Frühjahr hier zu besuchen, damit wir Dir auch einmal London zeigen können. Herzliche Grüße Euch beiden und allen Freunden

Dein
F. Engels

[Nachschrift von Louise Kautsky]

Liebste Julie,

Ich stecke wirklich bis über die Ellbogen in Arbeit und sehe bis jetzt auch noch keinen Weg herauszukommen, soweit nur, um Briefe zu schreiben. G[eneral], der ans Schreiben geht, hat Dir erzählt, wie es uns auf der Fahrt ergangen, hat aber vergessen, daß er allein die Brötchen von Dir aufaß. Es ist ihm gut ergangen auf der Reise, er war immer munter und guter Dinge, immer besorgt, ob wir noch Anschluß hätten, und voll Leben. Ich selbst bin Sonntag gleich wieder in meine alte Hausbesorgungsrolle gefallen. Die Gäste aber verfuhren gnädig mit mir. Bitte sage August, über die englische 2te Ausgabe konnte ich noch nichts Bestimmtes erfahren. Ich will das Buch selbst sehen und lasse es mir besorgen, mir persönlich aber würde Reeves das Buch gar nicht verkaufen.

Ich schließe mich von Herzen G[enerals] Dank an, ich hatte noch nicht Zeit, über alles Erlebte nachzudenken, und lebe wie in einem Traum, der durch Arbeit unterbrochen wird. Und Ihr Armen, Geplagten, wie geht's Euch? Herzliche Küsse August und Dir.

Deine
Louise