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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux
Merkurstr. 6, Zürich-Hottingen
21. August 1893
Mein liebes Löhr,
Ich bin seit einigen Wochen in der Schweiz. Louise, Dr. Freyberger und ich sind am 1.Aug. via Hoek van Holland abgereist, trafen Bebel und seine Frau in Köln, verbrachten eine Nacht in Mainz, die nächste in Straßburg, die dritte in Zürich. Von dort ging ich nach Thusis in Graubünden, wo ich mich mit meinem Bruder1 und seiner Familie traf und eine Woche blieb und kehrte gerade noch rechtzeitig nach Zürich zum Schluß des Kongresses zurück, und jetzt bin ich hier bei meiner Cousine Frau Beust.
Wir sind ganz ungewiß, wie die gestrigen Wahlen ausgegangen sind, und werden es bis heute nachmittag bleiben, da in Zürich am Montag morgens keine Zeitungen erscheinen. So muß alles, was dazu zu sagen wäre, bis zum Schluß dieses Briefes aufgeschoben werden.
Deutschland fand ich völlig verändert. Rauchende Dampfschlote im ganzen Land, doch dort, wo ich vorbeifuhr, waren sie, verteilt über einen schmalen Landstrich, nicht in so großer Zahl, daß sie durch ihren Rauch belästigt hätten. Köln und Mainz sind verwandelt. Die Altstadt ist noch dort, wo sie war, aber ringsherum oder daneben ist eine größere, modernere Stadt entstanden mit prachtvollen, nach einem gut angelegten Plan errichteten Gebäuden und mit großen Industrieunternehmen in besonderen Vierteln, damit sie den Anblick und die Ruhe der übrigen Stadt nicht beeinträchtigen. Am meisten hat sich Köln entwickelt, dessen Einwohnerzahl sich beinahe verdreifacht hat – der Ring ist eine Prachtstraße, in ganz England gibt es nicht ihresgleichen. Mainz wächst, aber langsamer. In Straßburg sieht man zu deutlich die Trennung zwischen der Altstadt und dem neuen Bezirk aus Universitäts- und Regierungsgebäuden, ein äußeres Anhängsel, aber kein natürliches Wachstum.
Paul wird sicher sehr begierig sein, etwas über das Elsaß zu erfahren. Nun, die Franzosen können zufrieden sein. In Straßburg hörte ich zu meinem Erstaunen nur deutsch sprechen. Einmal nur sprachen zwei an mir vorübergehende junge Mädchen, Jüdinnen, französisch. Aber das täuscht sehr. Ein sehr intelligenter junger Sozialist, der dort wohnt, hat mir gesagt, daß die Leute, sobald man aus den Stadtmauern herauskommt, geflissentlich nur französisch sprechen. Auch in Mülhausen, so meinte er, sprechen 4/5 der Bevölkerung französisch, und zwar nicht nur Arbeiter, sondern auch andere. Vor der Annexion war dies jedoch nicht der Fall. Seitdem es den Eisenbahnverkehr gibt, begann man auch in den ländlichen Bezirken französisch zu sprechen; aber auch jetzt ist das Französische, das man dort spricht, größtenteils ihr eigenes Produkt. Auf jeden Fall aber ist es Französisch und das zeigt, was das Volk will. Als die Annexion erfolgte, sagte ich einmal zu Mohr: die Folge all dieser Wiederverdeutschungsversuche wird sein, daß man im Elsaß mehr französisch sprechen wird als je zuvor. Und so ist es gekommen. Der Bauer und der Arbeiter hielten an ihrem deutschen Dialekt fest, solange sie Franzosen waren; jetzt tun sie alles, um ihn abzuschütteln und sprechen französisch.
Solche ausgesprochenen Esel wie diese Preußen hat man noch nie gesehen. Sie schmeichelten dem Adel und der Bourgeoisie, die – und das hätten sie eigentlich wissen müssen – hoffnungslos französiert waren, und stießen die Arbeiter und Bauern vor den Kopf, die, zumindest in der Sprache, Spuren der deutschen Nationalität bewahrt hatten. Das Land ist unter die Diktatur von Bürgermeistern, Gendarmen und Steuereinnehmern gestellt, die, von der Zentralregierung eingesetzt und zum größten Teil von außerhalb importiert, tun, was sie wollen, und unter sich bleiben, vom Volke getrennt und verachtet. All die alten despotischen Gesetze des französischen Zweiten Kaiserreichs werden skrupellos beibehalten und angewandt und bisweilen sogar noch durch aus der Zeit des ancien régime stammende alte Verordnungen verschärft, die von weisen Beamtenseelen aus der Schublade hervorgeholt wurden, und die entdeckt haben, daß die Revolution es vergessen hat, sie ausdrücklich für aufgehoben zu erklären. Außerdem werden alle den preußischen Beamten eigenen Schikanen importiert und aufgefrischt. Die Folgen sind sonnenklar. Als ich meinen Freund fragte: Heißt das also, daß die Franzosen, wenn sie aus diesem oder jenem Grunde zurückkämen, von neun Zehnteln des Volkes mit offenen Armen empfangen würden?, antwortete er mir, daß es so wäre.
