Meine liebe Laura,
London, 3. Febr. 1892
Kannst Du mir vom „Intransigeant" die Londoner Adresse von Rochefort beschaffen? Wróblewski schickt mir ganz plötzlich einen Brief für diesen vornehmen Ausländer und nimmt an, daß ich seine Adresse weiß, aber ich will mich hängen lassen, wenn ich irgend jemand kenne, der sie mir hier beschaffen kann. Jeder rät mir, nach Paris zu schreiben, da dies der kürzeste und sicherste Weg sei, die Adresse zu bekommen. So muß ich wohl diesem Rate folgen und unterbreite Dir den Fall, besonders da ich einen leisen Verdacht habe, daß der arme Teufel W[róblewski] sich wegen Geld an R[ochefort] wendet und ich mir um alles in der Welt nicht vorwerfen lassen möchte, daß ich die Ursache einer Verzögerung, wenn auch nur um eine Stunde, der zweifellos negativen Antwort wäre, die er sicher (wenn er überhaupt eine erhält) von le grand boulevardier1 erhalten wird.
Wir haben hier allesamt an Influenza gelitten, – ich bin bis jetzt noch vorbeigekommen, aber Louise und meine Hausangestellten sind davon gestreift worden. Percy hatte einen ziemlich ernsten Anfall, dem eine Lungenentzündung folgte, er ist noch nicht wieder auf den Beinen; Bernstein hat gelegen, und E.Aveling ist noch nicht wieder ganz hergestellt. Unsere Straße und die ganze Nachbarschaft haben schwer gelitten, ringsum sind alle krank.
Der neueste Skandal: durch ganz London geht das Gerücht, daß der Herzog von Clarence auf seinem Sterbebette seine Mutter2 gerufen und ihr gesagt hat, daß „May"3 von ihm ein Kind erwartet. Wenn das stimmt, ist es die einzige Handlung, die ich dem Jungen zur Ehre anrechne. Man sagt, er sei eine ganze Zeit lang hinter ihr her gewesen, doch die alte Königin4 billigte die Heirat anfangs nicht. Wenn sie sich nun selbst Recht verschafft haben, so ist das mehr, als ich von diesen „vornehmen Herrschaften" erwarten konnte und zeigt, daß er immerhin zu etwas gut war.
Pauls Reisen sind sehr interessant, aber wird er ihrer nicht bald müde werden? Es ist eine sehr nützliche und sehr gute Arbeit, aber wenn er es so bis zum 1. Mai weiter treibt, wird er ziemlich abnehmen und vielleicht zu seinen parlamentarischen Pflichten mit dem „mageren und hungrigen Blick" zurückkehren, der zu ihm als einem Cassius in den Augen des épiciers5 passen könnte. Auf alle Fälle hat er die Broussisten und andere Neidhämmel6, die wegen eines oder zwei falscher Zungenschläge in seiner ersten Rede über ihn hergefallen sind, zum Schweigen gebracht. Die Statistiken über Notre Dame de la fabrique etc. sind die beste Erwiderung.
Mein Artikel7 aus dem „Almanach" ist in italienischer Sprache in der „Critica Sociale" in Mailand veröffentlicht worden und wird in der nächsten Nr. der „Neuen Zeit" mit Zusätzen in deutsch erscheinen. Bebel hat mir einige Elsässer Zeitungen mit Berichten über seine Rede in Mülhausen geschickt, eine in französischer Sprache; ich möchte sie Dir schicken, wenn ich sie finde (Louise sagt, sie habe sie Dir bereits geschickt)8, um Dir zu zeigen, was für ein entsetzliches Französisch diese „Patrioten" des „Industriel Alsacien" schreiben.
Die Veröffentlichung des Befehls des Prinzen Georg von Sachsen an das 12. deutsche (sächsische) Armeekorps im gestrigen „Vorwärts" wird einen Heidenlärm verursachen. Das zeigt, wie weit unsere Verbindungen in der Armee reichen, und Wilhelm9 wird furchtbar böse sein. Sicher wird die Veröffentlichung in Frankreich eine große Sensation hervorrufen, und wenn Du mir Pariser Zeitungen mit Kommentaren darüber schicken kannst, damit ich sie Bebel sende und sie im Reichstag benutzt werden können, wird das sehr, sehr nützlich sein.
In großer Eile – freundliche Grüße von Louise und immer
Deinem
F. E.
Aus dem Englischen.