London, 31.Dez. 1892
Lieber Sorge,
Vor Jahresschluß noch ein paar Zeilen. Deine Briefe, 18.Nov. und 16.Dez., erhalten, besten Dank. Hast Du das Bücherpaket erhalten, das ich Dir im Sept. sandte per Post, enthaltend „Lage der arb[eitenden] Klasse", neue Ausgabe, und „Socialism, Utopian and Scientific", übersetzt von Aveling, mit Einleitung von mir? Wo nicht, schicke ich Dir eine zweite Sendung und eingeschrieben.
Hier im alten Europa geht es etwas lebhafter zu als in Eurem „jugendlichen" Land, das noch immer nicht recht aus den Flegeljahren heraus will. Es ist merkwürdig, aber ganz natürlich, wie in so einem jungen Land, das den Feudalismus nie gekannt, das von vornherein auf bürgerlicher Grundlage empor gewachsen, wie fest da die bürgerlichen Vorurteile auch in der Arbeiterklasse sitzen. Grade aus Gegensatz gegen das – noch feudale Verkleidung tragende – Mutterland bildet sich auch der amerikanische Arbeiter ein, die traditionell überlieferte bürgerliche Wirtschaft sei etwas von Natur und zu allen Zeiten Progressives und Überlegenes, ein Nonplusultra. Ganz so wie in Neu-England der Puritanismus, die Daseinsursache der ganzen Kolonie, eben deshalb traditionelles Erbstück und von ihrem Lokalpatriotismus fast unzertrennlich geworden ist. Die Amerikaner mögen sich sträuben und zerren wie sie wollen, sie können ihre allerdings riesengroße Zukunft nun einmal nicht diskontieren wie einen Wechsel, sie müssen die Verfallzeit eben abwarten, und grade weil die Zukunft so groß, muß ihre Gegenwart sich hauptsächlich beschäftigen mit der Vorarbeit für diese Zukunft, und diese Arbeit ist wie in jedem jungen Lande vorherrschend materieller Natur und bedingt eine gewisse Rückständigkeit des Denkens, ein Hängen an den mit der Gründung der neuen Nationalität zusammenhängenden Traditionen. Die angelsächsische Race – diese verdammten Schleswig-Holsteiner, wie Marx sie immer nannte – ist ohnehin schwerfällig von Gehirn, und ihre Geschichte in Europa wie Amerika (ökonomischer Erfolg und politisch vorherrschend friedliche Entwicklung) hat das noch mehr befördert. Da können nur große Ereignisse helfen, und wenn jetzt zum ziemlich vollendeten Übergang des National-Landbesitzes in Privatbesitz noch die Ausdehnung der Industrie unter einer weniger verrückten Zollpolitik und die Eroberung auswärtiger Märkte kommt, so kann's auch bei Euch gut werden. Die Klassenkämpfe waren auch hier in England heftiger während der Entwicklungsperiode der großen Industrie und versiegten grade während der Zeit der unbestrittenen industriellen Weltherrschaft Englands; auch in Deutschland fällt die Entwicklung der großen Industrie seit 1850 zusammen mit dem Aufschwung der sozial[istischen] Bewegung, und in Amerika wird es wahrscheinlich nicht anders gehn. Es ist die Revolutionierung aller hergebrachten Verhältnisse durch die sich entwickelnde Industrie, die auch die Köpfe revolutioniert.
Im übrigen haben die Amerikaner der europäischen Welt seit längerer Zeit den Beweis geliefert, daß die bürgerliche Republik die Republik der kapitalistischen Geschäftsleute ist, wo die Politik nur Handelsgeschäft wie jedes andre, und die Franzosen, bei denen die herrschenden Bourgeoispolitiker dies längst gewußt und im stillen praktiziert, lernen diese Wahrheit endlich auch auf nationalem Maßstab durch den Panama-Skandal. Damit aber die konstitutionellen Monarchien sich nicht tugendhaft in die Brust werfen, hat jede ihr kleines Panama: England die building societies scandals1, deren eine, die Liberator, eine Masse kleiner Sparmichel von etwa 8 Millionen £ Ersparnisse gründlich „befreit" hat, Deutschland die Baare-Skandäler und Löwe-Judenflinten (die beweisen, daß der preußische Offizier nach wie vor stiehlt, aber ganz ganz klein – das einzige, worin er bescheiden ist), Italien die Banca Romana, die schon ein annäherndes Panama ist und ca. 150 Deputierte und Senatoren gekauft hat, Dokumente hierüber sollen demnächst, wie mir mitgeteilt wird, in der Schweiz gedruckt werden; Schlüter soll auf alles achtgeben, was über die Banca Romana in Zeitungen erscheint. Und im heiligen Rußland entrüstet sich der Altrusse Fürst Meschtscherski über die Gleichgültigkeit, womit man in Rußland die Panama-Enthüllungen hinnimmt, und kann sich das nur daraus erklären, daß russische Tugend durch französische Beispiele verdorben und „wir selbst mehr als ein Panama zu Hause haben".