In Straßburg hält sich die alte Bourgeoisie ganz für sich und vermischt sich in keiner Weise mit den Eindringlingen. Bei der übrigen Bevölkerung ist Bebel sehr populär; wo immer er erkannt wurde, kamen sie an die Ladentüren und begrüßten ihn. Du kannst gewiß sein, daß er die Lage der Dinge im Elsaß vor den Reichstag bringen wird, und zwar ganz anders als diese protestierenden Esel, die sich, wie es scheint, über jede neue Unterdrückungsmaßnahme freuen, aus Angst, das Volk könnte sich mit dem neuen Regime aussöhnen, und die infolgedessen fast ihren ganzen Einfluß auf die Bevölkerung verloren haben. In diesem wie in jedem anderen Fall wird sich herausstellen, daß unsere Partei die einzige ist, die das tun kann und will, was wirklich notwendig ist.
(Soeben Telegramm aus Roubaix, an Greulich adressiert, daß Guesde gewählt ist. Hurra! Hoffe heute nachmittag zu erfahren, daß Paul gesiegt hat.)
Was den Kongreß betrifft, so war es bedauerlich, daß unsere Leute nicht wenigstens 5–6 Mann dort hatten. Eins ist erreicht worden: Blanquisten und Allemanisten haben sich unsterblich blamiert und lächerlich gemacht devant le monde socialiste2. Aber jetzt fällt das auf den französischen Sozialismus insgesamt zurück; die anderen sprechen jetzt einfach von „den Franzosen“, und das ist wirklich sehr bedauerlich. Wäre dort wenigstens eine kleine Minderheit von Marxisten gewesen, so wäre das nicht passiert. Aber wenn Du jetzt feststellst, daß man in den sozialistischen Zeitungen Englands und des Kontinents die französischen Sozialisten wie eine Sippschaft behandelt, die alle Augenblicke ihre Meinung ändert und mit Applaus dem größten Unsinn zustimmt, wenn sie glauben, „les allemands“3 dadurch reizen zu können, so brauchst Du Dich nicht zu wundern. Ich habe gehört, wie Schweizer Sozialisten erklärten (und die Schweizer Deutschen haben sehr starke Sympathien für die Franzosen), jetzt wäre es offensichtlich, daß der Chauvinismus aus den Franzosen nicht herauszukriegen sei. Und ich mußte ihnen erzählen, was für Dinge ich in französisch in Eurem Almanach ohne irgendwelche schlimmen Folgen sagen konnte4, Dinge, die für jeden Chauvinisten mehr als bitter sind. Du siehst also, daß das Fiasko dieser Schreiberhalse auf ganz Frankreich zurückfällt, auch auf unsere Leute. Und Jaclard mit seinen bissigen Artikeln in „La Justice“ macht die Sache nur noch schlimmer. Nun, ich hoffe, die Wahlen werden uns in die Lage versetzen, ganz Europa zu zeigen, daß Jaclard und Allemane ne sont pas la France5. Und doch glaube ich, daß Jaclard in sehr vielen Fällen mit Bonnier und der verschwindend kleinen Minderheit gestimmt hat.
Die Frauen waren ausgezeichnet vertreten. Außer Louise sandte Österreich die kleine Dworak, ein in jeder Hinsicht charmantes junges Mädchen; ich habe mich ganz und gar in sie verliebt, und wann immer Labriola6 mir eine Chance gab, entfloh ich mit ihr dem Wirrwarr seiner schwerfälligen Konversation. Diese Viennoises sont des Parisiennes nées, mais des Parisiennes d'il y a 50 ans7. Richte Grisetten. Und die russischen Frauen! Es waren vier oder fünf da, mit wunderschönen leuchtenden Augen8, und außerdem auch Vera Sassulitsch und Anna Kulischowa. Dann Clara Zetkin mit ihrer ungeheuren Schaffenskraft und ihrer leicht hysterischen Begeisterung, aber ich habe sie sehr gern. Sie hat den Glärnisch erstiegen, einen Berg voller Gletscher, das ist eine sehr große Anstrengung für eine Frau ihrer Konstitution. Kurzum, ich hatte das glückliche Los, aus den Armen der einen in die Arme der anderen zu fliegen usw.; Bebel wurde ganz eifersüchtig – er, der Mann der „Frau“, dachte, er allein hätte ein Recht auf ihre Küsse!
Nun lasse ich noch etwas Platz für die Neuigkeiten dieses Nachmittags. Die Jungen von Beusts lassen sich empfehlen. Louise ist in Österreich, Bebel und Bernstein sind noch hier. Um den 4.Sept. fahren Bebel und ich nach Wien; bis dahin erreichst Du mich unter obiger Adresse.
Viel Glück für Paul!
Immer Dein alter
General
4 Uhr nachmittags. Nachricht, daß Paul en ballotage9, – bitte laß mich wissen, welche Chancen er hat –, daß Ferroul geschlagen ist und Jourde in der Stichwahl. Einige Zeilen über die allgemeinen Ergebnisse würden sehr willkommen sein, da die bürgerlichen Blätter nicht glaubwürdig sind.
Aus dem Englischen.