London, 22. Sept. 1892
Werter Herr,
Soweit stimmen wir nun also in dem einen Punkt überein, daß Rußland im Jahre 1892 nicht als ein reines Agrarland existieren könnte, daß seine landwirtschaftliche Produktion durch industrielle ergänzt werden muß.
Ich behaupte nun, daß industrielle Produktion heutzutage grande industrie1 bedeutet, Dampf, Elektrizität, mechanische Spindeln und Webstühle und schließlich maschinelle Herstellung der Maschinen selbst. Von dem Tage an, da Rußland Eisenbahnen einführte, war die Einführung dieser modernen Produktionsmittel beschlossene Sache. Ihr müßt imstande sein, Eure eigenen Lokomotiven, Waggons, Schienenwege zu reparieren, und das kann nur auf billige Weise geschehen, wenn Ihr bei Euch auch die Dinge herstellen könnt, die Ihr reparieren wollt. Von dem Augenblick an, da die Kriegführung ein Zweig der grande industrie wurde (Panzerschiffe, gezogene Geschütze, schnellfeuernde Repetierkanonen, Repetiergewehre, Stahlmantelkugeln, rauchloses Pulver usw.), ist die grande industrie, ohne die alle diese Dinge nicht produziert werden können, eine politische Notwendigkeit geworden. All das kann man nicht ohne eine hochentwickelte Metallindustrie haben, und diese wieder ist unmöglich ohne eine entsprechende Entwicklung aller anderen Industriezweige, namentlich der Textilindustrie.
Ich pflichte Ihnen völlig bei, wenn Sie den Beginn der neuen industriellen Ära Ihres Landes ungefähr mit dem Jahre 1861 ansetzen. Es war der hoffnungslose Kampf einer Nation mit primitiven Produktionsformen gegen Nationen mit moderner Produktion, der dem Krimkrieg seinen Stempel aufdrückte. Das russische Volk hat das voll und ganz verstanden; daher sein Übergang zu modernen Formen, ein Übergang, der mit der Emanzipationsakte von 1861 unwiderruflich wurde.
Gibt man diese Notwendigkeit des Übergangs von den primitiven Produktionsmethoden, die 1854 vorherrschten, zu den modernen Methoden, die jetzt vorzuherrschen beginnen, erst einmal zu, so wird es zu einer Frage zweiten Ranges, ob die treibhausmäßige Förderung der industriellen Revolution durch ein System von Schutzzöllen vorteilhaft oder sogar notwendig oder sonstwas war.
Diese industrielle Treibhausatmosphäre läßt den Prozeß akut werden, der sonst möglicherweise eine mehr chronische Form angenommen hätte. Sie preßt eine Entwicklung, die sonst vielleicht sechzig oder noch mehr Jahre verlangt hätte, in einen Zeitraum von zwanzig Jahren zusammen. Aber sie beeinflußt nicht die Natur dieses Prozesses selbst, der, wie Sie sagen, von 1861 datiert.
Eines ist sicher: Wenn Rußland tatsächlich eine eigene grande industrie brauchte und entschlossen war, sie zu bekommen, so konnte es sie, wenn überhaupt, nur bei einem gewissen Grade des Schutzes bekommen, und das geben Sie zu. Von diesem Gesichtspunkt aus ist also dann die Schutzzollfrage nur eine Frage des Grades und nicht des Prinzips; das Prinzip war unvermeidlich.
Noch etwas steht fest: Wenn Rußland nach dem Krimkrieg eine eigene grande industrie brauchte, so konnte es sie nur in einer Form bekommen: der kapitalistischen. Und damit mußte es all die Folgen auf sich nehmen, die die kapitalistische grande industrie in allen anderen Ländern mit sich bringt.
Ich kann nun nicht einsehen, inwiefern die Resultate der industriellen Revolution, die sich in Rußland vor unseren Augen abspielt, in irgendeiner Beziehung von denen verschieden sind, die sich in England, Deutschland, Amerika zeigen oder gezeigt haben. In Amerika sind die landwirtschaftlichen Betriebs- und Besitzverhältnisse anders. Und das ist allerdings ein Unterschied.
