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Engels an Nikolai Franzewitsch Danielson
in Petersburg

London, 15. März 1892

Werter Herr,

Fast schäme ich mich, auf Ihre freundlichen und interessanten Briefe vom 12. und 21.Nov. letzten Jahres zu antworten. Aber ich war so mit Arbeit überhäuft, und ich empfinde das Schreiben bei Gaslicht als so unzuträglich für meine Augen (die sonst noch ganz gut ihren Dienst tun), daß diese übermäßige Arbeit und die Kürze des Tageslichts während unsers Winters mich entschuldigen müssen.

Ihr Land macht jetzt in der Tat eine folgenschwere Periode durch, deren volle Bedeutung kaum überschätzt werden kann. Aus Ihren Briefen scheint mir hervorzugehen, daß Sie den gegenwärtigen неурожай1 nicht als einen Zufall betrachten, sondern als das notwendige Resultat, als eine der unvermeidlichen Begleiterscheinungen der ökonomischen Entwicklung, in die Rußland seit 1861 eingetreten ist. Und das ist auch meine Meinung, soweit man das überhaupt aus der Ferne beurteilen kann. Mit dem Jahre 1861 begann Rußland die Entwicklung einer modernen Industrie in einem Maßstab, der einer großen Nation würdig ist. Die Überzeugung reifte heran, daß heutzutage kein Land den ihm angemessenen Platz unter den zivilisierten Nationen einnehmen kann, ohne eine mit Dampf betriebene industrielle Maschinerie zu besitzen und ohne den Eigenbedarf an Manufakturwaren, wenigstens zu einem großen Teil, selbst zu decken. Und nach dieser Überzeugung hat Rußland gehandelt, und zwar mit großer Energie. Daß es sich dabei mit einem Wall von Schutzzöllen umgab, war nur zu natürlich, die englische Konkurrenz zwang diese Politik fast jedem großen Lande auf. Sogar Deutschland, wo sich une grande industrie2 unter fast absoluten Freihandel erfolgreich entwickelt hatte, schloß sich dem Chor an und wurde schutzzöllnerisch, nur um den Prozeß der Züchtung von Millionären3 – um mit Bismarck zu reden – zu beschleunigen. Und wenn Deutschland diesen Weg ging, sogar ohne jede Notwendigkeit, wer kann Rußland für das schelten, was für dieses Land eine Notwendigkeit war, seit es einmal den neuen industriellen Weg eingeschlagen hatte?

In gewissem Maße scheint mir die augenblickliche Lage bei Ihnen eine Parallele in der Frankreichs unter Ludwig XIV. zu finden. Auch dort wurden die Manufakturen durch Colberts Schutzzollsystem lebensfähig gemacht; und im Verlauf von 20 bis 30 Jahren fand man heraus, daß eine nationale Manufakturindustrie unter den damals vorhandenen Bedingungen nur auf Kosten der Bauernschaft geschaffen werden könne. Die Naturalwirtschaft4 der Bauern wurde beseitigt und durch die Geldwirtschaft5 ersetzt; der innere Markt wurde geschaffen und gleichzeitig, wenigstens für eine gewisse Zeit, durch den gleichen Prozeß und durch die beispiellose Gewalt, mit der sich die ökonomische Notwendigkeit durchsetzte, nahezu wieder zerstört. Hinzu kamen das Anziehen der Steuerschraube und die verstärkten Aushebungen, welche durch die Einführung der stehenden Heere nötig wurden, wie sich das heute auch aus der Einführung des auf der allgemeinen Wehrpflicht beruhenden preußischen Militärsystems notwendig ergibt. Kamen dann ein oder zwei Mißernten, so trat überall im Land jene allgemeine Notlage ein, die wir bei Boisguillebert und Marschall Vauban beschrieben finden.

Aber es gibt da einen ungeheuren Unterschied: den Unterschied zwischen der alten „Manufaktur“6 und der modernen „grande industrie“, der (in der Wirkung auf den Bauern, den landwirtschaftlichen Kleinproduzenten mit eigenen Produktionsmitteln) dem Unterschied zwischen der alten Steinschloßflinte von 1680 und dem modernen Repetiergewehr von 1892, Kaliber 7,5 Millimeter, gleichkommt. Ferner: war im Jahre 1680 die Kleinproduktion in der Landwirtschaft noch die normale Produktionsweise und der landwirtschaftliche Großbetrieb eine erst in der Entstehung begriffene Ausnahme, aber immer nur eine Ausnahme, so ist heute der landwirtschaftliche Großbetrieb mit Maschinen die Regel und wird mehr und mehr die einzig mögliche Art der landwirtschaftlichen Produktion. So scheint der Bauer heute zum Untergang verurteilt.

