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Engels an Karl Kautsky
in Stuttgart

London, 1. Juni 93

Lieber Baron,

Vielen Dank für die Hinweisung auf Brentano. Der Mann verzeiht mir offenbar nicht, daß ich ihn wegen der alten „Concordia"-Geschichte wieder einmal angenagelt habe. Er wird sich wohl mit A.Mülberger in die lebenslängliche Feindschaft gegen mich teilen wollen. Kann mir ziemlich egal sein. Aber kennenlernen möchte ich den Herrn auf diesem neuen Gebiet doch, er sieht mir ganz danach aus, als ob er sich in der Urgeschichte glänzend blamieren würde. Ich bin nun nicht ganz sicher, ob Du das „1." oder das „3." Heft der betr. Zeitschrift meinst, bitte sage es mir per Postkarte und ob man es separat haben kann, ich werde es mir dann bestellen. Schon die Tatsache, daß er den Westermarck verteidigt, reicht hin, dieser letztere ist ein äußerst fleißiges, aber ebenso flaches und konfuses Ochsgenie.

Ich habe soeben Élie Reclus' „Primitive Folk" gelesen, wie es französisch heißt, weiß ich nicht. Das ist auch eine Konfusion und ein Pragmatismus sondergleichen, dabei das Material entsetzlich durcheinandergeworfen, so daß man oft nicht weiß, von welchen Stämmen und Völkern die Rede; das vernutzbare Material darin ist ohne genaues Quellenvergleichen absolut unbrauchbar. Dabei die antitheologische Befangenheit des Anarchisten, der obendrein protestantischer Pastorssohn ist. Hie und da eine gute zynische Bemerkung. Für die Engländer nützlich, insofern es ihren respektablen Vorurteilen arg ins Gesicht schlägt.

Bei den Wahlen lachen nur zwei: wir und Caprivi. Es ist urkomisch, wie die beiden Parteien, die am liebsten bei der Auflösung ganz vorbeigekommen wären, Zentrum und Freisinn, weil sie die Wählerfurcht am meisten hatten, jetzt nach der Auflösung großenteils mehr Furcht vor der Regierung und dem möglichen Konflikt zeigen als vor den Wählern, derart, daß sie schon vor der Wahl in zwei Stücke zerfallen, von denen eins sich direkt für die Regierung erklärt, während das andre noch etwas zappelt.

Ich muß sagen, so rasch hätte ich mir den Fortschritt zur „einen reaktionären Masse" nicht gedacht. Der Widerstand der Richter und Lieber ist auch nur halb und matt, und wenn wir die Erfolge – in Stimmenzahl, Mandate sind weniger wichtig – haben, die uns dieser Wirrwarr verspricht, kann er ganz zusammenklappen. Und dann sind wir die einzige Oppositionspartei, und dann kann's losgehn.

Es ist merkwürdig, wie sehr befangen alle diese „gebildeten Stände" in ihrem Gesellschaftskreis sind. Diese Zentrums- und Freisinnsschwätzer, die jetzt noch bei der Opposition bleiben, vertreten Bauern, Kleinbürger, selbst noch Arbeiter. Und bei denen ist die Wut gegen die stets neu angezogene Steuerschraube und Rekrutenpresse unzweifelhaft da. Aber diese Volkswut wird den Herren Vertretern übermittelt durch gebildete Organe, Advokaten, Händler, Pfaffen, Schulmeister, Doktoren etc., Leute, die infolge ihrer allgemeineren Bildung ein klein wenig weiter sehn als die Parteimassen, die soviel gelernt haben, ein zu wissen, daß ein großer Konflikt sie zwischen Regierung und uns zermalmen wird, und die daher den Konflikt vermeiden wollen und den Reichstagsleuten die Volkswut abgeschwächt übermitteln – nur Kompromiß! Natürlich sehn sie nicht, daß diese Art, den Konflikt aufzuschieben, uns die Massen zuschiebt, also uns die Stärke gibt, den Konflikt, wenn er kommt, auszufechten. Ich rechne auf bedeutenden Fortschritt bei diesen Wahlen – 2¼ Million Stimmen, vielleicht mehr –, aber auf noch viel mehr das nächstemal!

Caprivi wird übrigens nicht lange lachen. Wenn, wie jetzt sicher, seine Forderung durchgeht, so treibt uns das die Massen von der andern Seite zu. Und die paar Jahre wird Deutschland den Extra-Steuerdruck auch wohl aushalten. Diese Forderung ist aber nicht die letzte. In ein paar Jahren kann Rußland sich scheinbar etwas erholt haben, da wird wieder mehr gefordert werden müssen, und da kann selbst die eine reaktionäre Masse zu einer neuen Auflösung getrieben werden. Wir kommen in ganz Europa wieder ins revolutionäre Fahrwasser – vive la fin de siècle!1

Mit Bax' Skizzen wirst Du allerdings Mühe haben. Die einzelnen netten Sachen darin werden immer seltner, und die ganze Schreibweise ist auf ein hiesiges, noch dazu ziemlich schmales Fabier- und sonstiges Studiertenpublikum zugeschnitten.

Dein Berliner Korrespondent2 hat sicher eine stark entwickelte Subjektivität, aber schreiben kann er, und die materialistische Auffassung von Geschichtsereignissen – ich will nicht immer sagen von laufenden – versteht er sehr gut. Seine „Lessing-Legende" war ganz ausgezeichnet, obwohl ich in einigen Punkten mir die Sache anders zurechtlege.

Den Kongreß in Zürich könnt Ihr allein abhalten. Meine Pläne sind noch nicht fest, aber höchstwahrscheinlich komme ich gegen Mitte August nach Zürich, wo ich Dich hoffentlich treffe. Im übrigen halt Dich gesund und munter.

Dein
F. E.