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Engels an Wilhelm Liebknecht
in Berlin

Eastbourne, 27. Juli 1893

Lieber Liebknecht,

Übermorgen, d.h. am 30. ds., ist Deine und Deiner Frau silberne Hochzeit, und da komme ich, Euch beiden meine herzlichsten Glückwünsche zu diesem Freudenfest darzubringen. Möge es Euch in vollem Wohlsein und ungetrübter Heiterkeit treffen und möge es Euch beschieden sein, auch die übrigen 25 Jährchen bis zur goldnen Hochzeit fröhlich und gesund zu durchleben.

Wenn einem von uns alten Kriegskameraden so ein festliches Ereignis passiert, so denkt man dabei auch an die alten Zeiten zurück, an die alten Kämpfe und Stürme, die Niederlagen im Anfang und die Siege zuletzt, die man zusammen durchgemacht hat, und freut sich, daß es uns auf unsre alten Tage beschieden ist, nicht mehr auf derselben Bresche zu stehn – wir sind ja längst von der Verteidigung zum allgemeinen Angriff übergegangen –, sondern in derselben Schlachtlinie gemeinsam voranzumarschieren. Ja, Alter, wir haben manchen Sturm zusammen erlebt und erleben hoffentlich noch mehr als einen, und wenn's gut geht, auch den, der uns den Sieg zwar nicht endgültig bringt, aber doch endgültig sichert. Den Kopf können wir ja glücklicherweise beide noch oben halten, rüstig für unser Alter sind wir ja beide auch, also warum sollt's nicht gelingen?

Bebel wird Dir und Deiner Frau in unserm – Louise Kautskys und meinem – Namen ein kleines Andenken zu Eurem Fest überreichen, das Ihr freundlich entgegennehmen und unsrer gedenken wollt.

Herzliche Grüße und Glückwünsche von
Eurem
F. Engels