Sie erinnern sich an das, was unser Autor in dem Brief über Shukowski gesagt hat7 – daß die Fortsetzung des im Jahre 1861 eingeschlagenen Weges den Ruin der bäuerlichen obščina mit sich bringen müßte. Das scheint sich gerade jetzt zu erfüllen. Offenbar rückt, wenigstens in manchen Distrikten, der Augenblick heran, wo sämtliche alten sozialen Institutionen des russischen Dorflebens nicht nur ihren Wert für den einzelnen Bauern verlieren, sondern eine Fessel werden, genau wie früher in Westeuropa. Ich fürchte, wir werden die община8 bald als einen Traum der Vergangenheit zu betrachten und in Zukunft mit einem kapitalistischen Rußland zu rechnen haben. Zweifellos geht damit eine große Chance verloren, aber gegen ökonomische Tatsachen kann man eben nichts machen. Das einzig Kuriose dabei ist, daß dieselben Leute in Rußland, die nie müde werden, die unschätzbare Überlegenheit der primitiven Institutionen Rußlands über die des verderbten Abendlandes herauszustreichen, ihr Bestes tun, diese primitiven Institutionen zu zerstören und sie durch die des verderbten Abendlandes zu ersetzen.

Doch wenn der russische Bauer einmal dazu verurteilt ist, sich in einen Industrie- oder Landproletarier zu verwandeln, so erscheint auch der Untergang des помѣщикъ9 besiegelt. Aus allem schließe ich, daß diese Klasse noch mehr als die Bauern in Schulden steckt und allmählich ihren Besitz ausverkaufen muß. Und zwischen die beiden scheint eine neue Klasse von Grundbesitzern, Dorf-кулаки10 oder Stadtbourgeois, zu treten – vielleicht die Väter einer zukünftigen russischen Grundaristokratie??

Die Mißernte des letzten Jahres hat das alles ins helle Licht gerückt. Ich bin ganz Ihrer Meinung, daß die Ursachen völlig sozialer Natur sind. Was die Entwaldung betrifft, so ist sie ebenso wie der Ruin der Bauern eine wesentliche Lebensbedingung der bürgerlichen Gesellschaft. Kein „zivilisiertes“ Land Europas, das dies nicht gespürt hätte, und Amerika*, und Rußland zweifellos auch, erfährt es im jetzigen Augenblick. So ist die Entwaldung in meinen Augen wesentlich sowohl sozialer Faktor als auch soziales Resultat. Aber sie liefert den interessierten Parteien zugleich einen beliebten Vorwand, die Schuld an ökonomischen Fehlschlägen einer Ursache zuzuschieben, für die offensichtlich doch niemand verantwortlich gemacht werden kann.

Die Mißernte hat, meiner Meinung nach, nur an die Oberfläche gebracht, was latent schon vorhanden war. Aber sie hat die Geschwindigkeit des Prozesses ungeheuer beschleunigt. Der Bauer wird zur diesjährigen Frühjahrsaussaat bedeutend schwächer sein als zur Aussaat im vorigen Herbst. Und er wird seine Kräfte unter viel ungünstigeren Bedingungen wieder sammeln müssen. Was kann er, ein Pauper, der bis über die Ohren in Schulden steckt und kein Vieh hat, nun anfangen, selbst in den Gebieten, wo er den Winter überstanden hat, ohne sein Land verlassen zu müssen? Mir scheint deshalb, daß es Jahre dauern wird, bis diese Kalamität völlig überwunden ist, und daß Rußland, wenn dieser Punkt erreicht ist, ein ganz anderes Land sein wird, als es am 1. Januar 1891 war. Aber wir werden uns mit dem Gedanken trösten müssen, daß all das in letzter Instanz der Sache des menschlichen Fortschritts dienen muß.

Ich sandte Ihnen im letzten Herbst ein kleines Buch: „Ursprung der Familie“11, 4.Auflage, es war eingeschrieben, und meine Adresse stand auf der Verpackung; da es nicht zurückgekommen ist, hoffe ich, daß Sie es erhalten haben.

Ich danke Ihnen bestens für die vielen Abhandlungen und Berichte – die Arbeit von Mendelejew war besonders interessant. Bedauerlicherweise kann ich ihnen jetzt nicht all die Aufmerksamkeit widmen, die sie verdienen, da ich sehr viel Arbeit habe. Was ich an zusätzlicher Arbeit zu leisten hatte, werden Sie begreifen, wenn ich Ihnen sage, daß ich mich von Neujahr bis jetzt – im allgemeinen meine ruhigste Zeit – auch nicht eine Minute lang mit dem 3.Bd.12 beschäftigen konnte.

Ihre Glückwünsche habe ich pünktlich nach Paris weitergegeben.

Mit freundlichen Grüßen

stets der Ihre
P. W. Rosher

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Aus dem Englischen.