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Engels an Paul Lafargue
in Le Perreux

London, den 27. Juni 1893

Mein lieber Lafargue,

Sie haben vollkommen recht gehabt, gegen die Dummheiten der Anarchisten und der boulangistischen Hurrapatrioten zu protestieren, selbst wenn Millerand und Jaurès (die Ihnen sicherlich auf diesem Wege vorangegangen sind) dazu beigetragen haben, das macht nichts. Besonders am Vorabend einer allgemeinen Wahl kann man der Verleumdung nicht einfach das Feld überlassen. Wir stimmen also in diesem Punkt überein; die Deutschen haben das mehr als einmal genauso gemacht, zum großen Kummer Bonniers, der sich in einer idealen antipatriotischen Sphäre bewegt (aber antipatriotisch vor allem für die anderen, denn niemand wünscht mehr als er, daß „Frankreich an der Spitze der Bewegung steht"). Und nun erklärt sich der Nationalrat eindeutig für patriotisch – und gerade in dem Augenblick, da die Wahlen in Deutschland mit derselben Eindeutigkeit beweisen, daß es nicht Frankreich ist, das an der Spitze der Bewegung steht –, armer Bonnier, er war Sonntag hier und sah ganz niedergeschlagen aus.

Ihr Aufruf wird in Frankreich, hoffe ich, seine Wirkung tun, und ebenso sehr hoffe ich, daß er in Deutschland unbemerkt bleiben wird. Und zwar aus folgendem Grunde – es sind zwar keine ernsten Dinge, aber ich glaube doch, ich muß Ihre Aufmerksamkeit darauf lenken, damit Sie sie das nächste Mal vermeiden –:

Ich will nicht von der Anwendung des Wortes Patriot sprechen, davon, daß Sie sich als die einzigen „wahren" Patrioten hinstellen. Dieses Wort hat einen so engen Sinn – oder besser einen so unbestimmten, je nachdem –, daß ich es niemals wagen würde, mir diese Bezeichnung beizulegen. Ich habe zu Nichtdeutschen als Deutscher gesprochen, ebenso wie ich zu den Deutschen als einfacher Internationaler spreche; und ich glaube, Ihr hättet eine größere Wirkung erreichen können, wenn Ihr Euch einfach als Franzosen erklärt hättet – was eine Tatsache ausdrückt, eine Tatsache, welche die logischen Folgen, die sich daraus ergeben, einschließt. Aber lassen wir dies, das ist eine Frage des Stils.

Ihr habt auch vollkommen recht, wenn Ihr auf die revolutionäre Vergangenheit Frankreichs stolz seid und glaubt, daß diese revolutionäre Vergangenheit für seine sozialistische Zukunft bürgt. Aber mir scheint, daß Ihr dabei ein wenig zuviel in den Blanquismus geraten seid, das heißt in die Theorie, daß Frankreich dazu bestimmt ist, in der proletarischen Revolution dieselbe Rolle zu spielen (nicht nur des Initiators, sondern auch des Führers), die es in der bürgerlichen Revolution von 1789–98 gespielt hat. Das widerspricht den ökonomischen und politischen Tatsachen von heute. Die industrielle Entwicklung Frankreichs ist hinter der Englands zurückgeblieben; sie ist gegenwärtig auch hinter der Deutschlands zurück, die seit 1860 Riesenschritte gemacht hat; die Arbeiterbewegung in Frankreich kann sich heute nicht mit der Deutschlands vergleichen. Aber weder Franzosen noch Deutsche noch Engländer werden den Ruhm genießen, den Kapitalismus allein gestürzt zu haben; wenn Frankreich – vielleicht – das Signal gibt, wird in Deutschland, dem Lande, das am gründlichsten vom Sozialismus erfaßt worden ist und in dem die Theorie am gründlichsten in die Massen gedrungen ist, der Kampf entschieden werden; und trotzdem werden noch Frankreich noch Deutschland endgültig den Sieg sichern können, solange England in den Händen der Bourgeoisie bleibt. Die Befreiung des Proletariats kann nur eine internationale Aktion sein; wenn Ihr daraus einfach eine Aktion der Franzosen zu machen versucht, macht Ihr sie unmöglich. Die ausschließlich französische Führung der bürgerlichen Revolution – obwohl sie unvermeidlich war wegen der Dummheit und Feigheit der anderen Nationen –, wissen Sie, wohin sie geführt hat? – zu Napoleon, zur Eroberung, zur Invasion der Heiligen Allianz. Frankreich in der Zukunft dieselbe Rolle zuschreiben zu wollen, das hieße, die internationale proletarische Bewegung entstellen, das hieße, Frankreich lächerlich machen, wie es die Blanquisten tun, denn jenseits Ihrer Grenzen lacht man über diese Anmaßungen.

