London, 1. Dez. 1892
Sehr geehrte Frau Liebknecht,
Meinen besten Dank für Ihre freundlichen Zeilen und Glückwünsche zu meinem Zweiundsiebzigsten, den wir vorigen Sonntag wie üblich im Freundeskreis gefeiert1 und wo wir auch so lange zusammenblieben, bis der richtige 28ste angebrochen war. Bei Ihnen scheint es ja recht früh Winter zu werden, wenn Sie schon mit Schnee und 10 Grad R gesegnet sind, wir kommen nicht so hoch, wir begnügen uns mit einer anmutigen Abwechslung von Regen und Nebel und haben von beiden mehr, als uns lieb ist.
Leider war es mir nicht möglich, diesen Brief rechtzeitig abzusenden, um zum Geburtstag Ihres Willy2 meine Gratulation abzustatten, ich hoffe, Sie nehmen auch diese nachträglichen Wünsche noch freundlichst entgegen. Daß Ihr Theodor, dem wie Karl ich bestens für die mir dargebrachten Glückwünsche ich aufrichtigen Dank sage, seine Mittenwalder Wochenlangweile durch einen Sonntag bei Ihnen unterbrechen kann, hatte ich mir wohl gedacht und freue mich, es bestätigt zu sehn. Ihrem Karl meine herzlichsten Wünsche zum Examen! Ich, der ich in meinem ganzen Leben kein Examen bestanden, kann mir dennoch wohl denken, wie einem jungen Mann drei Monat vor einem solchen Ereignis zumute ist.
Die Geschichte mit Stadthagen beweist, daß man uns auch ohne Sozialistengesetz noch hinreichend schikanieren kann. Die Gehaltsdebatte auf dem Parteitag hat, wie ich gern glaube, in Ihrer Familie viel Ärger verursacht, aber das ist nun einmal im öffentlichen Leben nicht zu vermeiden, die Leute sind nicht überall so bewilligungsbegierig wie der deutsche Reichstag, in andern Ländern müssen sich ja selbst Minister und gelegentlich sogar Kronenträger solchen Widerwärtigkeiten aussetzen. Da will jeder beweisen, daß „in Geldsachen die Gemütlichkeit aufhört“. Dafür hat Liebknecht auch einen wohlverdienten Triumph mit der Emser Depesche erlebt, das wiegt manches auf, und dann war ja auch seine Marseiller Reise eine fortwährende Ovation.
Pumps hat das Bedürfnis gefühlt, der Welt zu beweisen, daß sie trotz ihrer frühzeitigen grauen Haare noch eine junge Frau ist, und hat also ihren Mann vor etwas über 14 Tagen mit einem kleinen Mädchen beschenkt. Beide sind recht wohl nach Umständen. Auch mir geht es im ganzen recht gut, obwohl ich noch nicht hinreichend mobil bin, aber wenn man durchs Fenster in den hartnäckigen Landregen hineinsieht, so macht man sich weniger daraus.
Leben Sie recht wohl, und seien Sie nebst Ihrer ganzen Familie aufs herzlichste gegrüßt von
Ihrem
F. Engels
Lieber Liebknecht,
Auf den sequent wirst Du wohl noch etwas warten müssen, der III. Band3 drängt; in Frankreich sind wir, wie es fast scheint, wieder anno 47, und der Panama könnte der ganzen bürgerlichen Cochonnerie4 den Hals brechen. Das schlägt sowohl die Skandalör von 1847 wie die des II. Kaiserreichs. Schreibe doch Deinen Pariser Korrespondenten, daß sie Dir darüber berichten und Material in Zeitungen schicken – diese Sachen mußt Du persönlich verfolgen!
Dein alter
F. E.