London, den 2.Sept. 1891
Mein lieber Lafargue,
Da sind Sie also wieder in den geweihten und hochheiligen Gemäuern von Madame Pélagie – in der città dolente, fra la perduta gente –, aber das wird, hoffe ich, nicht lange dauern, und vielleicht werden wir, bevor Ihr „Jahr“ abgelaufen ist, dort Constans an Ihre Stelle setzen. Jedenfalls ist es sehr schade, daß Sie nicht nach Brüssel gehen konnten, bevor Sie sich erwischen ließen, das hätte einen großartigen Effekt gehabt. Aber wie dem auch sei, ich bin trotzdem mit dem Kongreß sehr zufrieden. Da ist zunächst der völlige Zusammenbruch der Brousse-Hyndman-Opposition; es war, als hätte diese niemals existiert und als wäre der Possibilistenkongreß von 1889 ein bloßes Trugbild gewesen. Möge der Himmel es nicht zulassen, daß diese Herren unsere „Freunde“ werden – dann würden sie ebenso lästig sein, wie sie uns als Feinde in der Vergangenheit belustigten.
Dann der Ausschluß der Anarchisten. Wo die alte Internationale abbrach, grade da setzt die neue wieder ein. Das ist 19 Jahre später die klare und eindeutige Bestätigung der Haager Beschlüsse.
Andererseits hat er den englischen Trade-Unions das Tor weit geöffnet. Diese Maßnahme beweist, wie sehr man die Situation begriffen hatte. Und die Formulierungen, die die Trade-Unions an den Klassenkampf und die Abschaffung der Lohnarbeit gebunden haben, beweisen, daß keine Konzession von unserer Seite gemacht worden ist.
Wir haben also allen Grund, zufrieden zu sein. Der Zwischenfall mit Nieuwenhuis hat gezeigt, daß die europäischen Arbeiter die Zeit, in der hochtrabende Phrasen vorherrschten, endgültig überwunden haben und sich der Verantwortung bewußt sind, die sie tragen: Sie sind eine Klasse, die sich als Kampfpartei konstituiert hat, als Partei, die mit den Tatsachen rechnet. Und die Tatsachen nehmen eine mehr und mehr revolutionäre Wendung.
In Rußland herrscht schon Hungersnot; in Deutschland wird sie in einigen Monaten einziehen; die anderen Länder werden weniger darunter leiden, hier die Gründe dafür: das Defizit der Ernte von 1891 wird auf 4 Millionen Quarters (111/2 Millionen Hektoliter) Weizen geschätzt und auf 30–35 Millionen Quarters (87 bis 1011/2 Millionen Hektoliter) Roggen; das letztere enorme Defizit berührt also zunächst die beiden Roggen konsumierenden Länder Rußland und Deutschland.
Das sichert uns den Frieden bis zum Frühjahr 92. Rußland wird sich vor diesem Zeitpunkt nicht rühren; wenn in Berlin oder in Paris nicht unbegreifliche Dummheiten gemacht werden, wird es also keinen Krieg geben.
Wird hingegen der Zarismus diese Krise überstehen? Ich zweifle daran. Es gibt zuviel rebellische Elemente in den großen Städten und besonders in Petersburg, als daß man nicht versuchen würde, diese sich bietende Gelegenheit zu benutzen, den Trunkenbold Alexander III. abzusetzen oder ihn unter Kontrolle einer Nationalversammlung zu stellen – vielleicht wird er selbst die Initiative zu ihrer Einberufung ergreifen. Rußland (das heißt die Regierung und die junge Bourgeoisie) hat enorm an der Schaffung einer großen nationalen Industrie gearbeitet (siehe Plechanow in der „Neuen Zeit“), diese Industrie wird in ihrer Entwicklung stark aufgehalten werden, weil ihr die Hungersnot ihren einzigen Markt – den inneren Markt – verschließen wird. Der Zar wird sehen, was es heißt, Rußland zu einem self-sufficient country1 gemacht zu haben, das vom Ausland unabhängig ist; er wird eine Ackerbaukrise haben, die von einer Industriekrise verdoppelt wird.
In Deutschland wird die Regierung sich – wie immer – zu spät zur Abschaffung oder zur zeitweiligen Aufhebung der Getreidezölle entschließen. Das wird die schutzzöllnerische Mehrheit im Reichstag2 zerschlagen. Die Großgrundbesitzer, die Krautjunker, werden die Zölle auf die Industrieprodukte nicht mehr aufrechterhalten wollen; sie werden sie in the cheapest market3 kaufen wollen. So werden wir wahrscheinlich die Wiederholung dessen erleben, was seinerzeit bei der Abstimmung über das Sozialistengesetz vor sich gegangen ist: eine schutzzöllnerische Mehrheit, die in sich selbst durch die unter den neuen Bedingungen entstandenen Interessengegensätze gespalten ist, und die vor der Unmöglichkeit steht, sich über die Details des Schutzzollsystems zu verständigen; alle möglichen Vorschläge finden nur Minoritäten; es wird entweder eine Rückkehr zum Freihandelssystem stattfinden, was ebenfalls unmöglich ist, oder – eine Auflösung, ein Positionswechsel der alten Parteien und der früheren Mehrheit, was zu einer neuen freihändlerischen Mehrheit führen würde, die zur gegenwärtigen Regierung in Opposition steht. Das bedeutet das wirkliche und definitive Ende der Bismarck-Ära und des innerpolitischen Stillstands (ich spreche hier nicht von unserer Partei, sondern von den „möglichen“ Regierungsparteien); es wird Kampf geben zwischen dem grundbesitzenden Adel und der Bourgeoisie und zwischen der schutzzöllnerischen Bourgeoisie (ein Teil der Industriellen) und der freihändlerischen Bourgeoisie (der andere Teil der Industriellen und die Kaufleute); die Stabilität der Regierung und der Innenpolitik wird gebrochen werden, es wird endlich Bewegung, Kampf, Leben geben, und unsere Partei wird alle Früchte davon ernten; und wenn die Dinge diesen Lauf nehmen, wird unsere Partei um das Jahr 1898 (Bebel glaubt schon 1895) zur Macht kommen können.
So ist die Lage! Ich spreche nicht von den anderen Ländern, weil die Agrarkrise sie nicht so direkt berührt. Und wenn diese Agrarkrise hier in England die akute Industriekrise auslösen würde, die wir seit 25 Jahren erwarten..., dann!
In einer Viertelstunde gehen wir nach Highgate, um auf Marx’ Grab den Efeuzweig zu pflanzen, den Motteler vor drei Jahren vom Grabe Ulrich von Huttens (auf der Insel Ufenau, Züricher See) mitgebracht hat und der auf meinem Balkon wunderbar gewachsen ist.
Ich habe einige Tage Bebel und Adler aus Wien hiergehabt, sie sind mit dem Kongreß sehr zufrieden.
Amüsieren Sie sich gut und nutzen Sie die Gelegenheit, die Ihnen geboten wird, um sich auf die Arbeit zu „konzentrieren“, wie ein Berliner Journalist gesagt hat, den man 1841 ins Gefängnis warf.
Grüße von Ihrem
F. E.
Aus dem Französischen.