London, 2. Okt. 1891
Meine liebe Laura,
Heute schickte ich Dir und Ravé die Bogen 7 bis 12 (Schluß) vom „Ursprung“1 mit den rot gekennzeichneten Änderungen. Ich hoffe, dies wird das Ende Deiner Mühe sein, für die ich Dir nicht genug danken kann. Möge Dich das Ergebnis in gewissem Grade für Deine Arbeit belohnen.
Ich hoffe, daß Paul bereits in Freiheit ist, der Urlaub wird für ihn und für die Sache sehr nützlich sein; „le Nord“2 ist heiß, und das Eisen sollte geschmiedet werden, solange es heißt ist.
Boulanger war so tot, daß er das Leben offensichtlich nicht länger ertragen konnte. Er starb, wie er gelebt hat – en homme entretenu3. Den Verlust seiner Geliebten, Mme. de Bonnemains hätte er vielleicht ertragen können, aber den Verlust ihres Vermögens (das nach Berichten der englischen Zeitungen nicht ihm hinterlassen wurde) – ah, c’était autre chose!4
Niemand wird sich über dieses komische Ereignis mehr freuen als Rochefort; le brav’ général5 war für ihn allmählich ein regelrechter Alpdruck geworden.
Nun, meine liebe Laura, was im Namen all dessen, was heilig zu sein pflegt, soll ich für diesen „Almanach“ schreiben, in dem, nach den Ankündigungen zu urteilen, ein wahres Sammelsurium6 von Männern, Prinzipien und Dingen vertreten sein wird? Über den Fortschritt des Sozialismus in Deutschland, ja, das ist ein ganzes Buch! Und andere interessante Themen? Die interessantesten und wichtigsten sind solche, die in der Darlegung eines Ausländers den französischen Lesern als eine Beleidigung erscheinen würden. Außerdem läßt Du mich in Unwissenheit darüber, wann das Ding gebraucht wird und wieviel Platz dafür zur Verfügung steht. Wie auch immer, ich bin so überlastet mit Arbeit, mit dringender Arbeit, daß ich nicht eine Zeile hätte schreiben können. Es ist also keine Zeit verloren.
Letzten Montag7 brachte Percy die Kinder herüber, und seitdem haben wir die ganze Familie hier. Lily ist gestürzt und hat sich den Rücken etwas verletzt, deshalb soll sie als Vorsichtsmaßnahme ein Korsett erhalten, und das wird noch einige Tage dauern. Percy reist heute ab.
Louises Hyänen-Zeitung wird nicht vor dem 15. dieses Monats erscheinen; Dein, Tussys und Louises Artikel werden unter den Frauenrechtlerinnen in Deutschland und Österreich eine Sensation hervorrufen, weil die wirkliche Frage niemals so direkt gestellt und beantwortet wurde, wie Ihr drei dies tut. Und sowohl Louise als Tussy erklären mir, daß sie einen heiligen Schrecken vor den deutschen (Berliner) Frauenrechtsweibern8 haben. Doch deren Herrschaft wird nicht mehr lange dauern. Bebel schreibt ganz begeistert über den Eifer, mit dem die arbeitenden Frauen in Deutschland sich jetzt in die Bewegung stürzen, und wenn das stimmt, werden die antiquierten halb-bürgerlichen Frauenrechts-Ânesses9 bald in den Hintergrund gedrängt werden.
Gilles gibt weiter Flugblätter gegen Edward heraus. Mehr darüber in ein oder zwei Tagen. Wir versuchen, den Hyndman ans Tageslicht zu ziehen, der Gilles als sein Werkzeug benutzt – und der hoffentlich nicht imstande sein wird, den Schmutz abzuwaschen, mit dem der schmutzige Gilles unfreiwillig den Mann besudelt hat, der ein solches Werkzeug benutzt.
Liebe Grüße von Pumps und Louise und den Kindern.
Immer Dein
F. E.
Aus dem Englischen.
[Nachschrift von Louise Kautsky]
Meine liebe Laura,
Herzlichen Dank für Ihren Brief; wie general Ihnen schon mitteilte, erscheint unser „epochemachendes“ Blatt erst am 15./X., wahrscheinlich wegen der böhmischen Gerichtsverhandlung Victors. Wann bekomme ich wieder etwas, da ich annehme, daß Sie, liebe Laura, B sagen, wenn Sie mit A beginnen. Alles wird uns willkommen sein. Mit herzlichem Gruß an Sie und M.P. for Lille.
Ihre
Louise