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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux

London, 20. Juli 1893

Mein liebes Löhr,

D'abord1 Dank für die Übersetzung des „Chronicle"-Interviews, obgleich es kaum der Mühe wert war. Und dann eine Frage:

Vor einiger Zeit sandte mir Bonnier einen Brief von einem Diamandi (Rumäne), der mich bittet, für seine neue Revue2 zu schreiben, und mitteilte, daß sie, meine Genehmigung voraussetzend, für die 1.Nr., die sie mir schicken würden, das Kapitel über Barbarei und Zivilisation übersetzt hätten. Ich wartete, bekam aber nichts. Dann schrieb ich vor einigen Tagen, daß ich die Revue nicht erhalten, aber sowieso keine Zeit hätte, für ihn zu schreiben.

Darauf schickten sie mir einen Separatabdruck3 dieses Kapitels und teilten auf dem Umschlag mit, daß sie beabsichtigten, das Ganze zuerst in der Revue und dann in Buchform zu veröffentlichen. Aber die Revue schickten sie nicht mir, sondern Tussy. Von ihr bekam ich sie heute nachmittag und sehe, daß ich als regelmäßiger Mitarbeiter zusammen mit Kautsky, Paul und anderen aufgeführt bin, die wahrscheinlich ebensowenig gefragt worden sind wie ich –, daß jedoch Artikel von Guesde und Paul in Aussicht gestellt werden und Pauls Essay über Mohrs Materialismus zum Teil abgedruckt ist. – Die Übersetzung meines Kapitels scheint von Roy zu sein. Alles das, mit Leo Frankel als administrateur, öffnet vor meinen entsetzten Augen eine derartige Perspektive von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, daß ich mich, bevor ich weitere Schritte in dieser Angelegenheit unternehme, erst bei Dir informieren und Deinen Rat einholen muß. Paris ist unberechenbar4, aber Paris doublé de5 Bukarest wird zum Geheimnis in dritter Potenz, das soll einer verstehen.

Was für merkwürdige Leute sind das doch in der französischen Regierung und im Parlament! Die Panama-Affäre löst nur ein Aufzischen statt einer Explosion aus, der coup d'état6 gegen die Bourse du Travail läßt die Arbeiter blasés7 und geht unbeachtet vorüber, aber der siamesische Humbug ruft bei denselben parlamentarischen Patrioten einen Sturm der Begeisterung für die kolonialen Eroberungen hervor – denselben Leuten, die vor einigen Jahren Ferry, „den Tonkinois8", beinahe getötet hätten, weil er versuchte, sie in eben diese Richtung zu dirigieren! Wahrhaftig, die Bourgeoisie hat sich überall selbst überlebt.

Morgen fahren Louise und ich für eine Woche nach Eastbourne (Adresse wie früher: 28, Marine Parade), da ich das Bedürfnis habe, erst wieder ein wenig zu Kräften zu kommen, ehe ich meine Reise nach Deutschland unternehme. Die Enttäuschung voriges Jahr hat mich vorsichtig gemacht; ich möchte nicht wieder sechs Wochen in einem Lehnstuhl lahmgelegt sein. Wir reisen Freitag, 28. Juli, aus Eastbourne ab und am 1. August aus London, um nach dem Kontinent zu fahren und uns in Köln mit Bebel und Frau zu treffen, dann geht's weiter via Straßburg in die Schweiz, wo ich meinen Bruder9 wiedersehen werde; ich nehme an, daß ich am letzten Tage des Kongresses, am 12. oder 13. August, in Zürich bin. Von dort gehe ich mit Bebel nach Wien und Berlin.

Werdet Ihr, Paul und Du, in Zürich sein? Die Schweizer erhielten Briefe von anderen Pariser Organisationen, daß die Wahlen sehr wahrscheinlich, trotz aller Zeitungsmeldungen, nicht im August stattfinden werden, sondern erst im September; dies und die englischen Einwände waren entscheidend für den Beschluß, den Kongreß nicht zu verschieben.

Postschluß – 9 Uhr, obgleich Dich dieser Brief vielleicht nicht vor Samstag früh erreichen wird!

Herzliche Grüße von Louise und

Deinem
stets dankbaren „Übersetzen“
F. Engels

Aus dem Englischen.