Sie beklagen sich über das langsame Anwachsen der Zahl der in der Textilindustrie beschäftigten Arbeiter, verglichen mit dem Wachstum des Produktionsvolumens. – Das ist überall so. Woher sonst unsere „industrielle Reservearmee"? („Kapital", Kap. 23, 3 und 4.2)
Sie weisen die allmähliche Ersetzung der Männerarbeit durch Frauen- und Kinderarbeit nach – „Kapital", Kap. 13, 3, a.3
Sie klagen darüber, daß die maschinell produzierten Waren die Produkte der Hausindustrie verdrängen und so eine ergänzende Produktion zerstören, ohne die der Bauer nicht leben kann. Aber das ist eine absolut notwendige Folge der kapitalistischen grande industrie: die Schaffung des inneren Markts („Kapital", Kap. 24, 54), wie sie in Deutschland zu meiner Zeit und unter meinen eigenen Augen vor sich ging. Sie führen ferner an, daß die Einführung von Baumwollwaren nicht nur die häusliche Spinnerei und Weberei der Bauern, sondern auch ihre Flachskultur verdrängt; aber das gleiche haben wir in Deutschland in der Zeit von 1820 bis jetzt beobachtet. Und was diese Seite der Frage – die Zerstörung der Hausindustrie und der ihr zugrunde liegenden Zweige der Landwirtschaft – angeht, so scheint mir der springende Punkt der zu sein, daß die Russen entscheiden mußten, ob ihre eigene grande industrie ihre Hausindustrie zerstören oder ob der Import englischer Waren dies vollbringen sollte. Mit Schutzzoll haben das die Russen selbst besorgt, ohne Schutzzoll hätten es die Engländer getan. Das scheint mir ganz klar.
Ihre Berechnung, daß die Summe der Textilprodukte der grande industrie und der Hausindustrie nicht wächst, sondern gleichbleibt, ja sogar zurückgeht, ist nicht nur völlig richtig, sie wäre unrichtig, wenn sie zu einem anderen Resultat käme. Solange sich die russische Manufaktur auf den inneren Markt beschränken muß, können ihre Produkte auch nur den Inlandsbedarf decken. Dieser aber kann nur langsam wachsen und sollte sogar, wie mir scheint, unter den gegenwärtigen Bedingungen in Rußland abnehmen.
Denn es ist eine der notwendigen Folgeerscheinungen der grande industrie, daß sie ihren eigenen inneren Markt durch denselben Prozeß zerstört, durch den sie ihn schafft. Sie schafft ihn, indem sie die Basis der bäuerlichen Hausindustrie vernichtet. Aber ohne Hausindustrie kann die Bauernwirtschaft nicht leben. Die Bauern werden als Bauern ruiniert; ihre Kaufkraft wird auf ein Minimum reduziert; und bis sie sich als Proletarier in die neuen Existenzbedingungen hineingefunden haben, geben sie für die neuentstandenen Fabriken einen sehr schlechten Markt ab.
Die kapitalistische Produktion als eine vorübergehende ökonomische Phase ist voll innerer Widersprüche, die sich in dem Maße entfalten und sichtbar werden, in dem sie sich selbst entfaltet. Die Tendenz, ihren eigenen Markt zu schaffen und zugleich zu zerstören, ist einer dieser Widersprüche. Ein anderer liegt in der безвыходное положение5, zu der sie führt und die in einem Land ohne auswärtigen Markt, wie Rußland, eher eintritt als in Ländern, die auf dem freien Weltmarkt mehr oder weniger konkurrenzfähig sind. Diese letztgenannten Länder finden in einer solchen scheinbar ausweglosen Lage eine Lösung in der Ausdehnung des Handels durch gewaltsame Erschließung neuer Märkte. Aber auch da steht man vor einem cul-de-sac6. Nehmen Sie England! Der letzte neue Markt, dessen Erschließung dem englischen Handel eine zeitweilige Wiederbelebung bringen könnte, ist China. Daher besteht das englische Kapital darauf, die chinesischen Eisenbahnen zu bauen. Aber chinesische Eisenbahnen bedeuten die Zerstörung der ganzen Basis der chinesischen kleinen Landwirtschaft und Hausindustrie, und da es nicht einmal eine chinesische grande industrie als Gegengewicht gibt, wird es Hunderten von Millionen Menschen unmöglich gemacht, ihr Dasein zu fristen. Die Folge wird eine Massenauswanderung sein, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, eine Überflutung Amerikas, Asiens und Europas durch den verhaßten Chinesen, der dem amerikanischen, australischen und europäischen Arbeiter auf der Grundlage des chinesischen Lebensstandards, des niedrigsten der Welt, Konkurrenz machen wird – und wenn die Produktionsweise in Europa bis dahin noch nicht umgewälzt ist, so wird ihre Umwälzung dann notwendig werden.
Die kapitalistische Produktion erzeugt ihren eigenen Untergang, und Sie können sicher sein, sie wird das auch in Rußland tun. Sie kann, und wenn sie sich lange genug hält, wird sie bestimmt eine fundamentale Agrarrevolution bewirken – ich meine eine Revolution in den ländlichen Besitzverhältnissen, die den помещикъ7 wie den мужикъ8 ruinieren und sie durch eine neue Klasse von Großgrundbesitzern ersetzen wird, welche sich aus den Двор-кулакъ9 und den Bourgeoisspekulanten der Städte rekrutiert. Auf jeden Fall werden die konservativen Elemente, die den Kapitalismus in Rußland eingeführt haben, eines Tages über die Folgen ihres eigenen Handelns schrecklich erstaunt sein.
Ihr sehr ergebener
P. W. Rosher
Aus dem Englischen.