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Engels an Conrad Schmidt
in Zürich

London, 12. Sept. 92

Lieber Schmidt,

Ich bin seit ein paar Tagen von Ryde zurück, wo ich einen sechs Wochen langen unfreiwilligen Aufenthalt bei Pumps genommen. Ein lästiges, aber sonst unbedeutendes Unwohlsein hat mir meine Ferien und eine kontinentale Reise verdorben, auf der Sie mich sonst wahrscheinlich in Zürich zu sehn bekommen hätten.

Auf Ihre weiteren Studien über die Profitrate bin ich begierig. Den Firemanschen Artikel hat F[ireman] mir nicht geschickt, kann man das Heft separat haben? Dann bestelle ich mir's, falls Sie mir genau das Heft und den Titel des Artikels angeben. Den Abschnitt über die Profitrate besonders vorher abzudrucken, geht absolut nicht, Sie wissen, bei Marx ist das alles so verkettet, daß nichts aus dem Zusammenhang gerissen werden kann. Ohnehin werde ich, falls ich gesund bleibe und man mir Ruhe läßt, diesen Winter fertig mit dem III. Band1 (darüber aber halten Sie ja reinen Mund bitte, ich weiß, wie oft mir was dazwischengekommen), und dann wird die arme Professorenseele nach dieser Seite Ruhe, aber auch sofort um so mehr Unruhe haben.

Über die Marxsche Geschichtsauffassung finden Sie einen Artikel von mir in der nächsten Nr. der „N[euen] Z[eit]" – er ist hier englisch schon erschienen.

Über Geld und Kredit sind die Deutschen absolut nicht zu gebrauchen. Über Knies hat M[arx] selbst schon arg gespottet vor Jahren. Die beiden brauchbarsten englischen Sachen sind Tooke, „An Inquiry into the Currency Principle", 1844, und Fullarton, „On the Regulation of Currencies", 2. Aufl., 1845, beide nur noch antiquarisch zu haben. Was über Geld qua2 Geld zu sagen, steht alles im I. Band „Kapital". Im III. kommt über Kredit und Kreditgeld natürlich viel, es ist grade dieser Abschnitt, der mir die meiste Schwierigkeit macht.

Rogers' „Econ[omic] Interpr[etation] of Hist[ory]" ist ein in vieler Beziehung lehrreiches, aber äußerst flaches Buch, theoretisch gesprochen. Von einer Auffassung à la Marx ist natürlich nicht die Rede.

Ihr Aufsatz in der „N[euen] Z[eit]" hat mir viel Freude gemacht – für hier wäre er wie geschaffen, da die Jevons-Mengerianer hier in der Fabian Society arg grassieren und mit unendlicher Verachtung auf den längst überholten Marx herabsehn. Wäre hier eine Revue, wo er unterzubringen, ließe ich ihn mit Ihrer Erlaubnis durch Aveling unter meiner Durchsicht übersetzen. Daraus wird jetzt wohl schwerlich etwas werden – die Revue fehlt!

Was die Herren Unabhängigen angeht, so haben sie sich ihr Schicksal selbst zugezogen. Die Partei hat mit einer wahren Lammsgeduld jahrelang ihr Gekläff toleriert, ihnen noch in Erfurt alle Gelegenheit gegeben, ihren verlogenen Klatsch zu beweisen, aber eine Million Leute kann sich nicht ewig durch fünfzig naseweise Bengel lahmlegen lassen, die das Recht beanspruchen zu verlästern, ohne beweisen zu müssen. Jetzt sind sie heraus, jetzt könnten sie zeigen, was sie leisten können, und nichts als das ewige Lügen und Schimpfen. Die Leute, die etwas versprachen, die Kampffmeyer, Ernst, Müller und wie sie alle heißen, was haben sie denn fertiggebracht, seitdem der Druck der Parteileitung nicht mehr auf ihnen lastet. Ihr Blatt3 ist absolut inhaltslos, und außer diesem tun sie nichts. Wenn diese Herren glauben, sie könnten was, warum tun sie's nicht? Die Polemik des „Vorwärts" ihnen gegenüber, wie auch sonst, ist manchmal ungeschickt, das Blatt haut oft genug über die Schnur, das ändert absolut nichts an der Sache. Haben die Herren nicht schon vor der Trennung ebenso arge Sprache gegen Fraktion und Parteileitung verführt wie der „Vorwärts" gegen sie? Dazu sind sie im ganzen absolut unschädlich. In Deutschland sind sie tot wie jeder, der sich von der großen Bewegung trennt. In den ausländischen Vereinen ist, seitdem die Bewegung in Deutschland selbst stark geworden und im Lande selbst geleitet wird, der einzig günstige Nährboden für derlei Quengeleien, wie ich das hier in Verein seit 45 Jahren durchgemacht. Bis 1860 waren die besten Leute in der Regel im Auslande, jetzt ist es umgekehrt. Die Vereine in der Fremde bestehen aus sehr wechselnden Elementen, die sehr selten das Durchschnittsniveau der zu Hause befindlichen erreichen, stehn außerhalb der heimischen Bewegung, an die sie nur äußerlich angehängt sind, haben oft wenig wirkliche Beschäftigung und daher Langweile, und dies macht sie den Stänkereien weit zugänglicher.

Ich weiß, Sie haben unter den Jungen viele Universitäts- und Jugendfreunde, aber das muß man überwinden. Man kann ja auch persönlich gut Freund bleiben trotz der politischen Trennung. Aber das haben wir ja alle durchmachen müssen, ich sogar in der eignen frommen und erzreaktionären Familie. Und dann können Sie ja auf Ihre alten Freunde immer noch günstigen Einfluß üben, indem Sie sie aufs Studium verweisen statt aufs Schwadronieren. Wenn die Herren nur weiter studieren wollen, so werden die Brauchbaren unter ihnen bald zur Besinnung kommen. Ich fürchte aber, der epidemische Größenwahn, der unter den Herren herrscht, wird sie daran verhindern. Und was die Verhetzung und Verbitterung angeht, so ist ohne die nun einmal nicht fertig zu werden. „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert."

Dieser Tage schicke ich Ihnen die „Lage der arb[eitenden] Klasse".

Mit besten Grüßen

Ihr
F. Engels