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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

London, 18. Jan. 93

Lieber Sorge,

Ich schicke Dir heute 2 alte Nrn. der eingegangnen „Berliner Volks-Tribüne", die andern sind im Weihnachtstrubel verlegt worden, falls ich sie finde, schicke ich sie Dir nach. Grund der Nichtsendung war der Bakunin-Artikel, der zuletzt mich zu einer Antwort zwang, da mußte ich die Nr. hierbehalten für eine etwaige Polemik. Im letzten (13ten1) Artikel, der leider verlegt – diese hat Dir Frau K[autsky], wie uns jetzt einfällt, inzwischen zugeschickt –2, wird noch mehr anarchistischer Lügenkram wiederholt, und der Verfasser nennt sich – ein gewisser Héritier (junger Genfer, den sich der alte J.Ph.Becker am Busen großgezogen hat), sucht auch auf meine Antwort sich zu rechtfertigen – verlogen. Da er mir schrieb, antworte ich ihm und zeige ihm an, daß, wenn er in dem angekündigten Opus ebenso verfährt, ich ihm derb auf die Finger hauen werde.

Hier war in Bradford Konferenz der Independent Labour Party, die Du aus der „Workman's Times" kennst. Die Social Democratic Federation einerseits, die Fabians andrerseits haben bei ihrem sektiererischen Verhalten den sozialistischen Andrang in den Provinzen nicht zu absorbieren vermocht, so war die Stiftung einer 3. Partei ganz gut. Nun aber ist der Andrang namentlich in den Industriebezirken des Nordens so groß geworden, daß diese neue Partei schon gleich auf diesem ersten Kongreß stärker auftrat als Social Democratic Federation oder Fabians, wo nicht stärker als beide zusammen. Und da die Massen der Mitglieder entschieden sehr gut, da der Schwerpunkt in den Provinzen liegt, nicht im Klüngelzentrum London, und das Programm im Hauptpunkt das unsre, so hatte Aveling recht, sich anzuschließen und einen Sitz in der Exekutive anzunehmen. Wenn hier die kleinlichen Privatstreber eien und Intrigen der Londoner Cerngröße etwas im Zaum gehalten werden und die Taktik nicht zu verkehrt ausfällt, kann es der Independent Labour Party gelingen, die Massen der Social Democratic Federation und in den Provinzen auch den Fabians abspenstig zu machen und dadurch Einheit zu erzwingen.

Die Social Democratic Federation hat Hyndman total in den Hintergrund geschoben. Sie ist bei seiner Intriegenpolitik so schlecht gefahren, daß – unter Andrang der Provinzdelegierten – H[yndman] bei seinen eigenen Leuten ganz in Verruf gekommen. Ein Versuch auf dem Unemployed Committee, wo auch andre mitarbeiteten, durch rrevolutionäre Großmäuligkeit sich wieder populär zu machen (wobei seine persönliche Feigheit seinen besten Freunden allbekannt!), hat nur dazu geführt, Tussy und Aveling auf demselben Committee größeren Einfluß zu verschaffen. Die Social Democratic Federation pocht nur auf ihre Anciennetät als älteste sozialistische Organisation hier, ist aber sonst viel toleranter gegen andre geworden, hat das Schimpfen eingestellt und fühlt sich überhaupt bedeutend mehr als was sie ist, nämlich weit kleiner als sie sich stellte.

Die Fabians sind hier in London eine Bande von Strebern, die Verstand genug haben, die Unvermeidlichkeit der sozialen Umwälzung einzusehn, die aber dem rohen Proletariat unmöglich diese Riesenarbeit allein anvertrauen können und deshalb die Gewohnheit haben, sich an die Spitze zu stellen; Angst vor der Revolution ist ihr Grundprinzip. Sie sind die „Gebildeten" par excellence. Ihr Sozialismus ist Munizipalsozialismus; die Kommune, nicht die Nation, soll wenigstens vorläufig Eigentümerin der Produktionsmittel werden. Dieser ihr Sozialismus wird dann dargestellt als eine äußerste, aber unvermeidliche Konsequenz des bürgerlichen Liberalismus, und daher folgt ihre Taktik, die Liberalen nicht als Gegner entschieden zu bekämpfen, sondern sie zu sozialistischen Konsequenzen fortzutreiben, ergo mit ihnen zu mogeln, to permeate Liberalism with Socialism3, und den Liberalen sozialistische Kandidaten nicht entgegenzustellen, sondern aufzuhängen und aufzuzwingen resp. aufzulügen. Daß sie dabei entweder selbst belogen und betrogen sind oder den Sozialismus belügen, sehn sie natürlich nicht ein.

