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Engels an Hermann Schlüter
in New York

London, 30. März 1892

Lieber Schlüter,

Vor allen Dingen habe ich Dir noch zu danken für Deinen vorigjährigen Brief, der mir so viele wertvolle Mitteilungen überbrachte. Leider konnte ich darauf nicht mit gleicher Münze rückzahlen, die europäischen politischen Zustände sind im allgemeinen durch gut ausgewählte Zeitungslektüre hinreichend zu erkennen, und um freie Zeit zum Arbeiten zu behalten, bin ich genötigt, mir alle Interna der einzelnen sozialistischen Parteien soviel wie möglich vom Halse zu halten, sonst käme ich zu gar nichts. Über die innere Parteientwicklung der verschiedenen Länder, soweit diese sich im Krakeel der Führer unter sich abspielt, wie das ja meist der Fall, kann ich also nichts berichten, denn selbst das wenige, das ich darüber weiß, ist mir oft nur auf Maulhalten mitgeteilt.

Hätte ich gewußt, daß der „Figaro“-Artikel Euch drüben interessierte, ich hätte ihn Euch geschickt, da Laf[argue] mir ihn einsandte. Jetzt ist er längst verschollen und in den Abgrund gewandert, ich will nach Paris schreiben, glaube aber schwerlich, daß ich noch ein Ex. auftreiben und von Laf[argue] authentische Auskunft erhalten kann. Laf[argue] hat das wohl längst vergessen, er reist seit seiner Wahl rastlos in ganz Frankreich umher auf sein Freibiljet und agitiert und propagiert (ich meine nicht die Race) und, wie es scheint, mit großem Erfolg. Der 1. Mai – wegen der gleichzeitigen Stadtratswahlen in ganz Frankreich außerhalb Paris – wird diesmal ein sehr entscheidender Tag für die Franzosen, sie sind vom Ehrgeiz gestachelt, es den Deutschen gleichzutun.

Was Euer großes Hindernis in Amerika ist, scheint mir, besteht in der Ausnahmestellung der eingebornen Arbeiter. Bis 1848 kann man von einer eingebornen ständigen Arbeiterklasse nur als Ausnahme sprechen: die wenigen Anfänge davon im Osten in den Städten konnten immer noch hoffen, Bauern oder Bourgeois zu werden. Jetzt hat sich eine solche Klasse entwickelt und hat sich auch großenteils trades-unionistisch organisiert. Aber sie nimmt immer noch eine aristokratische Stellung ein und überläßt, was sie auch kann, die ordinären, schlechtbezahlten Beschäftigungen den Eingewanderten, von denen nur ein geringer Teil in die aristokratischen Trades eintritt. Diese Eingewanderten sind aber in Nationalitäten geteilt, die sich untereinander und meistenteils auch die Landessprache nicht verstehn. Und Eure Bourgeoisie versteht es noch viel besser als die österreichische Regierung, eine Nationalität gegen die andere auszuspielen, Juden, Italiener, Böhmen etc. gegen Deutsche und Irländer und jeden gegen den andern, so daß, glaube ich, in New York Unterschiede der Lebenshaltung zwischen Arbeitern bestehen, wie sie sonstwo unerhört sind. Und dazu kommt die totale Gleichgültigkeit einer ohne allen gemütliche[n] Feudalhintergrund, auf rein kapitalistischer Basis erwachsenen Gesellschaft gegen die dem Konkurrenzkampf erliegenden Menschenleben; there will be plenty more, and more than we want, of these damned Dutchmen, Irishmen, Italians, Jews and Hungarians1 – und obendrein steht im Hintergrund John Chinaman, der sie alle weit übertrifft in der Fähigkeit, von Dreck zu leben.

In einem solchen Land sind stets erneute Anläufe, gefolgt von ebenso sichern Rückschlägen, unausbleiblich. Nur daß die Anläufe doch immer gewaltiger, die Rückschläge immer weniger lähmend werden, und im ganzen die Sache doch vorangeht. Aber das halte ich für sicher: Die rein bürgerliche Grundlage, ohne allen vorbürgerlichen Schwindel dahinter, die entsprechende kolossale Energie der Entwicklung, die sich selbst in der verrückten Übertreibung des jetzigen Schutzzollsystems zeigt, wird eines Tages eine Wendung herbeiführen, die die ganze Welt in Erstaunen setzen wird. Fangen die Amerikaner einmal an, dann aber auch mit einer Energie und Violenz, dagegen wir in Europa Kinder sein werden.

Mit besten Grüßen

Dein
F. Engels

[Nachschrift von Louise Kautsky]

Lieber Schlüter,

Eine Frau rührt sich gewöhnlich nicht und ist daher nicht liebenswürdig, bis sie etwas braucht. Ich möchte nun gern Authentisches über die bürgerliche Frauenbewegung in Amerika wissen; i.e. ihre bezüglichen Wahlrechte und Vorrechte in den verschiedenen Staaten nicht nur allein für Schul-, Munizipalwahlen, sondern auch für politisches Wahlrecht usw. Ich, d.h. General bekommt für mich durch Sorge die 2 hervorragendsten Frauenrechtlerinnenblätter „Woman's Journal“, and „Woman's Tribune“. Aber ich brauche mehr, ich brauche eine kurze, gedrängte, aber vollständige geschichtliche Entwicklung des Kampfes für die Erreichung der bürgerlichen Frauenrechte, nicht die schauerlichen, langweiligen Phrasen der Vorkämpferinnen der bürgerlichen Frauenrechte. Das Buch, welches sie [...]2