[London] 29. Oktober 1891
Werter Herr,
Als Ihr Brief vom 21. Sept. eintraf, war ich in Schottland und Irland auf Reisen; erst heute finde ich Zeit und Muße, ihn zu beantworten.
Ihr Brief vom 20. Jan. ist in der Tat verlorengegangen, was ich doppelt bedaure, einmal, weil mir die darin enthaltene interessante Nachricht so lange vorenthalten wurde, und dann, weil Sie die Mühe hatten, ihn noch einmal für mich auszuarbeiten. Vielen Dank!
Die „Züchtung von Millionären“1, wie Bismarck sagt, scheint in Ihrem Lande tatsächlich mit Riesenschritten vorwärtszugehen. Solche Profite, wie sie Ihre offiziellen Statistiken aufweisen, sind heutzutage in englischen, französischen oder deutschen Textilfabriken unbekannt. 10, 15, höchstens 20% Durchschnittsprofit, und 25–30% in Ausnahmejahren besonderer Prosperität werden als gut angesehen. Nur in der Kindheit der modernen Industrie konnten Unternehmen mit der neuesten und besten Maschinerie, die ihre Waren mit bedeutend weniger Arbeit als der damals gesellschaftlich notwendigen produzierten, sich solche Profitraten sichern. Augenblicklich werden solche Profite nur bei erfolgreichen spekulativen Unternehmen mit neuen Erfindungen gemacht, also bei einem von hundert Unternehmen; die übrigen sind meist völlige Fehlschläge.
Das einzige Land, wo heutzutage ähnliche oder annähernd ähnliche Profite in einigen Hauptindustrien möglich sind, sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Dort haben die Schutzzölle nach dem Bürgerkrieg und jetzt der MacKinley-Tarif zu ähnlichen Ergebnissen geführt, und die Profite müssen enorm sein und sind es auch. Die Tatsache, daß dies völlig von der Zollgesetzgebung abhängt, die von einem auf den anderen Tag geändert werden kann, genügt, um jede große Anlage von Auslandskapital (groß im Verhältnis zur Masse des investierten inländischen Kapitals) in diesen Industrien zu verhindern und so die Hauptquelle der Konkurrenz und der Senkung der Profite zu verstopfen.
Ihre Beschreibung der durch diese Ausdehnung der modernen Industrie im Leben der Volksmassen hervorgebrachten Veränderungen, des Ruins ihrer für den direkten Bedarf der Produzenten bestimmten und allmählich auch der auf den kapitalistischen Käufer eingestellten Hausindustrie erinnert mich lebhaft an das Kapitel unseres Autors über die Herstellung des innern Markts2 und an die Vorgänge in fast ganz Mittel- und Westeuropa während der Zeit von 1820 bis 1840. Diese Veränderung hat natürlich bei Ihnen bis zu einem gewissen Grade andere Auswirkungen. Der französische und deutsche Bauer hat ein zähes Leben, zwei oder drei Generationen lang windet er sich in den Fängen des Wucherers, ehe er soweit ist, daß er Haus und Hof verkaufen muß; wenigstens in den Bezirken, wohin die moderne Industrie noch nicht gedrungen ist. In Deutschland halten sich die Bauern durch alle Arten von Hausindustrie über Wasser – sie stellen Pfeifen, Spielzeug, Körbe usw. für Rechnung von Kapitalisten her; da die freie Zeit, die ihnen nach Bearbeitung ihrer kleinen Felder bleibt, keinen Wert für sie hat, betrachten sie jeden Pfennig, den sie für Extraarbeit erhalten, als reinen Gewinn; daher die ruinös niedrigen Löhne und die unvorstellbare Billigkeit solcher gewerblichen Produkte in Deutschland.
Bei Ihnen muß erst der Widerstand der obščina3 überwunden werden (obwohl ich annehmen möchte, daß er im ständigen Kampf mit dem modernen Kapitalismus bedeutend nachlassen muß); ferner hat der Bauer, wie Sie in Ihrem Brief vom 1. Mai beschreiben, die Möglichkeit, vom großen Grundeigentümer Land zu pachten, ein Mittel für den Grundeigentümer, sich Mehrwert zu sichern, aber auch für den Bauern, als Bauer weiter dahinzuvegetieren; und auch die kulaki behalten den Bauern, soweit ich sehen kann, im allgemeinen lieber als ein sujet à exploitation4 in ihren Klauen, als daß sie ihn ein für allemal ruinieren und sich sein Land aneignen. So scheint es mir, daß der russische Bauer dort, wo er nicht als Arbeiter für die Fabrik oder für die Stadt gebraucht wird, ebenfalls sehr zählebig sein wird, und es bedarf schon einiger harter Schläge, bis er kaputt ist.
Die enormen Profite, die sich die junge Bourgeoisie in Rußland sichert und die Abhängigkeit dieser Profite von einer guten Ernte (harvest), wie Sie das so vorzüglich dargestellt haben, erklären viele sonst unverständliche Dinge. Wie sollte ich sonst die Feststellung in der heute morgen veröffentlichten Odessaer Korrespondenz eines Londoner Blattes begreifen, daß die kommerziellen Klassen Rußlands von der einen Idee besessen scheinen, ein Krieg sei die einzige wirkliche Panazee für die immer weiter anwachsende Depression und das Mißtrauen, worunter jetzt alle russischen Industrien leiden – was sollte ich damit anfangen und wie sollte ich mir das erklären, wenn ich nichts von der vollständigen Abhängigkeit einer durch den Zoll geschaffenen Industrie vom innern Markt und von der Ernte der landwirtschaftlichen Distrikte wüßte, von der die Kaufkraft ihrer einzigen Kunden abhängt! Und wenn dieser Markt schwindet, was erscheint naiven Leuten natürlicher, als ihn durch einen erfolgreichen Krieg auszudehnen?
Sehr interessant sind Ihre Bemerkungen über den scheinbaren Widerspruch, daß bei Ihnen eine gute Ernte nicht notwendig eine Senkung des Getreidepreises bedeutet. Wenn wir die wirklichen ökonomischen Verhältnisse in verschiedenen Ländern und verschiedenen Stadien der Zivilisation studieren, wie ungemein falsch und mangelhaft erscheinen dann die rationalistischen Verallgemeinerungen des 18. Jahrhunderts – denken wir nur an den guten alten Adam Smith, der die Verhältnisse von Edinburgh und Lothians für die normalen Verhältnisse der ganzen Welt hielt! Nun, Puschkin wußte bereits,
... и почему
Не нужно золота ему,
Когда простой продуктъ имѣетъ.
Отецъ понять его не могъ
И земли отдавалъ въ залогъ.5
Ihr sehr ergebener
P. W. Rosher
Nächsten Montag beginne ich wieder mit Bd. III6 und hoffe ihn ohne Unterbrechung fertigzumachen.
Dieser Brief ist bis heute, 31. Okt., verzögert worden, da ich zwischendurch aufgehalten wurde.
Aus dem Englischen.