Sie haben mit großem Fleiß unter allerlei Schund auch manche gute Propagandaschrift geleistet und in der Tat das Beste, was die Engländer in dieser Beziehung geleistet. Aber sowie sie auf ihre spezifische Taktik kommen: den Klassenkampf zu vertuschen, wird's faul. Daher auch ihr fanatischer Haß gegen Marx und uns alle – wegen des Klassenkampfs.

Die Leute haben natürlich viel bürgerlichen Anhang und daher Geld, und haben in den Provinzen viel tüchtige Arbeiter, die mit der Social Democratic Federation nichts zu tun haben wollten. Aber 5/6 der Provinzialmitglieder stehn mehr oder weniger auf unserm Standpunkt und werden im kritischen Moment entschieden abfallen. Sie haben sich in Bradford – wo sie vertreten – entschieden mehrmals gegen die Londoner Exekutive der Fabians erklärt.

Du siehst, es ist ein kritischer Punkt für die hiesige Bewegung, und aus der neuen Organisation kann etwas werden. Sie war einen Augenblick nahe daran, unter Champions, der bewußt oder unbewußt ebenso für die Tories arbeitet wie die Fabians für die Liberalen, – also unter Champions und seines Dir von Haag her bekannten Bundesgenossen Maltman Barrys Fittiche zu geraten (Barry ist jetzt geständiger und ständiger bezahlter Tory-Agent und manager of the Socialistic Wing of the Conservatives!4) – siehe „Workman's Times" von Nov. und Dez., aber Ch[ampion] hat schließlich vorgezogen, seinen „Labour Elector" wieder herauszugeben und sich damit in Gegensatz zur „W[orkman's] T[imes]" und zur neuen Partei gestellt.

Keir Hardie hat einen gescheiten Streich begangen, indem er sich an die Spitze dieser neuen Partei stellte, und John Burns, dessen absolute Unfähigkeit außerhalb seines Wahlbezirks ihm ohnehin schon viel geschadet, beging eine neue Eselei, daß er sich auch hier zurückhielt. Ich fürchte, er reitet sich in eine unhaltbare Lage fest.

Daß auch hier Leute wie K. Hardie, Shaw Maxwell andre allerlei persönliche Ambitions-Nebenzwecke verfolgen, versteht sich am Rand. Aber die daher entspringende Gefahr nimmt ab im Verhältnis, wie die Partei selbst massenhafter und stärker wird, und ist schon verringert durch die Notwendigkeit, den konkurrierenden Sekten keine Blößen zu geben. Der Sozialismus ist in den Industriebezirken in den letzten Jahren enorm in die Massen gedrungen, und auf diese Massen rechne ich, daß sie die Führer schon in Ordnung halten werden. Natürlich, Dummheiten wird's genug geben, auch Klüngel eien aller Art, wenn's nur gelingt, sie in den gehörigen Grenzen zu halten.

Schlimmstenfalls hat die Gründung der neuen Organisation den Vorteil, daß bei drei konkurrierenden Sekten leichter eine Einigung herbeizuführen als bei zwei, die sich polarisch entgegenstehn.

Was Du am 23. Dez. wegen Polen schreibst: Seit Kronstadt sind die Preußen auf einen Krieg mit Rußland gefaßt, daher polenfreundlich (haben uns auch Beweise davon gegeben). Dies werden die betreffenden Polen benutzen wollen, um den Krieg zu provozieren, der sie mit Hilfe Deutschlands befreien soll. Das will man aber in Berlin keinesfalls, und wenn der Coup losgehn sollte, wird Caprivi sie entschieden im Stich lassen. Wir können augenblicklich einen Krieg absolut nicht brauchen, wir haben sichere Mittel voranzukommen, die der Krieg nur stören würde.

Herzliche Grüße an Deine Frau und Dich auch von Frau K[autsky], die Dir am Samstag schrieb, leider zu spät für die Post.

Dein
F. E.