London, 25. Okt. 91
Lieber K.K[autsky],
Meinen Glückwunsch zur Annahme Deines Programmentwurfs in Erfurt und zur Beseitigung der „einen reaktionären Masse“. Ich habe noch nicht die Zeit gehabt, das endgültig angenommene Programm mit Deinem Entwurf im einzelnen zu vergleichen.
Ich habe an Dietz vorgeschlagen, das Honorar der 2. Auflage „Elend der Phil[osophie]“ gleich unter alle 5 Beteiligten zu teilen – 240 M. für die 3 Erben und 160 M. für die 2 Übersetzer, bei 400 M. Gesamtsumme, oder entsprechend, falls diese nicht stimmt. Hoffentlich bist Du damit einverstanden, damit diese Sache endlich aus der Welt kommt. Auf das ganze Honorar dieser Aufl. haben die Erben kein Recht.
Ich habe Dietz ferner gebeten, Dir in meinem Namen ein Ex. der Neuauflage des „Ursprung“ zu überreichen, und zwar ein gebundenes.
In Erfurt ging alles ja recht gut. Wir haben namentlich über Auers und Fischers Reden sehr gelacht. Die zwei haben es aber auch redlich verdient gehabt, an der „Opposition“ ihr Mütchen zu kühlen. Bayer gegen Berliner, da bleibt von dem Berliner verdammt wenig übrig. Man sieht aber am Benehmen dieser Herren wie an dem Vollmars, wie sehr sich das Völkchen über seine Kräfte getäuscht hatte. Solche Rückzüge sind ja beispiellos. Hat aber im Ausland seine Wirkung nicht verfehlt und war hier eine ganz gehörige Niederlage für Hyndman, der Gilles erst öffentlich protegiert und offenbar dessen Aufschneiderei über den Zusammenbruch der deutschen Partei geglaubt hatte – jetzt möchte er sich von dem Lauskerl zurückziehn, wenn’s ginge. Übrigens ist Gilles im „Figaro“ zum großen Mann erhoben!
Wenn Du willst, so kannst Du in der „N[euen] Z[eit]“ mitteilen, daß in Swan Sonnenschein und Co’s Social Series erscheinen werden: 1. meine „Lage der arb[eitenden] Klasse“ in der Wischnewetzkyschen Übersetzung, 2. meine „Entwicklung des Soz[ialismus]“, übersetzt von Aveling, 3. Edes Einleitung zu Lassalle, übersetzt von Tussy.
Louise macht mich darauf aufmerksam, daß es im Interesse der „N[euen] Z[eit]“ wäre, wenn regelmäßig ein Ex. an den Editor of the „Review of Reviews“, W. T. Stead, Mowbray House, Norfolk street, Strand, W. C. London, geschickt würde. Das Ding wird in 100 000 Ex. und mehr abgesetzt, gibt Auszüge aus Revuen aller Länder, und den Inhalt (Titel der Artikel) von allen, so von deutschen nicht weniger als 23; u.a. „Deutsche Revue“, „Ueber Land und Meer“, „Gartenlaube“, „Nord und Süd“, „Preußische Jahrbücher“ etc. etc. Aus dem „Economic Journal“ die Forderungen des Programmentwurfs. Da Stead ein ganz verrückter Kerl, aber brillanter Geschäftsmann, kann solche Einsendung uns nützen und im gegebnen Fall enorm wirken – denn wo etwas Sensation zu machen, da greift er rücksichtslos zu, einerlei, wo und woher. Für Euch wäre das Ding auch enorm zu benutzen, kostet nur 6 d. monatlich und enthält kolossal viel. Erspart alle englischen Revuen für Dich.
Jetzt muß ich a bissel an die Luft, bald kommen Avelings und Edes zum Essen.
Dein
F. E.
Montag1. Ich schicke Dir eine Nr. „Rev[iew] of Rev[iews]“, worin Stead Mutter Besant poussiert, um sie zum Christentum anzuleiten. Er will sich offenbar den Ruhm erwerben, sie zu Jesu zurückzuführen. Dafür gibt’s einen Weg: die Mutter B[esant] ist stets der Religion des Mannes, der sie untergekriegt hat. – Ede und Tussy sind mit meinem Verteilungsvorschlag des Honorars einverstanden.
Lafargue hat in Lille 5005, die beiden Opportunisten zusammen 4174, der Radikale Roche 2272 Stimmen erhalten, letzterer tritt zugunsten Lafargues zurück. Um einen Opportunisten durchzukriegen, müßten also 3000 stimmenthaltne Monarchisten bei der Stichwahl für ihn hinzutreten. Steht also sehr gut!