London, 24.Febr. 1893
Werter Herr,
Entschuldigen Sie mein langes Schweigen. Es war nicht freiwillig. Ich muß mich anstrengen, äußerst anstrengen, um Bd. III1 in diesem Winter und Frühling fertigzubekommen. Um das zu erreichen, muß ich mir alle Nebenarbeit und sogar jede nicht unbedingt notwendige Korrespondenz versagen. Sonst hätte mich nichts daran hindern können, die Diskussion über unser hochinteressantes und wichtiges Problem mit Ihnen fortzusetzen.
Ich habe jetzt – außer einigen formalen Dingen – die rédaction des Abschnitts V (Banken und Kredit), des schwierigsten, sowohl was den Gegenstand als auch den état des Ms. angeht, abgeschlossen. Jetzt bleiben nur noch zwei Abschnitte – 1/3 des Ganzen – von denen der eine – Grundrente – ebenfalls einen sehr schwierigen Gegenstand behandelt, aber soweit ich mich erinnere, ist das Ms. viel mehr ausgearbeitet als das von Abschnitt V. So daß ich noch immer hoffe, meine Aufgabe in der vorgesehenen Zeit fertigzustellen. Die große Schwierigkeit war, mich auf 3–5 Monate von jeder Unterbrechung freizumachen, um die ganze Zeit dem Abschnitt V zu widmen, und der ist jetzt glücklich geschafft. Bei der Arbeit habe ich oft daran gedacht, welche große Freude Ihnen dieser Band bei seinem Erscheinen machen wird; ich werde Ihnen, wie bei Bd. II, die Korrekturbogen schicken.
Maintenant revenons à nos moutons.2
Wir scheinen über alle Punkte bis auf den einen übereinzustimmen, den Sie in Ihren beiden Briefen vom 3.Okt. und 27.Januar behandeln, wenn auch jeweils unter verschiedenen Gesichtspunkten.
Im ersten fragen Sie: War die ökonomische Umgestaltung, die nach 1854 unvermeidlich geworden war, derart, daß sie die historischen Institutionen Rußlands, statt zu entwickeln, im Gegenteil in ihrer Wurzel angreifen mußte? Mit anderen Worten, konnte die Dorfgemeinde nicht als Basis der neuen ökonomischen Entwicklung genommen werden?
In Ihrem Brief vom 27.Jan. drücken Sie denselben Gedanken in folgender Form aus: Die grande industrie3 war eine Notwendigkeit für Rußland geworden, aber war es unvermeidlich, daß sie in kapitalistischer Form entwickelt wurde?
Nun, etwa um 1854 begann Rußland mit dem Gemeineigentum einerseits und der Notwendigkeit der grande industrie andererseits. Wenn Sie nun den damaligen Zustand Ihres Landes in Rechnung stellen, sehen Sie da eine Möglichkeit, die grande industrie auf die Bauerngemeinde in einer Form aufzupropfen, die einerseits die Entwicklung dieser grande industrie möglich machen und andererseits das primitive Gemeineigentum in den Rang einer gesellschaftlichen Einrichtung erheben würde, die allem überlegen wäre, was die Welt bisher gesehen hat? Und das, während der ganze Westen noch unter dem kapitalistischen Regime lebt? Ich bin der Meinung, daß eine solche Entwicklung, die alles, was aus der Geschichte überliefert ist, übertroffen hätte, andere ökonomische, politische und intellektuelle Bedingungen erfordert hätte, als sie zu jener Zeit in Rußland vorhanden waren.
Kein Zweifel, die Gemeinde und bis zu einem gewissen Grad das Artel enthielten Keime, die sich unter bestimmten Bedingungen hätten entwickeln können und Rußland die Notwendigkeit erspart hätten, die Qualen des kapitalistischen Regimes durchzumachen. Ich unterschreibe den Brief unseres Autors über Жуковский4 voll und ganz. Aber nach seiner wie nach meiner Auffassung war die erste Bedingung dafür der Anstoß von außen, die Umwälzung des ökonomischen Systems in Westeuropa, die Zerschlagung des Kapitalismus in seinen Ursprungsländern. Unser Autor erklärte in einem gewissen Vorwort zu einem gewissen alten Manifest im Januar 1882 als Antwort auf die Frage, ob die russische Gemeinde nicht der Ausgangspunkt einer höheren sozialen Entwicklung sein könne: Wenn die Umwandlung des ökonomischen Systems in Rußland mit einer Umwandlung des ökonomischen Systems im Westen zusammenfällt, такъ, что объ обѣ половины другъ друга, то современное русское землевладѣніе можетъ явиться исходнымъ пунктомъ новаго общественнаго развитія5.
Wären wir im Westen in unserer eigenen ökonomischen Entwicklung schneller gewesen, hätten wir das kapitalistische System vor zehn oder zwanzig Jahren stürzen können, dann hätte Rußland vielleicht noch Zeit gehabt, die Tendenz seiner eigenen Entwicklung zum Kapitalismus umzugehn. Leider sind wir zu langsam, und diese ökonomischen Konsequenzen des kapitalistischen Systems, die es seinem kritischen Punkt entgegentreiben müssen, beginnen sich erst jetzt in den verschiedenen Ländern um uns herum zu entwickeln: während England sein Industriemonopol schnell verliert, nähern sich Frankreich und Deutschland dem industriellen Stand Englands, und Amerika ist drauf und dran, sie alle vom Weltmarkt, sowohl was Industrie- wie Agrarprodukte anlangt, zu vertreiben. Die Einführung einer wenigstens relativen Freihandelspolitik in Amerika wird den Ruin von Englands Industriemonopol bestimmt vollenden und zu gleicher Zeit den industriellen Exporthandel Deutschlands und Frankreichs zugrunde richten; dann muß die Krise kommen, tout ce qu'il y a de plus fin de siècle6. Doch in der Zwischenzeit verfällt die Gemeinde bei Ihnen, und wir können nur hoffen, daß der Übergang zu einem besseren System bei uns bald genug kommen wird, um wenigstens in einigen der entlegeneren Teile Ihres Landes Einrichtungen zu retten, die unter solchen Umständen aufgerufen werden können, einer großen Zukunft zu dienen. Aber Tatsachen sind Tatsachen, und wir dürfen nicht vergessen, daß diese Möglichkeiten mit jedem Jahr geringer werden.
Im übrigen gestehe ich Ihnen zu, daß der Umstand, daß Rußland das letzte Land ist, dessen sich die kapitalistische grande industrie bemächtigt, und gleichzeitig das Land mit der weitaus größten Bauernbevölkerung ist, dazu führen muß, die durch diese ökonomische Umgestaltung hervorgerufene bouleversement7 akuter werden zu lassen, als sie anderswo gewesen ist. Der Prozeß der Verdrängung von etwa 500 000 помѣщиковъ8 und von etwa 80 Millionen Bauern durch eine neue Klasse bürgerlicher Grundbesitzer kann sich nur unter fürchterlichen Leiden und Konvulsionen vollziehen. Aber die Geschichte ist nun einmal die grausamste всѣхъ богинь9, und sie führt ihren Triumphwagen über Haufen von Leichen, nicht nur im Krieg, sondern auch in Zeiten „friedlicher" ökonomischer Entwicklung. Und wir Männer und Frauen sind unglücklicherweise so stupide, daß wir nie den Mut zu einem wirklichen Fortschritt aufbringen können, es sei denn, wir werden dazu durch Leiden angetrieben, die beinahe jedes Maß übersteigen.
Adressieren Sie bitte Frau K[autsky], nicht Frau R[osher].
Aus dem Englischen.