London, den 25.Febr. 1893
Mein lieber Lafargue,
Wie die Zeit vergeht! der alte Harney erinnerte mich heute morgen daran, daß gestern der Jahrestag der Februarrevolution war – „Es lebe die Republik!", mein Gott, wir haben jetzt so viele andere Jahrestage zu feiern, daß man diese halbbürgerlichen Daten vergißt. Unvorstellbar, daß es in fünf Jahren ein halbes Jahrhundert her sein wird, seit sich dies ereignet hat. Damals begeisterte man sich für die Republik – république mit kleinem r; seit man sie mit einem großen R schreibt, ist sie nichts mehr wert, außer als beinahe überlebte historische Etappe.
Ihre Rede war sehr gut, und ich bedauere nur, daß sie nicht zwei Monate früher gehalten worden ist. Aber besser spät als niemals; ich wundere mich nicht, daß Kammer und Presse sie unzeitgemäß gefunden haben; wenn wir ihr placet1 abwarten wollten, würde uns niemals das Wort erteilt werden. Was die Radikal-Sozialisten à la Millerand und Cie angeht, so muß dem Bündnis mit ihnen unbedingt die Tatsache zugrunde liegen, daß unsere Partei eine besondere Partei ist und sie dies anerkennen müssen. Das schließt keineswegs eine gemeinsame Aktion bei den nächsten Wahlen aus –, vorausgesetzt, daß die Verteilung der Sitze, die gemeinsam erstritten werden, sich nach dem wirklichen Kräfteverhältnis vollzieht; diese Herren pflegen den Löwenanteil für sich zu fordern.
Wenn Ihre Reden in der Kammer nicht mehr die gleiche Resonanz finden wie vordem, so darf Sie das nicht entmutigen. Sehen Sie sich unsere Freunde in Deutschland an, sie sind jahrelang ausgezischt worden, und jetzt beherrschen die 36 den Reichstag. Bebel hat mir geschrieben: wenn wir achtzig oder hundert (auf 400 Mitglieder) wären, würde der Reichstag unmöglich sein. Es gibt keine Debatte worüber auch immer, bei der wir nicht intervenieren, und alle Parteien hören uns an. Die Debatte über die sozialistische Organisation der Zukunft hat fünf Tage gedauert, und Bebels Rede ist in 3 und einer halben Million Exemplaren angefordert worden. Jetzt werden sie die ganze Debatte als Broschüre à fünf Pfennig drucken lassen, und die ohnehin schon ungeheure Wirkung wird verdoppelt werden!
Ihr habt vollkommen recht, wenn Ihr die Wahlen vorbereitet. Wir müßten mindestens 20 Sitze erobern. Ihr habt den ungeheuren Vorteil, durch die Gemeindewahlen den Mindeststand Eurer Kräfte an jedem Ort zu kennen; denn ich nehme an, daß Ihr seit dem letzten Mai beträchtlich gewonnen habt. Das wird Euch bei der Verteilung der Kandidaturen zwischen Euch und den Radikal-Sozialisten sehr helfen. Aber vielleicht zieht Ihr es vor, Eure Kandidaturen überall da aufzustellen, wo Ihr eine Chance habt, unter dem Vorbehalt, sie wenn nötig in der Stichwahl zugunsten der Radikalen zurückzuziehen, falls letztere mehr Stimmen erhalten sollten.
Bei den Wahlen ist das Wichtigste, ein für allemal festzustellen, daß es unsere Partei ist, die in Frankreich den Sozialismus repräsentiert, und daß alle anderen mehr oder weniger sozialistischen Fraktionen – Broussisten, Allemanisten, Blanquisten – reine und unreine – nur durch die zeitweilige Zersplitterung in einer mehr oder weniger frühen Phase der proletarischen Bewegung neben uns eine Rolle spielen konnten; daß aber jetzt die Periode der Kinderkrankheiten vorüber und das französische Proletariat sich seiner historischen Rolle voll bewußt geworden ist. Wenn wir 20 Mandate haben, werden die anderen zusammen nicht soviel haben, denn sie werden mehr verlieren als gewinnen. Und dann geht es vorwärts. Inzwischen sorgen Sie für Ihre Wiederwahl: mir scheint, daß Ihre häufige Abwesenheit von der Kammer nicht sehr dazu beigetragen haben kann, sie zu sichern.
