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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux

London, 12.Febr. 93

Mein liebes Löhr,

Ich war wirklich erfreut, Deine Handschrift einmal nicht auf dem Umschlag eines „Intransigeant" oder eines „Figaro" zu sehen, und ich antworte sofort, da ich heute, Sonntag, einige Minuten frei habe und mich morgen wieder in den Dschungel von Banken, Kredit, Geldkapital, Zinsrate werde stürzen müssen, um „Das Kapital" Buch III, Kapitel 30–36 abzuschließen. Dieser Abschnitt V ist so gut wie fertig, soweit es sich um echte Schwierigkeiten handelt, aber es ist noch viel erforderlich, um ihm, sprachlich gesehen, den „letzten Schliff" zu geben: Ordnen, Ausmerzen von Wiederholungen usw. Das hoffe ich in 8–10 Tagen zu schaffen, dann kommen die Abschnitte VI und VII dran und dann – ist Schluß. Meine Korrespondenz ruht vorläufig, und mein Fach ist voll, zum Bersten voll mit unbeantworteten Briefen aus allen Ecken der Welt, von Rom bis New York und von Petersburg bis Texas; wenn ich mir daher einen Augenblick stehle, um Dir zu schreiben, so nur, weil Du es bist und kein anderer.

Louise sandte Dir vor mehr als einer Woche einen sieben Seiten langen Brief – hast Du ihn wirklich nicht erhalten? Bitte frage nach, wir werden dasselbe hier tun.

Ja, die „Arbeiterinnen-Zeitung" wird Dir gefallen. Sie hat einen gesunden proletarischen Charakter – auch mit den literarischen Unvollkommenheiten –, der sehr angenehm von all den übrigen Frauenzeitungen absticht. Und Du kannst sehr wohl stolz darauf sein, denn auch Du bist ja eine ihrer Mamas!

Es tut mir leid zu hören, daß Pauls Gesundheitszustand nach wie vor unbefriedigend ist – ist er diesen höllischen Bandwurm noch nicht los? Es gibt doch sicherlich genügend filix mas oder Kousso in Paris, um ihn auszutreiben, auch ohne regelrechte Belagerung. Natürlich, solange er ihn pflegt, wird Paul nicht gesund werden, das Biest wird ihn vertilgen. Und warum um Himmels willen muß er denn soviel reisen? Niemand außerhalb Frankreichs kann begreifen, daß er und andere sich diese wundervolle Gelegenheit entgehen lassen.

Ich kann sehr gut verstehen, daß die unsichere Gesellschaft der sogenannten sozialistischen Deputierten nicht möchte, daß er spricht, jeder zieht in eine andere Richtung und jeder spielt sein eigenes Spiel, und sie wissen, daß Paul, wenn er erst auf der Tribüne steht, durch sie nicht mehr zu halten oder zu kontrollieren wäre, aber von unserm Gesichtspunkt aus ist gerade das der Grund, warum er sprechen sollte. Sollen die Sozialisten, gerade vor den Wahlen, durch ihr Schweigen den Verdacht erwecken, daß sie nicht besser sind als die Panamaisten und daß sie ihre eigenen Gründe haben, diese zu schützen und die ganze Sache zu vertuschen? In Italien ist das der Fall, die zwei Männer, die in der Romagna (als Sozialisten) gewählt wurden, sind in den Händen der Regierung durch die von letzterer an die sogenannten Kooperativgenossenschaften gezahlten Subventionen, die von ersteren geleitet werden, und aller Wahrscheinlichkeit nach kommen diese Subventionen aus den Tresors der Banca Romana. Das erklärt ihr Schweigen. Aber in Frankreich?!? Ich kann Dich versichern, daß dieses unerklärliche Schweigen die Achtung, die die man den französischen Sozialisten im Ausland entgegenbringt, nicht erhöht hat. Natürlich haben Brousse und Co. ihren Anteil aus den durch Panama beschafften Geheimfonds gehabt – aber ist das nicht ein Grund mehr für unsere Leute, ihre Stimme zu erheben? „À la guerre comme à la guerre"1 besagte früher ein französisches Sprichwort, ist dem noch so?

Nach Mutter Crawford sind die über Lesseps und Co. verhängten schweren Strafen nur Sand, der den Gogos2 in die Augen gestreut wird. Der Kassationshof wird sie aufheben unter dem Vorwand, daß durch die Instruktion von Prinet die Verjährung nicht unterbrochen wurde, daß folglich die délits en question sont prescrits3. Wenn dieser Fall eintritt, bedeutet es, daß die „Eingeweihten", ceux qui ont touché4, dreist genug sind, ganz Frankreich zu sagen, daß es ein rechter Gogo ist. Das hieße, ganz gehörig se moquer du monde5.

Nun, ich hoffe, daß der Volkszorn endlich geweckt und Rache genommen wird. Es wird Zeit.

Bebel soll Dir seine Rede vom 3.Febr. im Stenogramm schicken. Sie ist wirklich prächtig, und möglicherweise werdet Ihr sie für den „Socialiste" sehr opportun finden. Unsere Leute haben den Reichstag vierzehn Tage lang ganz für sich gehabt. Erst die Notstandsdebatte6, 3 Tage, und alle

Parteien, von der Regierung an abwärts, haben unsere Männer angefleht, ihre Macht zu gebrauchen, um die streikenden Bergleute usw. zu beschwichtigen. Dann die kolossale Ungeschicklichkeit der Bourgeois, unsere Leute zu einer Debatte über die künftige Organisation der Gesellschaft zu provozieren – das hat fünf Tage gedauert! – das erste Mal, daß dieses Thema in irgendeinem Parlament diskutiert worden ist. Und im ganzen nur drei Sprecher auf unserer Seite – Bebel sprach zweimal, Frohme und Liebknecht – und die Bourgeois mußten uns das letzte Wort lassen und verzweifelt aufgeben (denn wir konnten die clôture7 durch einfaches Auszählen aufhalten, da das Quorum von 201 niemals anwesend war).

Während Ihr überschwemmt wurdet, lag ich „im Sterben" – den Zeitungen nach. Am Dienstag vor acht Tagen ein Telegramm aus Wien: war ich tatsächlich hinüber? Dann eins aus Dresden; um 5 Uhr morgens wurde ich herausgeklopft, eins aus New York. Das ging so noch ein paar Tage weiter, bis wir feststellten, daß fast alle Berliner Zeitungen eine Notiz enthielten, ich wäre in einem so hochgradigen Kräfteverlust, daß mein Ableben stündlich erwartet werde8. Wer diesen Blödsinn ausgeheckt hat, kann ich mir nicht vorstellen. Auf jeden Fall soll ihn der Teufel holen.

Herzliche Grüße von Louise.

Immer Dein
F. Engels

An Paul: Exeat taenia!9

Sam Moore ist am 28. Jan. wieder nach dem Niger abgereist.

Aus dem Englischen.