Ryde, Insel Wight, 1. Juli 91
Lieber Schmidt,
Ich habe mich auf ein paar Tage hierher geflüchtet. Pumps wohnt jetzt hier, ihr Mann hat eine Agentur hier übernommen, und die Arbeit wuchs mir so über den Kopf, daß ich, um nur etwas Luft zu schnappen und die notwendigste Korrespondenz abzustoßen, auf ein paar Tage zu ihr kam. Morgen geht’s wieder nach London.
Ich habe Ihre beiden Briefe vom 5./3. und 18./6. vor mir. Ihre Arbeit über Kreditwesen und Geldmarkt lassen Sie am besten unvollendet, bis der III.Band1 erscheint, da finden Sie viel Neues und noch viel mehr Unerledigtes über diesen Stoff, also neben neuen Lösungen neue Aufgaben. Sobald die Sommerfrische vorüber, wird der III.Band unaufhaltsam erledigt. – Ihr zweiter Plan: Übergangsetappen zur kommunistischen Gesellschaft, ist des Nachdenkens wert, aber ich würde Ihnen raten: nonum prematur in annum2, das ist der schwierigste Stoff, den es gibt, weil die Bedingungen sich in einem fort ändern. Jeder neue Trust z.B. ändert sie, und von zehn zu zehn Jahren werden die Angriffspunkte total verschoben.
Ihre neueren Universitätserfahrungen in Zürich sind höchst amüsant. Die Herren sind sich überall gleich. Nun, ich wünsche Ihnen schließlichen Erfolg zum Ärger der ganzen Clique und damit Sie endlich wieder einmal Ruhe bekommen.
Das Barthsche Buch hat mich sehr enttäuscht. Ich hatte etwas weniger Flaches und Überskniegebrochenes erwartet. Ein Mann, der jeden Philosophen nicht nach dem Bleibenden, Fortschrittlichen seiner Tätigkeit, sondern nach dem notwendig Vergänglichen, Reaktionären, nach dem – System beurteilt, hätte besser geschwiegen. Nach ihm ist ja die ganze Geschichte der Philosophie ein bloßer „Trümmerhaufen“ zusammengebrochner Systeme. Wie hoch steht der alte Hegel über diesem seinem angeblichen Kritiker! Und dann zu glauben, er kritisiere Hegel, wenn er hie und da einem der falschen Sprünge auf die Spur kommt, vermittelst deren H[egel], wie jeder andre Systematiker, sein System zurechtkonstruieren muß! Die kolossale Entdeckung, daß H[egel] konträre und kontradiktorische Gegensätze manchmal in eins wirft! Da könnte ich ihm noch ganz andre Kniffe aufdecken, wenn’s der Mühe wert wäre! Der Mann ist, was wir am Rhein einen Korinthscheißer nennen, er verwandelt alles in Kleinkram, und solange er sich das nicht abgewöhnt, wird er, mit Hegel zu sprechen, „von nichts durch nichts zu nichts kommen“.
Wahrhaft erheiternd ist seine Kritik von Marx. Erst macht er sich eine materialistische Geschichtstheorie fertig, wie Marx sie nach seiner Ansicht gehabt haben sollte, und findet dann, daß in den Marxschen Schriften ganz was andres steht. Daraus schließt er aber nicht, daß er, Barth, dem Marx was Verkehrtes untergeschoben hat, nein, im Gegenteil, daß Marx sich widerspreche, seine eigne Theorie nicht anwenden könne! „Ja, wenn die Leute doch nur lesen könnten!“, pflegte Marx bei derlei Kritiken auszurufen.
Ich habe das Buch nicht hier; hätte ich die Zeit, würde ich Ihnen die Verkehrtheiten noch zu Hunderten im einzelnen nachweisen. Es ist schade, man sieht, der Mann könnte was leisten, wenn er weniger rasch fertig wäre mit dem Aburteilen. Hoffentlich schreibt er nächstens etwas, worüber mehr hergefallen wird; eine gehörige Tracht Keile würden ihm sehr guttun.
Mir geht es im übrigen recht gut, ich bin wohler als voriges Jahr um diese Zeit und denke nach etwas Erholung wieder ganz auf dem Damm zu sein. Wenn man nur weniger im Arbeiten unterbrochen würde! Seit 2–3 Monaten habe ich die Neuauflage des „Ursprung der Familie etc.“ in Arbeit genommen und wäre in 14 Tagen fertig geworden, da kommt der neue Programmentwurf und soll kritisiert werden, da kommen allerlei kleine Ungeschicklichkeiten, die auf dem Kontinent begangen worden und uns hier in England – wo der Boden gut, aber vorsichtig zu behandeln ist – die Arbeit erschweren für den Brüsseler Kongreß etc. Alles das wirft mich wieder heraus, unterbricht, und doch muß das Ding nicht nur großenteils revidiert und ergänzt, sondern auch fertig werden, damit ich an den III.Band kann. Well, es wird doch am Ende gehn, weil es gehn muß.
Man meint hier, man wäre in Preußen. Sonntag3 begegneten mir 4 bis 5 Matrosen vom „Stosch“, Prachtkerle, die sich neben den englischen man-of-war’s men4 sehr gut sehn lassen können, und heut morgen in einem fort Kanonendonner und Granatenplatzen von Schießübungen der Forts von Portsmouth.
Viele Grüße von Pumps, Percy und
Ihrem alten
F. Engels