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Engels an August Bebel
in Berlin

London, 6. Juli 92

Lieber August,

Mir sein schon wieder da, wie Du siehst. Ich hatte dem Nekrolog über Schorl[emmer] für den „Vorwärts“1 einen Zettel mit der Bitte beigelegt, mir 12 Ex. des Abdrucks – nur das Blatt, worin das Ding steht, nicht all das sonstige Beilagenzeug – zu schicken. Diese brauche ich für Leute in Manchester und für Chemiker ersten Rangs hier, die wissen sollen, wes Geistes Kind Schorl[emmer] außerhalb der Chemie war. Natürlich erhalte ich kein Stück. Willst Du den Leuten – der Zettel ist vielleicht ganz übersehn worden – sagen, daß es ein großes Parteiinteresse gilt? Und daß sie mir das Verlangte schicken, ehe es zu spät ist und das hiesige Publikum andre Sachen in den Kopf kriegt?

Die Wahlen hier haben heute den Liberalen eine Enttäuschung bereitet. Bis jetzt haben sie 9 Stimmen gewonnen, d. h. die Regierungsmajorität ist von 68 auf 50 (68 – 9 = 59 Tories; 0 + 9 Liberale = 9; 59 – 9 = 50 bei der Abstimmung) reduziert. Die gestrigen Wahlen haben ihnen nicht einen einzigen Gewinn gebracht, aber mit 25 Stimmen Zuwachs sind die 50 – 25 durch die + 25 neutralisiert, und das wäre das allerfamososte, wenn eine wirkliche Majorität weder für rechts noch für links zustande käme. Aber eine kleine Majorität werden die Liberalen doch wohl bekommen, und das ist auch schon ganz nett.

Euer Bismarck-Krakeel wird täglich schöner, der Kerl muß rein verrückt sein, nach dem heutigen Telegramm zu urteilen, will er dem Caprivi platterdings auf den Pelz rücken. Nun, das kann gut werden. Wenn nur unsre Blätter nicht immer darauf hinwiesen, daß sich da eigentlich der Strafrichter hingehöre! Müssen wir denn mit Gewalt ebenso bürokratisch-polizistisch-staatsanwaltlich auftreten wie unsre Gegner? Können nicht einmal wir dem alten krackbrüchigen Esel Bismarck erlauben, daß er sich nach Herzenslust selbst blamiert? Und würden nicht drei Tage Gefängnis hinreichen, ihn zum Märtyrer zu machen? Man sollte nicht glauben, wie tief den Leuten der Preuß’ in den Knochen steckt.

Der „Vorwärts“ ist rein toll geworden. Heute sagt er: England, Wales, Schottland, Irland, die Kolonien und Indien – alles das heißt Großbritannien! In diesem Namen aber sind nur England, Wales und Schottland einbegriffen, nicht einmal Irland (der offizielle Titel ist the United Kingdom of Great Britain and Ireland), geschweige sonst etwas! Müssen denn die Leute sich und uns platterdings vor aller Welt lächerlich machen?

Die Hexe betrachtet unten ein Baby, das von unserm früheren Hausmädchen, und ist seit 2 Stunden so tief in dieser Anbetung versenkt, daß ich sie nicht herauskriegen kann, Dich zu grüßen. So muß ich also ganz allein Dir und Frau Julie meine herzlichsten Grüße schicken, wenn sie nicht doch noch zu guter Letzt vor Postschluß einspringt.

Dein alter
F. E.

[Nachschrift von Louise Kautsky]

General gibt sich nur selbst ein Armutszeugnis, wenn er behauptet, die Babyanbetung dauerte 2 Stunden, da muß er volle 2 Stunden an dem Brief geschrieben haben; schmeichelhafter für mich wäre die Lesart, daß ihm, trotzdem er an Dich schrieb, die Zeit so lange vorgekommen ist. Wie dem auch sei, das Kind ist fort, wie Du siehst, und ich kann Frau Julien, die unter Euch drei sicher am besten versteht, welche Anziehungskraft Kinder besitzen, meinen herzlichen Gruß selbst senden. Das gleiche Dir.

Die
Hexe

[Nachschrift von Engels]

Was ist das für eine Einbildung von der Hexe (wie sie sich schreibt), daß ich 2 Stunden an diesem Brief geschrieben. Ich habe eine sehr schwierige juristische Arbeit über Schorlemmers Nachlaß für seine Testamentsvollstrecker2 gemacht, während sie dem Baby ihren Finger zu saugen gab. Da hat sie denn das Zeug herausgesaugt!

[Nachschrift von Louise Kautsky]

Das ist das Neueste, daß das Baby aus meinem Finger die Weisheit gesaugt hat, welche dem General ermöglichte, die juristische Arbeit zu schreiben – wer’s glaubt, wird selig.

[Nachschrift von Engels]

Das letzte Wort muß sie doch haben.

[Nachschrift von Louise Kautsky]

Das geschriebene Wort.

[Nachschrift von Engels]

Nitschewo!