129
Engels an Julie Bebel
in Berlin

London, 8. März 1892

Liebe Frau Bebel,

Leider komme ich erst heute dazu, Ihnen für Ihren lieben Brief vom 18./2. zu danken, wobei ich aber gleichzeitig in dem unangenehmen Fall bin zu konstatieren, daß Sie definitiv beschlossen haben, Ihre Tochter in St. Gallen, statt uns hier, mit Ihrem Besuch zu erfreuen. Nun, wir können es Ihnen nicht verdenken, daß Sie lieber zu Frau Simon gehn, und trösten uns mit der Hoffnung und festen Erwartung, daß wir Sie um so sicherer im Frühjahr 93 (oder Sommer?) bei uns sehn werden. Dann, im Sommer, sind die Kamine zugedeckt und die Plumpuddings strengstens verboten, auch die Nebel sind nur sehr selten, und so sehn Sie England von seiner vorteilhaftesten Seite, wenn auch ein maliziöser Franzose einmal gesagt hat, der ganze englische Sommer bestehe aus drei sehr heißen Tagen und einem Gewitter, und damit sei’s alle. Daß dies aber eine böswillige Übertreibung, dies zu beweisen geben Sie uns hoffentlich nächstes Jahr Gelegenheit. Auch werden Sie sich dabei überzeugen können, daß man hier auch ohne Englisch ganz gut fortkommt.

Ob ich aber nach Deutschland komme, wie Sie meinen, das hängt doch bei den jetzigen wechselvollen Zeitläuften von allerlei Dingen ab, die nicht unter meiner Kontrolle stehn, die schöne Zeit der ersten Liebe des neuen Kurses zu allen denen, die Bismarcks Zorn erregt, ist längst verduftet, und man kann nicht wissen, was von jetzt an bis zum Sommer noch alles passiert. Ich überlasse das alles also einstweilen dem Zufall und warte einstweilen ab, ob mich das Schicksal diesen Sommer nach Deutschland, nach Norwegen, nach den Kanarischen Inseln, wohin man mich auch haben will, oder sonstwohin verschlägt. Leid würde mir nur tun, wenn ich nicht mit guten Aussichten auf eine angenehme Sommerreise nach Deutschland kommen könnte, daß ich wieder die Gelegenheit verpaßte, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Ich habe ein ordentliches Verlangen, wieder einmal eine echte und rechte deutsche Proletarierfrau zu sehn, und als solche sind Sie mir immer geschildert worden. Auch meine Frau1 war echtes irisches Proletarierblut, und das leidenschaftliche Gefühl für ihre Klasse, das ihr angeboren war, war mir unendlich mehr wert und hat mir in allen kritischen Momenten stärker beigestanden, als alle Schöngeisterei und Klugtuerei der „jebildeten" und „jefühlvollen" Bourgeoistöchter gekonnt hätten. Meine Frau ist aber nun seit über zwölf Jahren tot, und August hat das Glück, Sie noch immer an seiner Seite zu haben, das ist der Unterschied.

Louise hat eben wieder einen recht tollen Brief an August geschrieben, Sie haben gar keine Vorstellung davon, was das Frauchen wieder für einen Übermut entwickelt, seitdem sie wieder auf eignen Füßen steht. Sie sollten einmal dabei sein, wenn wir unsern Frühschoppen Pilsener Bier vertilgen, was da für Unsinn und Gelächter getrieben wird. Ich freue mich, daß ich diese jugendlichen Torheiten noch so mitmachen kann, man wird doch schließlich an so vielen Ecken und Enden alt, daß man wahrhaftig froh sein kann, wenn einem das Lachen noch nicht abhanden gekommen ist. Und ich kann Louise gar nicht genug dafür danken, daß sie alles tut, um meine alte rheinische Heiterkeit nicht einrosten zu lassen. Und nochmals herzliche Grüße und die besten Wünsche für Ihr Wohlsein von

Ihrem aufrichtigen
F. Engels