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Engels an Victor Adler
in Wien

London, 25. September 1892

Lieber Victor,

Dein Geschäft mit Stepniak ist erledigt, und zwar ehe Dein Telegramm und die zwei Briefe ankamen. St[epniak] nämlich* schickte mir Deinen Brief vom 15. ein mit der Bemerkung, er habe jetzt die förmliche Einwilligung Sonnenscheins und werde morgen (id est vorigen Donnerstag, 22.) kommen, sich die auf mich angewiesenen 15 Pfund Sterling dagegen eintauschen. Obwohl ich keinen Avis von Dir hatte, bin ich doch ein viel zu guter Kaufmann, um nicht die Unterschrift der renommierten Firma V. A[dler] zu honorieren, selbst wenn der formelle Avis an mich direkt noch nicht eingetroffen. Du hattest eben nicht nur St[epniak], sondern auch mir gewissermaßen die Pistole auf die Brust gesetzt, sonst hätte ich, wäre mir irgendein Ausweg offengeblieben, in Deinem Interesse mich an der Zahlung einstweilen vorbeizudrücken gesucht. Und zwar einzig aus dem Grunde, weil Du nun St[epniak] alles gezahlt hast, was er zu bekommen hat; dadurch aber ist er beim Erscheinen Deiner Übersetzung nur noch schriftstellerisch, aber nicht mehr pekuniär interessiert, und wie ich meine Russen kenne, scheint mir das nicht die richtige Methode, von ihm die Arbeit für den zweiten Band herauszuschlagen. Genug, da war nichts mehr zu machen. Ich hätte mir ein schriftliches Versprechen, die Sache innerhalb bestimmter Frist zu liefern, geben lassen können; das wäre aber absolut nutzlos gewesen, Du hast jedenfalls schon Schriftliches genug von ihm, und ein neuer Wisch hätte ihn nicht veranlaßt, rascher zu arbeiten.

So begnüge ich mich mit seinem in Louisens Gegenwart gegebenen Versprechen, Dir das Bewußte in längstens 14 Tagen zu liefern (va-t'en voir s'ils viennent, Jean!1) und ihm dann gegen inl. Schein und die Sonnenscheinsche, vollständig genügende Erklärung die ihm von Dir als bei mir zu erheben zugesagten 15 Pfund Sterling zu zahlen. Du schriebst ihm:

you can also hand the formal paper to Mr. Engels, and you will receive immediately from him the sum of 15 pounds.
Du siehst, gegen diesen kategorischen Wortlaut war nicht aufzukommen.**

Ich habe dem St[epniak] dabei auseinandergesetzt, wie er durch seine Bummelei sich selbst geprellt hat; wie bei rationellem Verfahren S. S[onnenschein] & Co. mit höchstens 5 Pfund Sterling abzuspeisen gewesen und er, St[epniak], um so mehr hätte einstecken können (Aveling behauptet, S. S[onnenschein] & Co. hätten die Erlaubnis auch gratis gegeben, weil die Übersetzung ohnehin Reklame fürs Buch macht). Das war ihm ganz neu und wird er sich's wohl merken. Du aber hast den größten Schaden davon.

Summa summarum: in ähnlichen künftigen Fällen tust Du am besten, mir von vornherein Mitteilung zu machen, wo ich Dir dann entweder mein unmaßgeblichen Rat mitteilen oder aber, sei es selbst, sei es durch Louise oder Avelings die Unterhandlungen sofort hier für Dich führen kann. Auch in literarischen Geschäften ist „Platzkenntnis" erstes Erfordernis, wenn man nicht geprellt sein will.

Wir freuen uns, daß es Deiner Frau soviel besser geht und hoffen, es geht so weiter. Unsere besten Wünsche begleiten Euch!

Von Andreas Scheu haben wir seit Jahren nichts gesehen, seit Monaten nichts gehört und seit undenklicher Zeit hier nicht gesprochen. Wir wissen absolut nichts von ihm. Wegen Onkel J[ulius] nebst Tante3 kannst Du ruhig sein – wir sehen sie fast nie, da sie sich systematisch gegen uns abschließen, und erzählen ihnen noch viel weniger.

Der Bericht über Hyndman hätte nicht gedruckt werden sollen. Er war unverbürgte Privatmitteilung und mag formell Unrichtiges enthalten. Der Sache nach ist er richtig: H[yndman] ist abgesetzt, wenn auch in möglichst schonender Form. Die Drohung eines derartigen Antrags, unterstützt von der Mehrzahl der Delegierten, mag hingereicht haben. Das schlimmste ist: man kann auf das Dementi nicht antworten, ohne ihm hier eine günstigere Position zu verschaffen. Er selbst hat auch in „Justice" etwas, worin er die Erwartung ausspricht, der „Vorwärts" werde seinen Brief nicht abdrucken. Damit ist er nun blamiert.

Soziales aus Rußland"4 erhältst Du in zwei Exemplaren. Von den „Bak[unisten] an der Arbeit" habe ich bis jetzt nur noch ein (mit anderen zusammengebundenes) Exemplar, nämlich mein Handexemplar, finden können. Das agitatorische Wegleihn habe ich mir notgedrungen abgewöhnen müssen und rate Dir auch dasselbe. Mein Handwerkzeug gebe ich ein für allemal nicht mehr aus dem Hause.

Meine Gesundheit geht „immer langsam voran". L[ouise] sagt mir, Du habest nach der Dauer der Geschichte gefragt – vor etwa zehn Jahren, durch Exzeß, zur Erscheinung gebracht. Grund gelegt vor etwa 25 Jahren durch einen Sturz mit dem Pferd bei der Hetzjagd. Ferner zur Nachricht, daß ich schon nach wenig Jahren, nachdem die Sache deklariert war, wegen unangenehmer Empfindungen in der Gegend des Leistenkanals eine Bandage mit Bruchkissen zu tragen genötigt wurde, auch scheint in der Gegend links eine kleine varice5 zu sein. Seit ein paar Tagen glaube ich entschiedene Wendung zum Bessern zu spüren, doch ist noch immer Druckempfindlichkeit vorhanden, besonders nach etwas Stehen oder Gehen; ich muß jedenfalls noch etwas Geduld haben und der Ruhe pflegen. L[ouise] sagt mir, Du wolltest die Freundlichkeit haben, Dich nach einem hiesigen Spezialisten zu erkundigen, das wäre mir sehr lieb, namentlich da jede [6...]

Nach: Victor Adler,
„Aufsätze, Reden und Briefe",
Heft 1, Wien 1922.