Sehen Sie doch, wohin das führt: Ihr sprecht davon, daß „Frankreich 1889 auf seinem unsterblichen Kongreß von Paris die Fahne erhoben hat" usw. usw. Wie würden Sie in Paris sich lustig machen, wenn die Belgier sagen würden: Belgien 1891 auf seinem unsterblichen Kongreß von Brüssel, oder die Schweiz auf ihrem unsterblichen Kongreß von Zürich! Denn die Aktionen dieser Kongresse sind keine französischen, belgischen oder Schweizer, sondern internationale.

Und dann sagt Ihr: Die französische Arbeiterpartei ist „eins mit der deutschen Sozialdemokratie contre l'Empire d'Allemagne". Das ist von der bürgerlichen Presse übersetzt worden: „gegen das deutsche Reich"3. Und gerade das wird alle Welt daraus lesen. Denn „Empire" bedeutet ebensogut „Reich"4 wie „Kaisertum"5 (kaiserliches Regime); aber bei „Reich"4 liegt der Akzent auf der zentralen Macht als dem Repräsentanten der nationalen Einheit, und für diese Einheit, als der politischen Bedingung ihrer Existenz, würden sich die deutschen Sozialisten bis aufs äußerste schlagen. Niemals würden wir Deutschland auf den Stand der Zersplitterung und Ohnmacht von vor 1866 zurückwerfen lassen. Wenn Ihr gesagt hättet „gegen den Kaiser" oder „gegen das kaiserliche Regime", hätte man nicht viel sagen können, obwohl dieser armselige Wilhelm6 nicht das Format hat, solche Ehre zu verdienen; der Feind ist die besitzende Klasse, die Grundbesitzer und Kapitalisten; und das wird in Deutschland so gut verstanden, daß unsere Arbeiter nicht begreifen würden, welchen Sinn Euer Anerbieten haben soll, ihnen zu helfen, den Narren von Berlin zu besiegen.

Ich habe daher Liebk[necht] gebeten, von Eurem Aufruf nicht zu sprechen, solange die bürgerlichen Blätter nicht darüber reden; sollte man sich aber auf diesen unglückseligen Ausdruck stützen und unsere Leute als Verräter angreifen, so würde das zu einer ziemlich peinlichen Debatte führen.

Kurz gesagt: Etwas mehr Gegenseitigkeit könnte nicht schaden – die Gleichheit unter den Nationen ist ebenso notwendig wie die unter den Individuen.

Andererseits hindert Eure Art, von der Republik als etwas für das Proletariat an sich Wünschenswertem und von Frankreich als dem auserwählten Volke zu sprechen, Euch daran, von der – unangenehmen, aber unbestreitbaren Tatsache der russischen Allianz oder vielmehr der russischen Vasallenschaft zu sprechen.

Nun, ich denke, das genügt. Ich hoffe, Sie überzeugt zu haben, daß Ihr in der ersten Hitze Eures wieder auflebenden Patriotismus ein wenig über das Ziel hinausgeschossen seid. Das ist nicht sehr schlimm, und ich hoffe, daß es vorübergeht, ohne Staub aufzuwirbeln; sollte es sich jedoch wiederholen, so könnte es zu unangenehmen Kontroversen führen. Die von Euch veröffentlichten Dokumente müssen, obwohl sie für Frankreich bestimmt sind, auch im Ausland „pass muss"7 sein. Übrigens sind auch unsere guten Deutschen in ihren Ausdrücken nicht immer korrekt gewesen.

Was die deutschen Wahlen angeht, bin ich auf die Niederlagen stolzer als auf die Siege. Wir haben Stuttgart verloren, wegen 128 fehlenden Stimmen bei 31000 Wählern, Lübeck wegen 154 bei 20000 und so fort. Alle Parteien haben sich diesmal gegen uns zusammengetan, selbst die Demokraten im Süden, die uns in Stuttgart, Mannheim, Pforzheim, Speyer aufgegeben und nur in Frankfurt für uns gestimmt haben. Was wir erobert haben, verdanken wir – zum erstenmal – ganz unserer eigenen Kraft. Somit sind diese 44 Sitze zehnmal mehr wert als 100 mit Hilfe der Liberalen und Demokraten errungene.

Der Liberalismus hat in Deutschland vollständig abgedankt. Es gibt keine ernsthafte Opposition mehr außer unserer Partei. Wilhelm wird seine Soldaten, seine Steuern und – seine Sozialisten haben, in der Armee und außerhalb der Armee, wobei deren Zahl immer größer wird. Die Gesamtziffer der sozialistischen Stimmen wird erst in 10–15 Tagen bekannt sein; Bebel meint, daß sie 2 Millionen übersteigen wird, die Jahreszeit war gegen uns, viele Arbeiter sind im Sommer auf dem Lande verstreut und in den Listen nicht erfaßt worden; er schätzt unser Defizit, das sich daraus ergibt, auf mehr als 100000 Stimmen.

Die Ehrenerklärung von Amiens ist großartig. Nur die Franzosen bringen solche genialen Streiche gegen veraltete Gesetze fertig.

Herzliche Grüße an Laura und Sie von Louise.

Umarmen Sie Laura für mich!

Freundschaftlichst Ihr
F. E.

Aus dem Französischen.