London, 19. Mai 1892
Lieber Victor,
Ich bin mit Dietz und er mit Wigand wegen Neuauflage der „Lage der arb[eitenden] Klasse in England" ins reine gekommen, und es fallen da zunächst 1000 Mark an Honorar ab, die Dietz 1/2 im Herbst, 1/2 Neujahr 1893 zu zahlen verspricht, die August, der hier ist, aber denkt wenigstens teilweise auch früher aus ihm herauszuschlagen. Ferner noch einiges Honorar von wegen „N[eue] Z[eit]"-Artikel. Ich möchte dies Geld nun wieder Euch Österreichern zuwenden, aber mir dann auch wegen der Verwendung einige Vorbehalte zu machen erlauben, die ich mit August besprochen habe und womit er einverstanden ist.
Ich weiß nämlich, wenn auch nicht im einzelnen, so doch hinreichend genau für die Praxis, daß Deine Tätigkeit für die Partei fortwährend gehemmt wird durch die Unfähigkeit eben dieser österreichischen Partei, Dir diejenige materielle Stellung zu sichern, die Dir erlaube, Deine ganze Zeit und Kraft der Sache zu widmen. Ich weiß auch soviel, daß in der letzten Zeit die Unglücksfälle, die Dich getroffen, Ausgaben nötig machen, wozu die Partei Dir die Mittel nicht bieten kann. Ich sehe es also als eine der ersten Bedingungen zur Weiterentwicklung der österreichischen Bewegung an, daß Dir die Möglichkeit gegeben wird, erstens über die gegenwärtige ausnahmsweise Ausgaben beanspruchende Zeit hinwegzukommen und zweitens auch fernerhin Dir womöglich die notwendige, aber bei Euch jetzt noch nicht aufzubringende Zulage zu sichern. Erstes ist das Notwendigste, das Zweite gehört aber mit dazu. Ich möchte Dir nun den Vorschlag machen, Dir die obigen Honorare für sei es den ersten oder den zweiten Zweck oder beide zur Verfügung zu stellen – die Verwendung hängt ja dann ganz von Umständen ab, über die nur Du kompetent urteilen kannst. Es fiele damit selbstredend jeder Grund weg, etwa öffentlich über jene Summen zu quittieren.
Ich hoffe, Du machst mir die Freude, meinen Vorschlag anzunehmen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wenn es auch schon lange her ist, wie sehr die Arbeitsfähigkeit, Arbeitslust und Arbeitszeit beschränkt wird durch den ökonomischen Kampf ums Dasein, und wir hier sind alle drei1 der Ansicht, daß Du der österreichischen Partei keinen größeren Dienst erweisen könntest, als durch Zustimmung zu diesem Plänchen.
Eure Maifeier hat hier einen sehr guten Eindruck gemacht, um so mehr als Paris infolge der dort herrschenden Zänkereien dies Jahr tatsächlich ausfiel. Dagegen schreibt Lafargue, daß wir in 22 Orten (Roubaix und Marseille die größten, wo wir alle hineinbrachten) die Majorität im Stadtrat haben, im ersten Wahlgang 400 Sitze, in der Stichwahl noch 200 eroberten. Die Wirkung siehst Du im orleanistischen „Soleil", den ich Dir schicke.
Also viele Grüße von Deinem
F. Engels
Nach: Victor Adler,
„Aufsätze, Reden und Briefe",
Heft 1, Wien 1922.