London, 23. Okt. 92
Lieber Victor,
Wegen des Trades Unions internationalen Kongresses brauchst Du Dir keine Sorge zu machen.1 Erstens war die ganze Geschichte wahrscheinlich nur ein Mittel, den Beschluß gegen die Züricher durchzukriegen, und wird vom Parliamentary Committee vielleicht gar nicht angeregt. Zweitens ist’s mit dem Hingehen einzelner Kontinentaler nicht so arg, da selbst die – noch von Possibilisten, wenn auch nicht mehr unbestritten, beherrschte – Pariser bourse du travail beschloß, die Trades Unions zum Aufgeben ihres Planes aufzufordern. Was also sollte da noch kommen? Vielleicht Herr Gilles, als Vertreter der deutschen Unabhängigen?!
Einsendung des Beschlusses der österreichischen Gewerkschaften ans Parliamentary Committee wird sehr nützlich sein. Wegen der Adresse werde ich Aveling fragen, ich kann sie nicht finden.
Gestern bin ich zum erstenmal wieder über Primrose Hill gegangen und denke mit gehöriger Vorsicht Ende der Woche ein Stückchen weiter zu sein. Den Macewen werde ich mir merken. Er ist jedenfalls Consulting surgeon, das heißt, daß er nur anderen Ärzten, nicht dem Publikum direkt, Rat gibt. Das werde ich schon erfahren. Du hast gar keine Idee davon, wie hier alles, auch die Medizin, von Etikette beherrscht wird und ein Verstoß gegen diese Etikette viel schwerer wiegt als zehn gegen das Sittengesetz. Ich kenne einen Ausspruch der Manchester Medici-Ethical-Gesellschaft als Schiedsgericht über meinen Freund Gumpert in Manchester. Er hatte beim Beileidsbesuch in einer Familie, wo er nicht Arzt war (es war etwa 1866–67), sein gelindes Bedenken geäußert, daß der Hausarzt erlaube, andre Kinder zu den Leichen zweier am Scharlach gestorbener Kinder zuzulassen, und der andere Arzt beklagte sich darüber. Urteil: that Dr. Gumpert had committed a breach of medical etiquette, though he was morally right!2 Also nochmals besten Dank, Dein Rat wird befolgt.
Dem Stepniak schreibe ich morgen wegen der Arbeit. Hast Du dann in 14 Tagen, sage bis 7.–8. Nov., noch nichts, dann bitte schreib nochmals, er wird dann wieder getreten. Sonst kriegst Du nichts aus einem Russen heraus.
Ich bin jetzt am III. Band „Kapital“. Hätte ich in den letzten vier Jahren nur einmal drei ruhige Monate vor mir sehen können, es wäre längst fertig. Aber so gut wurde mir nie. Diesmal nehme ich mir die freie Zeit mit Gewalt und größter Vernachlässigung aller Korrespondenz und sonstiger Dinge. Ich finde, daß ich an der schwierigsten Stelle schon sehr gut vorgearbeitet habe, als ich das letztemal dran war, und so geht’s bis jetzt ziemlich flott – allerdings bin ich jetzt aber auch grade vor der Hauptschwierigkeit, die mir seit Jahren den Weg versperrte, aber ich arbeite mit Lust und soweit auch mit ungeschwächter Kraft, und so wird’s wohl diesmal was werden.
Hiebei ein Aktenstück zur Charakteristik der Anarchisten tschechischer Nationalität. Die Herren fangen an, das Prinzip, daß Wählen ein revolutionärer Akt ist, gegeneinander anzuwenden. Die Schweinereien drin will ich noch dadurch entschuldigen, daß die Knoten als Nichtdeutsche sich des vollen Eindrucks ihrer Stilblüten auf Deutsche nicht ganz bewußt waren.
Die guten Nachrichten wegen Deiner Frau haben uns alle ungemein gefreut. Wir hoffen, es bleibt in der Richtung und Du kannst uns bald wieder Erfreuliches berichten.
Herzliche Grüße von Louise an Dich, Deine Frau und Kinder, denselbigen gleichen auch von
Deinem
F. Engels
Adr. des Parlamentarischen Comités
C. Fenwick, Esq. M.P.
12, Buckingham st. Strand
W. C. London
Nach: Victor Adler, „Aufsätze, Reden und Briefe“, Heft 1, Wien 1922.