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Engels an Louis Héritier
in Genf
(Entwurf)

[London] 20. Januar 93

Lieber Bürger,

Mit großer Genugtuung ersehe ich aus Ihrem Schreiben vom 25. Dez., daß in Ihrem Artikel der Passus über Becker1 durch die Übersetzung entstellt worden ist. Tatsächlich war ich, als ich am Ende des Artikels Ihren Namen las, erstaunt. Man hatte mir von Ihnen mit geradezu brüderlicher Zärtlichkeit gesprochen, und damit bildeten diese abfälligen Worte einen geradezu schmerzlichen Kontrast. Leider lassen Sie zu, daß diese Worte in der Öffentlichkeit noch immer als die Ihren gelten, wie der ganze übrige Artikel.

Was Sie in der „V[olks-]T[ribüne]" auf meine Bemerkungen erwidern, ändert an meiner Ansicht nichts. Sie wissen sehr wohl, daß die Herren Anarchisten die Lüge von der im Hause von Marx abgehaltenen Konferenz einzig und allein zu dem Zweck erfunden haben, um behaupten zu können, dieser habe sich mit allen redlichen und unredlichen Mitteln bemüht, die Delegierten seiner Herrschaft unterzuordnen. Diese Erfindung fühlen Sie sich bemüßigt wiederzugeben. Beweise ich aber, daß sie eine Fälschung ist, so ist das für Sie nur ein Detail ohne irgendwelche Bedeutung!

Sie sagten, daß die Londoner Konferenz die Jurassier unter das Kommando des Genfer Föderalrats gestellt habe. Ich beweise, daß dies der Wahrheit widerspricht. Sie erwidern: „Was ich damals gesagt habe, scheint mir auch heute noch der Ausdruck der strikten Wahrheit." Sie ermahnen mich, ich weiß nicht in welchem Zusammenhang, zur Höflichkeit; wollen Sie vielleicht, daß ich Sie zur Aufrichtigkeit ermahne?

Ihre Nr. XIII2 beweist wiederum, daß Sie fast nichts von dem wissen, was sich außerhalb der anarchistischen Kreise zugetragen hat. Nach Ihren Bemerkungen über die Genfer Internationalen scheint es mir unmöglich, daß Sie eine vollständige Sammlung der Genfer „Égalité" eingesehen haben. Wenn die Genfer Internationalen zum Teil von kleinbürgerlichen Ideen angesteckt waren, so teilten sie diesen Fehler mit ihren Gegnern, den Anarchisten – denen Sie jenen gegenüber den Vorzug geben, die indessen nur die Kehrseite der kleinbürgerlichen Medaille bieten –, ja mit fast allen französischen und belgischen Internationalen, alles Proudhonisten, mit wenigen Ausnahmen. Von allen Gruppen romanischer Sprache waren nur die spanischen Anhänger des Generalrats damals sozialistische Demokraten im eigentlichen Sinne des Wortes. Haben übrigens die Genfer von heute bewiesen, daß sie mehr wert sind als ihre Vorgänger?

In derselben Nr. XIII3 geben Sie eine beträchtliche Menge anarchistischer Irrtümer und Lügen wieder und messen ihnen einen Glauben bei, der nach meinem deutlichen Hinweis etwas von seiner ursprünglichen Naivität verloren haben müßte. Sie kündigen eine zweite Arbeit über das gleiche Thema an. Ich hoffe, daß Sie sich, ehe Sie sich mit dem Stoff befassen, die Dokumente beschaffen, welche die Behauptungen und Machenschaften der Anarchisten im rechten Licht erscheinen lassen und es Ihnen ermöglichen, unparteiisch zu urteilen. Wenn nicht, so würden Sie mich zwingen, Ihnen abermals zu antworten. Es kümmert mich wenig, was die bürgerlichen Zeitungen über die alte Internationale sagen, aber wenn man ihre Geschichte sogar in den Parteiorganen zu entstellen beginnt, ist das etwas anderes. Ich verlange von Ihnen lediglich, daß Sie sich nicht über eine derartige Frage äußern, ohne beide Seiten der Frage, die einen wie die andern Dokumente, studiert zu haben. Unser Arbeiterpublikum muß die wenigen Stunden, die es der Lektüre widmen kann, der Ruhe und dem Schlaf entziehen; es hat also ein Recht darauf zu fordern, daß alles, was wir ihm bieten, das Ergebnis gewissenhafter Arbeit ist und nicht zu schwierigen Kontroversen Anlaß gibt, denen es unmöglich folgen kann.

Aus dem Französischen.