London, 20. April 92
Lieber Baron,
Die Einleitung zum englischen „Sozialismus etc."1 bekommst Du natürlich deutsch, das versteht sich ganz von selbst, erscheinen muß sie, und wo anders kann ich das lange Ding drucken lassen als in der „N[euen] Z[eit]"? Es ist gestern abgegangen, und solange ich keine Druckbogen habe, bin ich also hors de combat2. Es ist ein verdammt langes Ding geworden, ich habe allerhand alten Groll gegen die englischen Bourgeois darin abgelagert und bin begierig, was der britische Philister dazu sagen wird.
Hier sind wir endlich mit dem 1. Mai im reinen oder vielmehr im Gegenteil davon. Der Trades Council und die Social Democratic Federation boten alles auf, um diesmal die Sache ausschließlich in die Hand zu bekommen und namentlich die Achtstundenliga rein an die Luft zu setzen. Die Social Democratic Federation arbeitet nämlich momentan Hand in Hand mit den reaktionärsten Elementen im Trades Council – Shipton etc. – und ordnet sich für die Maidemonstration ganz unter den Council; der Trades Council soll die Kampagne gegen die unabhängigen Elemente des East End unternehmen, und die Social Democratic Federation denkt die Früchte einzuheimsen. Diese Elemente, die es zu beseitigen galt, finden selbstredend ihr Zentrum in den Avelings, und deren Stütze war 1. die Gasworkers Union, 2. die Metropolitan Radical Federation, 3. eine Reihe kleiner Unions, die sich lieber in der Eight Hours League geltend machten, als daß sie sich von den verkleinbürgerten old Unions im Trades Council unterkriegen ließen. Es wurde beiderseits stark manövriert, und es gelang dem Trades Council in einem Meeting von Delegierten der Arbeiterorganisationen Londons – das natürlich mit künstlicher Majorität arrangiert war –, sich die Leitung der Demonstration anzueignen. Trotzdem mußte er, obwohl er vorher beschlossen, mit der Achtstundenliga nichts zu verhandeln, sich bequemen, erst 1, dann 2 Delegierte der Achtstundenliga aufs Exekutivkomitee zuzulassen und ihr ebenfalls 2 Plattformen im Park3 zur Disposition zu stellen. Dazu hat die Metropolitan Radical Federation auch zwei, die uns ebenfalls gehören, während die Social Democratic Federation nur zwei hat. – Da nun der Achtstundentag der Leute, die im Trades Council die Majorität haben, nur besagt, daß während 8 Stunden der gewöhnliche Lohn bezahlt werden soll, dagegen alle längere Arbeit als Überzeit mit 1¹/₃ oder 2fachem Lohn bezahlt werden soll, da also der Achtstundentag dieser Leute ein ganz andrer ist als der unsre, so wird der Konflikt im laufenden Jahr, nach dem 1. Mai, erst recht zum Ausbruch kommen und neu ausgefochten werden. Dies ist der Punkt, der endlich einmal hier zur Sprache kommen wird. Laß Dir also über den 1. Mai hier nichts von der „Vorwärts"-Seite etc. aufbinden, von unserm Standpunkt ist die ganze Sache Schwindel, es ist ein Achtstundentag in a pickwickian sense4, und das muß endlich an den Tag, dann hört auch die Zwischenstellung auf, wovon jetzt die Social Democratic Federation und die Fabians profitieren.
Die „Workman's Times" ist nur wegen des tatsächlichen Materials zu verwerten. Der Redakteur5 ist ein der Belletristerei verfallender Provinziale, der es mit niemand verderben will und viel Blech schwätzt und aufnimmt. Aber die Berichte sind alle von Arbeitern selbst, so dumm auch der „Errand boy" und seine Mutter, der „Marxian" (ein Spezialrindvieh) und der „Proletarian" etc. sein mögen.*
Mutter Wischnewetzky hat von ihrem Mann allerlei Soldatenmißhandlungen auszustehn gehabt, sich getrennt, nennt sich wieder Frau Kelley und lebt mit ihren 3 Kindern, die ihr gerichtlich überwiesen, in Chicago.
Soll mich sehr verlangen, was unsre Franzosen in den Munizipalwahlen am 1. Mai fertigbringen. Das ist ihr erstes ordentliches Probestück.
Grüße von Haus zu Haus.
Dein
F. E.