Der Panama ist nicht tot, das steht fest. Und es ist eine Schande, daß man den Royalisten und ihren zweifelhaften Verbündeten die Sorge und die Ehre für die Enthüllungen überläßt. Diese könnten sich keine bessere Lösung wünschen als: Nieder mit den Dieben! und wenn die große Masse der dummen Provinz ihnen gegen die Republikaner recht gibt, so hat die Feigheit der radikalen Republikaner ihnen zu diesem Erfolg verholfen. Sie sagen, daß die Republik nicht in Gefahr ist, daß die Deputierten mit dieser Gewißheit aus den Ferien zurückgekehrt sind; dann muß man alle Kräfte anwenden und sich durch das Schweigen nicht mit den Dieben identifizieren lassen. Sie haben ganz recht: die politische Inferiorität der ganzen Bourgeoisie übertrifft jede Vorstellung.
Das einzige Land, in dem die Bourgeoisie noch ein wenig gesunden Menschenverstand hat, ist England. Hier hat die Bildung der unabhängigen Arbeiterpartei (obwohl erst im Keim) und ihre Aktion bei den Wahlen von Lancashire und Yorkshire2 der Regierung arg eingeheizt; sie rührt sich, sie macht für eine liberale Regierung unerhörte Dinge. Die registration bill 1. vereinheitlicht das Wahlrecht für alle Parlaments-, Gemeindewahlen usw., 2. erhöht die Anzahl der Arbeiterstimmen mindestens um 20–30%, 3. nimmt die Kosten für die Wählerlisten von den Schultern der Kandidaten und überträgt sie der Regierung. Die Zahlung von Diäten an die Abgeordneten ist für die nächste Session zugesichert; außerdem eine Menge von juristischen und wirtschaftlichen Maßnahmen zugunsten der Arbeiter. Endlich erkennen die Liberalen, daß sie sich gegenwärtig die Macht nur sichern können, wenn sie die politische Macht der Arbeiterklasse stärken, die ihnen natürlich danach den Stuhl vor die Tür setzen wird. Andererseits sind die Torys augenblicklich von einer grenzenlosen Stupidität. Aber ist die Homerule erst einmal Gesetz geworden, dann werden sie einsehen, daß ihnen nichts anderes übrigbleibt, als um den Besitz der Macht in die Schranken zu treten; und dazu gibt es nur ein einziges Mittel: die Stimmen der Arbeiter durch politische und ökonomische Zugeständnisse zu gewinnen; also können Liberale und Konservative nichts anderes tun, als die Macht der Arbeiterklasse stärken, als den Augenblick beschleunigen, der sowohl die einen als auch die anderen unmöglich werden läßt.
Unter den hiesigen Arbeitern geht es vorwärts. Die Arbeiter beginnen, sich mehr und mehr ihrer Kraft bewußt zu werden und erkennen, daß es, um sie zu nutzen, nur ein Mittel gibt, d.h. die Bildung einer unabhängigen Partei.
Gleichzeitig gewinnt der Internationalismus an Boden. Schließlich geht es überall voran.
In Deutschland ist die Auflösung des Reichstags noch immer möglich; sie verliert indessen an Wahrscheinlichkeit, alle Welt fürchtet sich davor, nur wir nicht. Wir würden 50–60 Mandate haben.
Am 26.März wird in Brüssel eine internationale Konferenz zur Vorbereitung des Züricher Kongresses stattfinden. Werden Sie hinfahren?
Good riddance to your taenia3, und schonen Sie Ihr Gedärm, beinahe hätte ich einen Irish bull4 gemacht und gesagt: das ist pures Gold wert!
Freundschaftlichst Ihr
F. Engels
Aus dem Französischen.