Die Panamageschichte ist aber doch der Anfang vom Ende der bürgerlichen Republik und kann uns bald in sehr verantwortlichkeitsvolle Lagen bringen. Die ganze opportunistische und der größte Teil der radikalen Bande ist schmählich kompromittiert; die Regierung sucht zu vertuschen, aber das geht nicht mehr, die beweisenden Aktenstücke sind in den Händen von Leuten, die die jetzigen Machthaber stürzen wollen: 1. die Orléans, 2. der gestürzte und durch Enthüllungen über seine skandalöse Vergangenheit unmöglich gewordne Minister Constans, 3. Rochefort und die Boulangisten, 4. Cornelius Herz, der, selbst tief in Schwindel aller Art verwickelt, sich offenbar nur nach London geflüchtet hat, um sich dadurch loszukaufen, daß er die andern hereinreitet. Alle diese haben mehr als genügende Beweise gegen die Diebsbande, halten aber zurück, erstens überhaupt, um nicht ihr Pulver auf einmal zu verschießen, und zweitens, um der Regierung wie den Gerichten Zeit zu geben, sich unrettbar festzureiten. Dies kann uns nur recht sein; es kommt hinreichend Stoff nach und ans Tageslicht, um die Aufregung im Gang zu halten und die dirigeants2 mehr und mehr hineinzuziehen, dann aber auch, um Zeit zu geben, damit der Skandal und die Enthüllungen ihre Wirkung tun bis in die entferntesten Winkel des Landes hinein noch vor der unvermeidlichen Kammerauflösung und den Neuwahlen, die aber nicht zu früh kommen dürfen.
Daß die Sache dem Zeitpunkt bedeutend näherrückt, wo unsre Leute in Frankreich die einzig möglichen Staatslenker werden, ist klar. Nur darf's nicht zu rasch gehn, unsre Leute sind in Frankreich noch lange nicht reif zur Herrschaft. Wie die Sachen jetzt liegen, läßt sich aber absolut nicht sagen, welche Zwischenstufen diesen Zwischenraum ausfüllen werden. Die alten republikanischen Parteien sind kompromittiert bis auf den letzten Mann, die Royalisten und Klerikalen haben die Panamalotterielose massenhaft vertrieben und sich damit identifiziert – hätte der Esel Boulanger sich nicht erschossen, jetzt wäre er Herr der Lage. Ich bin begierig, ob sich die alte unbewußte Logik der französischen Geschichte auch diesmal wieder bewähren wird. Überraschungen wird's genug geben. Wenn nur nicht während der klärenden Zwischenpause ein beliebiger General sich an die Spitze schwingt und Krieg anstiftet, das ist die einzige Gefahr.
In Deutschland geht der stetige, unaufhaltsame Fortschritt der Partei ruhig voran. Kleine Erfolge an allen Ecken und Enden, die den Fortgang beweisen. Wird die Militärvorlage im wesentlichen angenommen, so strömen uns neue Massen Unzufriedner zu; wird sie verworfen, aufgelöst, neugewählt, so erhalten wir mindestens 50 Sitze im Reichstag, was uns im Konflikt oft die entscheidende Stimme geben kann. Jedenfalls wird der Kampf, wenn er möglicherweise auch in Frankreich zum Ausbruch kommt, ausgekämpft nur in Deutschland. Aber es ist gut, daß der 3. Band3 jetzt endlich fertig wird – wann? kann ich freilich noch nicht sagen; die Zeiten werden unruhig, und die Wellen fangen an hoch zu gehen.
Herzliches Prosit Neujahr Dir und Deiner Frau, auch von Frau Kautsky.
Dein
F. Engels