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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

Ryde, Insel Wight, 23.Aug. 92

Lieber Sorge,

Ich habe wegen Deines Buchs noch nicht mit Dietz verhandelt, und zwar aus folgendem Verhinderungsgrund.

Ich hatte mit L. K[autsky], die in Wien, und mit Bebel, der bei seinem Schwiegersohn1 in St. Gallen ist, verabredet, daß B[ebel] und ich Ende dieses Monats zusammen nach Stuttgart gehn und von da über Wien nach Berlin und L. K[autsky] von Wien mitnehmen. In Stuttgart wollte ich dann die Sache mit D[ietz] mündlich ordnen.

Nun ist mir hier in Ryde, wo ich bei Pumps bin, mein altes Lendenleiden, das mich seit 5 Jahren in Ruhe gelassen, plötzlich wieder fühlbar geworden; derart, daß ich seit ca. 12 Tagen lahm und bewegungsunfähig bin. Das hat mir die Reise verdorben, und ich weiß nun nicht, ob ich in ca. 14 Tagen, obwohl ich sichtbarlich besser bin, imstande sein werde, eine kleinere Tour zu unternehmen. Nach Stuttgart komme ich aber keinesfalls und werde daher mit D[ietz] demnächst schriftlich verhandeln, sobald ich weiß, daß er nicht mit B[ebel] auf eine Spritztour gegangen. Die Sache selbst ist ja schon in Ordnung, es handelt sich nur um die Einzelheiten, Du kannst also die Zusätze ruhig ausarbeiten, und je vollständiger diese werden, desto besser. Namentlich wenn Du die Zeit seit 1870 etwas ausführlicher bearbeiten wolltest, wäre es gut, auch die Schicksale der ausgesprochen sozialistischen (deutschen) Partei und die von ihr begangnen Böcke. Du mußt bedenken, daß Du für ein Publikum schreibst, das von dortigen Dingen absolut nichts weiß und klaren Wein eingeschenkt haben muß. Wenn dann auch die Herren Führer in New York und Cincinnati knurren, das kann Dir Wurst sein, und das bist Du ja lange gewohnt.

Eine Nachricht, die Du aber vor allen Preßleuten geheimhalten mußt, bis ich Dir Weiteres schreibe: Guesde und Lafargue haben mit einigen Kapitalisten einen Vertrag unterzeichnet, ein Tagesblatt im größten Stil herauszugeben, dessen directeurs politiques2 sie sind. Es sollen 500 000 fr. draufgewandt werden und am 1. Okt. erscheinen. Da ich aber in solchen Dingen immer etwas zweifle, auch neuerdings ohne Nachricht aus Paris bin, kann immer noch was dazwischenkommen, und so darf absolut nichts in die Presse.

Wie Du gesehn haben wirst bei den Munizipalwahlen vom Mai und Departementswahlen vom Juli, kommen die Franzosen mehr und mehr auf die Wege der Deutschen und lernen das allgemeine Stimmrecht benutzen, statt es auszuschimpfen. Und die Sache zieht sehr gut. Der Marseiller Kongreß wird den „Marxisten" eine ganz andre Stellung geben als vorher.

Dazu die famosen Fortschritte hier in England. Die Wahl hat durchgeschlagen. Du wirst gesehn haben, welch ein andrer Ton seit dem Anfang Juli in der „Workman's Times" herrscht und wie Herr Burgess (Autolycus) schon versucht, eine eigne „Independent Labour Party"3 unter seiner Leitung zu stiften, neben der, die die Social Democratic Federation zu leiten prätendiert. Aus der Wiener „Arbeiter-] Z[eitung]" und der „N[euen] Z[eit]" wirst Du durch L. K[autsky] und Tussy das Nötige gesehn haben; noch einiges findest Du in der Vorrede zur Neuausgabe der „Lage der arbeit[enden] Klasse in England"4, die ich Dir schicke, sobald ich wieder in London bin. Der Trades-Union-Kongreß in 14 Tagen in Glasgow wird einen großen Fortschritt dokumentieren: 1. wegen des Effekts der Wahlen, der noch gesteigert wird dadurch, daß das Parliamentary Committee, das voriges Jahr in Newcastle gewählt, und sonderbarerweise aus lauter alten old Unionists, alle politischen Beschlüsse desselben Kongresses mit Verachtung behandelt und unausgeführt gelassen hat; und 2. wegen des Umschwungs der Textilarbeiter, die voriges Jahr die Masse der Anti-8-Stunden-Leute ausmachten, jetzt aber infolge der schlechten Geschäftszeit plötzlich in Masse sich für 8 Std. erklärt haben. Vorige Woche hat ganz Lancashire abgestimmt, in allen Distrikten mit meist sehr großer Majorität für 8 Stunden statt 10. Kurz, die Sache marschiert auch hier ganz famos, und nächstes Jahr wird hinter Deutschland nicht nur Östreich und Frankreich, sondern auch England marschieren, und das wird doch auch wohl endlich auf Eure Angloamerikaner die gehörige Wirkung tun, namentlich wenn Eure Miliz noch etwas schießt, damit den Leuten der republikanische und great country Hochmut etwas ausgetrieben wird.

In Deutschland geht alles famos voran, verfolge im „Vorwärts" die Parteinachrichten, Du wirst sehn, daß wir unter der Landbevölkerung selbst im Osten, wo es am nötigsten ist, riesige Fortschritte machen.

Nun soll ich Dir sagen, ob ich nächstes Jahr komme? Nicht unmöglich, aber sicher nicht in der Hitze von Juli und August – ich hatte an dem einen August in New York genug. Bebel denkt an einen Besuch in Amerika nach dem Züricher Kongreß, also Sept.–Okt. Geht er, so komme ich möglicherweise mit. Doch das sind alles Luftschlösser. Du siehst, mir ist schon mein diesjähriger Plan, 14 Tage nachdem er definitiv gefaßt, ins Wasser gefallen, wo soll ich da auf ein Jahr im voraus Pläne schmieden!

Daß mit dem verrückten Hepner einmal gebrochen werden mußte, war mir längst klar. Der Mann ist voller Schrullen und lernt nichts oder doch alles verkehrt.

Herzliche Grüße an Deine Frau.

Dein
F. E.

Gruß auch Schlüter.