London, 20. Juni 1893
Mein liebes Löhr,
Ich war erfreut, aus Deinem Brief zu entnehmen, daß es noch nicht zu spät war, die von mir vorgeschlagenen Änderungen, mit denen Du einverstanden bist, in Deinem émendé et corrigé1 Ravé einzufügen. Das war einer der Gründe, weshalb ich kein besonderes Gewicht darauf legte, die Korrekturbogen hierzuhaben: ist der mise en page2 erst einmal gemacht, so ist es schwierig, Änderungen einzufügen, die entweder das Herausnehmen oder das Einsetzen einer oder mehrerer Zeilen notwendig machen; in Deutschland zumindest hatte ich so manchen schweren Kampf wegen der daraus entstehenden Extrakosten, und Herr Sonnenschein fügt vorsorglich in den Vertrag eine präzise Begrenzung der aus Änderungen herrührenden Extrakosten ein. Zu Deinen beiden Zielen – eine getreue Übersetzung zu haben, und eine, die sich wie ein Originalwerk liest –: Du hast sie bestimmt beide erreicht, und ich sehne mich danach, mich selbst in Deinem Französisch wieder zu lesen, ohne ständig mit einem Auge auf Druckfehler und formale Dinge achten zu müssen. Als ich es las, sagte ich Louise, es gibt nur einen Menschen in Paris und Umgebung, der Französisch kann, und das ist weder ein Franzose noch ein Mann, sondern Laura.
Was den Elsässer Ravé betrifft, so werde ich ihm seine elsässischen Spracheigentümlichkeiten verzeihen wegen seiner Landsleute aus der Arbeiterklasse: 12000 Stimmen aus Mülhausen für Bueb, 6200 aus Straßburg für Bebel (der fast sicher hineinkommt) und 3200 aus Metz für Liebknecht – außer verschiedenen anderen im ganzen Lande. Bebel, der in letzter Zeit mehrmals dort war, ist ganz verliebt in die Elsässer Arbeiter und in das Land überhaupt, obwohl sie ihn Sonntag vor vierzehn Tagen in Straßburg mit ihrem Enthusiasmus in Hämmerles Biergarten fast körperlich erdrückt haben.
Unsere Wahlen nahmen einen glänzenden Verlauf. 1890 – 20 Sitze, jetzt 24 beim ersten Ansturm gewonnen; 1890 – ungefähr 60 Stichwahlen, diesmal 85. Wir haben zwei Sitze verloren und sechs neue gewonnen. Unter den 85 Stichwahlen sind 38, wo wir 1890 nicht in die Stichwahl kamen (nur die zwei Kandidaten mit der höchsten Stimmenzahl werden zur Stichwahl zugelassen); und von den 85 haben wir auch bei 38 gute Aussichten (bei den übrigen 47 sind wir in einer hoffnungslosen Minderheit, falls kein Wunder geschieht), und bei 25 von diesen 38 können wir getrost auf erfolgreiche Wahlen rechnen. Doch die Lücke, die durch die vollständige Auflösung der Radikalen (Freisinnige) Partei3 entstand, hat zu einem solchen Zustand der Verwirrung geführt, daß wir auf eine Reihe von Überraschungen gefaßt sein müssen. Bei den Radikalen existiert keine Parteidisziplin mehr, und die Leute werden in jedem Ort so handeln, wie sie es gerade für richtig halten. Wenn wir beim zweiten Wahlgang unsere ganze Kraft aufbieten, könnten wir mit Unterstützung der bürgerlichen Demokraten in Süddeutschland und die gegenseitigen Eifersüchteleien und Zänkereien ausnutzend, wieder auf den alten Stand von 36 Sitzen kommen, so daß wir nur, wenn wir diese Zahl überschreiten, auf die aktive Unterstützung der Radikalen, Antisemiten und Katholiken angewiesen wären, das heißt auf die starke antimilitaristische Strömung, welche die Bauernschaft und die Klasse der Kleinbürger durchdringt.
Die Anzahl der Sitze hat jedoch eine sehr zweitrangige Bedeutung. Die Hauptsache ist der Zuwachs an Stimmen, und der wird gewiß beträchtlich sein. Wir werden bloß nichts erfahren, ehe der vollständige offizielle Wahlbericht dem Reichstag vorgelegt wird. Der wichtigste Teil dieses Stimmenzuwachses wird aus der – relativ kleinen – Zahl der Stimmen bestehen, die in ganz neuen, entlegenen Orten auf dem Lande abgegeben wurden; sie zeigen den Einfluß, den wir schon auf diese ländlichen Gebiete auszuüben beginnen, die uns bisher unzugänglich waren, und ohne die wir keinen Sieg erwarten können. Wenn sie alle ausgezählt sind, glaube ich, werden wir etwa 2¼ Million Stimmen haben, mehr als je für eine andere Partei in Deutschland abgegeben wurden.
Insgesamt war die Wirkung auf die gesamte deutsche und englische bürgerliche Presse ausgezeichnet, und das konnte auch gar nicht anders sein. Einen solch ständigen, ununterbrochenen, unangefochtenen Fortschritt einer Partei hat es noch in keinem Lande gegeben. Und das beste daran ist, daß unser Stimmenzuwachs von 1893 – wie das Ausmaß und die Verschiedenartigkeit des neu eroberten Terrains zeigen – die sichere Aussicht auf einen weit größeren Zuwachs bei der nächsten allgemeinen Wahl einschließt.
Der neue Gesichtspunkt der parti ouvrier hinsichtlich des „Patriotismus" ist an sich sehr vernünftig; internationale Vereinigung kann nur zwischen Nationen bestehen, deren Existenz, Autonomie und Unabhängigkeit in inneren Angelegenheiten daher schon in dem Begriff Internationalität eingeschlossen sind. Und der Druck der Pseudopatrioten mußte früher oder später eine Äußerung dieser Art herausfordern, sogar ohne die Allianz mit Millerand und Jaurès, die ohne Zweifel auch auf die Notwendigkeit eines solchen Aktes gedrungen haben. Das Interview von Guesde im „Figaro" ist ausgezeichnet, es ist nichts dagegen zu sagen. Der Aufruf des Nationalrats – hier werde ich unterbrochen. Ich muß zum Bahnhof gehen. Frau Gumpert (Du weißt, Dr. Gumpert starb vor kurzem) fährt nach Deutschland und wird auf dem Wege dorthin einige Tage bei uns verbringen, und ich muß sie vom Zug abholen. Daher muß ich für ein bis zwei Tage Lebewohl sagen; meine Bemerkungen zu diesem Aufruf sind nicht so wichtig, und es hat keine Eile damit. Alles Gute für den ewig Reisenden4. Wie hat sich der arme Clemenceau doch verändert, wenn ihn sogar ein Déroulède aus der Fassung bringen kann! Sic transit gloria mundi.5 Die antisemitischen patriotischen Schreier scheinen sich sowohl in Frankreich als auch in Deutschland durchzusetzen, soweit es die Bürger betrifft!
Grüße von Louise und
Deinem alten
General
Aus dem Englischen.