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Engels an Karl Kautsky
in Stuttgart

London, 5. März 92

Lieber Baron,

Dein Ms. geht heute registriert ab. Ich habe nur die ersten 16 Seiten lesen können. Von dieser Einleitung würde ich das meiste streichen. Die Gründe, weshalb ein Programm eines Kommentars bedürfen muß etc. etc., kurz, alle diese Deine Erwägungen, warum die Broschüre geschrieben wird, schwächen den Eindruck und halten den Leser vom Weiterlesen ab. In medias res mußt Du gleich von vornherein gehn, das ist die beste Rechtfertigung. Über den Plan des übrigen, des Hauptteils, kann ich nicht urteilen. Ich bin so erdrückt von allen Arten Arbeiten, daß ich nicht weiß, wo aus noch ein. Lauter Lumpereien, aber zeitfressend, daß es eine Schande ist. Ich schmachte nach Zeit für den III.Band1, und sie wird mir tagtäglich unter den Händen weggestohlen. Well, wir kommen doch noch dazu.

„N[eue] Z[eit]" mit meinem Artikel2 in 10 Ex. dankend erhalten. Den Namen Hodgskin und die Zahl 1824 berichtige einfach in der Neuauflage und sage in einer Note, im Original stehe so und so, offenbar Schreib- oder Druckfehler.

Menger ist und bleibt ein Esel. Seine ganze Kritik des bürgerlichen Rechts ist nichts als eine Apologie des „Polizeistaats" gegenüber dem „Rechtsstaat". Das Recht ist allerdings schärfer und strenger, besonders das bürgerliche, als die Polizeiwilkür, die ja manchmal auch human tun kann, eben weil sie Willkür ist. Hätte ich Zeit, ich würde dieser nur in zurückgebliebenen Ländern wie Deutschland und Östreich möglichen Rederei bald ein Ende machen.

Daß Du auf den Luther eingehest3, freut mich. Zeit hat's ja.

Den Brief von Cunow zurück, mit Dank. Ich bin begierig auf seine Klassenverarbeitung. In den peruanischen Gentilsachen hat er einiges sehr hübsche entdeckt. Er hatte mir die Sachen geschickt, und ich habe ihm gedankt.

Die Markenverfassung der Peruaner erhältst Du auch – ich habe sie soeben herausgesucht.

Ich glaube nicht, daß Du vorderhand gefährdet bist. Die Berliner Gelüste sind so wackelig und vielseitig, daß keins zur wirklichen Befriedigung kommt – jetzt sind die liberalen Bourgeois plötzlich bête noire4. Der Liberalismus ist die Wurzel des Sozialismus, will man also radikal verfahren, so muß man den Liberalismus kaputtmachen, dann verdirrt der Sozialismus von selbst. Dies ausgezeichnet schlaue Manöver können wir uns einstweilen mit stiller Heiterkeit ansehn. Sind erst die liberalen Philister wild gemacht, und sie scheinen wirklich in die Wut wider Willen hineingejagt zu werden, dann ist's auch mit Schreckschüssen gegen uns vorbei. Abgesehn davon, daß es auch Machthaber in Deutschland gibt, denen dieser Berliner Wind anjenehm sein dürfte, um sich ihm gegenüber wohlfeil populär zu machen und für Partikularismus und Reservatrechte Kapital herauszuschlagen. Als die Berliner Straßenaufläufe anfingen, war ich nicht ohne Besorgnis, es könne sich daraus die so heiß ersehnte Schießerei entwickeln, als aber die Krawaller den jungen Wilhelm5 anhohten und dieser damit beruhigt war, war alles in Ordnung – wenn erst die „Kölner Zeitung" neben Peus brummt, dann kann's hübsch werden.

Also meine Ansicht ist, daß, wenn Gefahr ist, so ist sie vor allem auf Preußen beschränkt, und je größer sie dort wird, desto besser geht's Euch in den Kleinstaaten.

Jetzt muß ich noch an Sorge schreiben6 – amerikanische Post heute – also farewell7. Aveling, der eben gekommen, grüßt bestens. Gruß von Haus zu Haus.

Dein
F. E.