245
Engels an Karl Kautsky
in Stuttgart

London, 4. Dez. 92

Lieber Baron,

Meinen besten Dank für Deine Glückwünsche zu einem sehr heiter verlebten Tag1 – leider kann ich das Kneipen noch immer nicht wieder vertragen und muß nun einige Wochen Enthaltsamkeitsbuße tun.

Dank auch für Einsendung des Zirkulars der neuen Zeitschrift – kennst Du die Leute? Mir sind sie total unbekannt.

Schmidts neueste Profrate habe ich noch gar nicht lesen können, ich muß mir alles vom Hals halten, was mir Nebenarbeit machen könnte, bis der III. Band2 fertig – die Unterbrechungen kommen ohnehin immer noch massenweise dazwischen.

Wegen der „N[euen] Z[eit]" haben wir lange gesprochen, Ede und ich, und ich lang an August gestern geschrieben3.

Meine Ansicht ist, soll die „N[eue] Z[eit]" in der von Dietz und August beabsichtigten Weise erleichtert, popularisiert und literarisch „interessanter" gemacht werden, dann muß sie nach Berlin. Nur dort kann eine politische Rundschau, die bis abends vor Drucklegung reicht, an Ort und Stelle geliefert werden, nur dort eine Masse künstlerischer und literarischer Arbeit rasch und „aktuell" hergestellt, mit der man sonst eine Woche nachhinkt. Dies und andre Umstände würden für eine Berliner Ausgabe 20–30% mehr Abonnenten liefern als für eine Stuttgarter.

Dann aber würde die „N[eue] Z[eit]" die beste Hälfte ihres Inhalts opfern – für diesen wäre dann eine strenger als bisher wissenschaftliche Monats- resp. Vierteljahrsschrift nötig, die, auf ein geringeres Publikum rechnend, zu höherem Preise verkauft werden müßte.

Was aber, wenn beides nicht geht? Dann – dies ist mir erst heute eingefallen – dann wäre vielleicht am besten, die „N[eue] Z[eit]" in eine Monatsschrift zurückzuverwandeln, aber mit jetzigem Umfang, also bei 104 Bogen im Jahr 8–9 Bogen monatlich. Dann können die längeren Artikel in einer, längstens 2 Nrn. gebracht werden, und müßten in letzterem Fall in I, II oder I, II, III, IV abgeteilt werden, was der Übersichtlichkeit nützen würde. Bei 2 Bogen monatlich kannst Du die längeren Artikel nicht da abbrechen, wo der Sinn es erfordert, die Rücksicht auf Raum und Mannigfaltigkeit des Inhalts jeder Lieferung verbietet das fast regelmäßig. So aber könntest Du Dir Deine Mitarbeiter darauf dressieren, selbst die Abteilung für 2 Nrn. zu machen. Dann kann auch jede Nr. „etwas für alle" enthalten. Aber auch in diesem Fall müßte auf ein geringeres Absatzgebiet gerechnet, also der Preis erhöht werden – so scheint mir wenigstens.

Jedenfalls, ehe Ihr experimentiert, überlegt Euch die Sache reiflich. Ein geschehener falscher Schritt kann schwer wieder zurückgenommen werden.

Käme die wöchentliche „N[eue] Z[eit]" nach Berlin, so würde sie das wöchentliche Zentralorgan in vieler Beziehung ersetzen. Sonst wird's damit wohl noch ein Jahr dauern. Bis dahin kann manches passieren. Die Zeiten werden lebhaft. Der Panama-Skandal sieht aus, als ob er für die französische Entwicklung einen Wendepunkt bezeichnen werde. Bombardieren solltest Du den Lafargue, daß er sich Material zu einer längeren Arbeit darüber sammelt resp. bei gewissen Abschlußpunkten einzelner Phasen des Skandals Dir Korrespondenzen schickt. Das ist ein Stoff, wo die „N[eue] Z[eit]" den Tagesblättern auch mit Bezug auf tatsächliche Nachrichten den Rang ablaufen kann.

„Vorwärts" – na, lieber schweigen!

Dein
F. Engels

Hierbei eine Kleinigkeit für die „N[eue] Z[eit]". Wenn Dir der Bericht Sternbergs zu lang, so streich ihn zusammen, ich habe, einmal im Zug, das ganze Ding übersetzt.