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Engels an Charles Bonnier
in Oxford
(Entwurf)

[London, Mitte] Okt. 92

Mein lieber Bonnier,

Dank für den Protot, den ich erhalten habe. Aber zunächst eine Richtigstellung.

Sie sagen: „während die französischen Sozialisten gegen die russische Allianz protestieren und nichts von einem Krieg gegen Deutschland hören wollen, lassen besonders Bebel und Sie sehr wohl den Gedanken eines Defensivkriegs gegen Frankreich und Rußland zu, an dem die deutschen Sozialisten teilnehmen würden", und daß „diese Klagen, die in Frankreich sehr wohl verstanden werden, Guesde langweilen".

Wenn die französischen Sozialisten nicht ausdrücklich von dem Fall eines Defensivkriegs sprechen, in dem sie aus freien Stücken helfen würden, einen Angriff Kaiser Wilhelms1 abzuwehren, so deshalb, weil das so bekannt, anerkannt und abgemacht ist, daß es nicht notwendig ist, darüber zu sprechen. Es gibt keinen Sozialisten in Deutschland, der daran zweifelt, daß in einem solchen Falle die französischen Sozialisten selbstverständlich ihre Pflicht tun würden, um ihre nationale Unabhängigkeit zu verteidigen, keinen, der ihnen das verdenken würde; im Gegenteil, man würde ihnen zustimmen. Das gerade ist der Gesichtspunkt meines Artikels2. Wenn ich nicht von der Idee ausginge, daß im Falle eines Angriffs von außen die französischen Sozialisten die Waffen zur Verteidigung von Heim und Herd ergreifen würden, wäre mein ganzer Artikel absurd. Ich verlange nur, daß man das gleiche Prinzip den deutschen Sozialisten im Falle eines russischen Angriffs zubilligt, selbst wenn dieser von dem offiziellen Frankreich unterstützt würde. Dasselbe gilt für Bebels Reden. Die Leute in Frankreich, die daraus Beschuldigungen gegen uns ableiten, gehören zu jenen, die da sagen: quod licet Jovi gallico non licet bovi germanico3; sie zur Vernunft zu bringen ist, wie mir scheint, Sache der französischen Sozialisten und nicht allzu schwierig.4

Im übrigen möchte ich Sie davon in Kenntnis setzen, daß das, was Herr Protot aus meinem Artikel zitiert, ganz einfach eine grobe Fälschung ist.

Sie sagen, die Broschüre sei gut geschrieben. Ich finde sie sehr schwach; der Schluß, wo dieser Possenreißer sich als Ökonom aufspielt, ist mehr als grotesk. Wenn er stark ist, dann durch die souveräne Verachtung, mit der er sein Publikum überschüttet. – Man muß in der Tat seine Leser für unheilbare Narren halten, wenn man es wagt, ihnen eine solche Anhäufung von offensichtlichen Fälschungen (in denen Sie nur verstümmelte Reden sehen) und einander widersprechenden Lügen anzubieten. Genügt es denn, sich die Maske des Déroulèdismus aufzusetzen, um die Leute, die in Paris die öffentliche Meinung bestimmen, alles, was man will, schlucken zu lassen? Sollte der Boulangismus noch lebendig sein, lebendiger als zu Boulangers Lebzeiten?

Eine solche Anhäufung von Lügen und Fälschungen ist tatsächlich nicht zu widerlegen. Diesen 32 Seiten müßte man 3200 Seiten entgegensetzen, um die Wahrheit wiederherzustellen. Es gibt nicht ein einziges einigermaßen bedeutendes Zitat, das nicht unverschämt gefälscht wäre; erst nachdem ich mehrere Stellen verglichen habe, habe ich das Ausmaß der Dreistigkeit des Herrn Protot erkannt.

Dann meine Meinung über die Art und Weise, wie das geschrieben ist; ich finde es erbärmlich. In auffallendem Gegensatz dazu steht die Auswahl des Materials, das sorgfältig zusammengestellt wurde. Offenbar ist es eine andere Hand, die sich diese Mühe gemacht hat. Das ist bestimmt nicht Protot.

Noch weniger ist es einer der Unabhängigen, wie der „Vorwärts" annimmt; ihr Manifest (Hans Müllers „Klassenkampf") zeichnet sich durch die geringe Sorgfalt aus, mit der er seine Texte belegt hat.

Es ist auch nicht die französische Polizei. Man spürt zwar, daß sie ihre Hand im Spiel hat, aber sie würde sich nicht ausgerechnet mit der Außenpolitik der rumänischen Sozialisten befassen.

Wenn Herr Protot letztere beschuldigt, Feinde des Heiligen Rußlands zu sein, wenn er zweimal die „Munca" („Arbeit") von Bukarest zitiert und verrät, daß Nădejde aus Jassy „Zigeuner" ist, so tut er das im Interesse der russischen Gesandtschaft, die diese Informationen geliefert haben muß und wahrscheinlich auch jene über die deutschen Sozialisten, die in Berlin von irgendeinem Attaché da unten gesammelt wurden.

Also ist die Schmähschrift Protots nicht nur im Interesse der Polizei. Sie ist auch in russischem Interesse; sie ist Bestandteil der heftigen Anstrengungen, die Rußland macht, um sich die französische Allianz zu sichern.

In der Tat ist es Rußland, das Frankreichs bedarf. Rußland ist derart erschöpft durch die soziale Desorganisation als Folge der ökonomischen Veränderungen, die es seit 1861 durchmacht, durch die rücksichtslose Entwaldung, durch den Ruin der Landwirtschaft und Hausindustrie der Bauern, durch die Hungersnot und die Cholera, daß es einen Krieg gar nicht zu Ende führen könnte. Seine Finanzen und sein Kredit sind in einem Zustand der Zerrüttung, der an das Frankreich von 1788 erinnert; wenn das Publikum im Westen seinen Geldbeutel nicht weiter aufmachen will, bleiben ihm nur drei Chancen: 1. der Bankrott, 2. die Einberufung der Nationalversammlung, um eine neue Anleihe sanktionieren zu lassen, die dann in Westeuropa Aussicht auf Erfolg haben könnte, 3. der Verzweiflungskrieg – und für diesen letzten Fall braucht man Frankreich; ist der Krieg erst einmal erklärt und die französische Armee hineingezogen, so ist 10 zu 1 damit zu rechnen, daß der Zar7 sich mit Wilhelm und Franz Joseph8, die ihm entgegenkommen werden, verständigen wird, und das schöne Frankreich wird die Kosten des Versöhnungsbanketts zu bezahlen haben.

Aus dem Französischen.