London, 11.Febr. 91
Lieber Sorge,
Brief 16. Jan. erhalten.
Daß Du den „Nationalist“ abschaffen willst, ist mir sehr lieb. Ich kann hier niemand, aber auch absolut niemand finden, der ihn lesen will, und ich selbst habe keine Zeit, die Weisheitsproben der verschiednen respectable Gerngroße zu durchmustern. Ich hätte Dich schon längst dazu aufgefordert, aber ich dachte: wenn der Sorge mir das Ding schickt, so muß doch endlich einmal etwas darin sein.
Die Photographie rückt näher. Heinrich Scheu will mich in Holz schneiden1, und da habe ich mich neulich wieder vor die Linse setzen müssen. Von den sieben Aufnahmen wird wohl eine gut ausfallen.
Deine Frau ist bei Ankunft dieses hoffentlich ganz wiederhergestellt und Du ditto.
Von der American Edition of „Capital“ kann ich Dir nichts schreiben, da ich sie nie gesehn habe und nicht weiß, was drin steht. Daß die Leute dort uns nachdrucken dürfen, ist bekannt. Daß sie es tun, beweist, daß es eine gute Spekulation ist, und ist erfreulich, obwohl es für die Erben ein Verlust ist. Darauf mußten wir aber rechnen, sobald der Absatz dort bedeutend wurde.
4. Aufl.2 wirst Du jetzt wohl erhalten haben.
Den Marxschen Artikel in der „N[euen] Z[eit]“ hast Du gelesen. Er hat bei den sozialistischen Machthabern in Deutschland anfangs großen Zorn verursacht, der sich aber schon etwas zu legen scheint. Dagegen in der Partei selbst – mit Ausnahme der alten Lassalleaner – sehr viel Freude. Der Berliner Korrespondent der Wiener „Arb[eiter]-Ztg.“, die Du mit nächster Post erhältst, dankt mir förmlich für den Dienst, den ich der Partei erwiesen (ich denke, es ist Adolf Braun, Victor Adlers Schwager und Liebknechts Unterredakteur beim „Vorwärts“). Liebk[necht] natürlich ist wütend, da die ganze Kritik speziell auf ihn gemünzt war und er der Vater, der mit dem Arschficker Hasselmann zusammen das faule Programm gezeugt hat. Ich begreife das anfängliche Entsetzen der Leute, die bisher darauf bestanden, von den „Genossen“ nur äußerst zart angefaßt zu werden, als sie jetzt so sans façon3 behandelt und ihr Programm als reiner Blödsinn enthüllt wurde. Wie K.[autsky], der sich in der ganzen Sache sehr couragiert benommen, mir schreibt, besteht die Absicht, einen Fraktionserlaß loszulassen, besagend, daß die Veröffentlichung ohne ihr Wissen erfolgt sei und von ihnen gemißbilligt werde. Das Vergnügen können sie sich gern machen. Indes kommt vielleicht auch das nicht zustande, wenn die Zustimmungen aus der Partei sich mehren und sie finden, daß das Geschrei von der „den Feinden damit in die Hand gegebenen Waffe gegen uns selbst“ nicht weit her ist.
Inzwischen werde ich von den Herren geboykottet, was mir ganz recht ist, da es mir manche Zeitverschwendung erspart. Gar zu lange wird’s ohnehin nicht dauern.
Aveling wurde nach Bradlaughs Tod aufgefordert, in Northampton zu kandidieren, und zwar von der dortigen branch der Social Democratic Federation, also nominell Hyndmans Leuten! Die Federation hat infolge des allgemeinen Aufschwungs der Bewegung seit 18 Monaten starken Zuwachs bekommen, diese Leute überlassen dem Hyndman und Co. gern die auswärtige Politik (Klingelei mit den Possibilisten etc.), wovon sie nichts verstehn, wissen aber gar nichts von der früheren Klingeleien und Mogeleien jener Herren im Inland und würden sicher alle Verantwortlichkeit dafür ablehnen – in fact nur dadurch, daß H[yndman] und Co. seit jener Zeit sich im Innern ziemlich frei von Attacken gehalten, ist ihnen jener Zuwachs zugekommen. Daher jener Schritt der Northamptoner, der den H[yndman] arg entsetzte, namentlich da die branch ihn der Zentralbehörde sofort anzeigte. Man klüngelte etwas, aber vergebens. Aveling ging hin, wurde brillant empfangen, aber es waren nur 4 Tage bis zur Nomination, und da sollte das Deposit für die Wahlkosten, £ 100, aufgebracht werden. Zwanzig Arbeiter garantierten jeder £ 5, und es fand sich ein Mann, der das Geld gegen diese Garantie vorschießen wollte. Aber als man der Sache auf den Grund ging, fand sich, daß dieser Mann ein Hauptagent der Konservativen war, und da wies Aveling das Geld mit dem nötigen Aufwand demonstrativer Entrüstung von sich und trat zurück. Das muß H[yndman] doppelt ärgern, der ja vor 5 Jahren, mit Champion zusammen, £ 250 oder 350 von den Tories zu Wahlzwecken genommen hat. Jedenfalls ist A[veling] jetzt stehender Kandidat der Arbeiter für Northampton und hat gute Chancen auf steigende Stimmenzahl. Diesmal würde er 900–1000 bekommen haben.
Der Dir empfohlene junge Mann4 wird wohl schon bei Dir gewesen sein. Romms kennen ihn übrigens persönlich, was ich damals nicht wußte.
Die Franzosen sind gar zornig, daß die Deutschen diesmal am 3.Mai und nicht am 1. feiern werden. Das ist alles dummes Zeug, die Feier des 1.Mai v. J. hat den Hamburgern, die an dem Tag die Arbeit einstellten, einen lockout5 eingebracht (die auftragslosen Fabrikanten lechzten nach einem solchen), der den Arbeitern dort 100000 Mark kostete – ohne die Beiträge von außen –, die Kraft ihrer, der bestorganisierten, Trades Unions brach und sie auf lange lahmlegte. Heute ist die Überproduktion in Deutschland und in allen Zweigen der Industrie chronisch, und da eine allgemeine, nur durch Kontraktbruch mögliche Feier in ganz Deutschland am 1.Mai und damit einen allgemeinen lockout herbeiführen, alle unsre Kassen entleeren, alle unsre Trades Unions sprengen und statt Begeisterung Entmutigung hervorrufen, wäre Blödsinn. Allerdings waren unsre Leute auf dem Pariser Kongreß so begeistert für den 1.Mai, daß dies jetzt wie ein Rückzug aussieht. Und dann ist auch der Aufruf der Fraktion ein jammervoll mattes Gewächs.
Hier in England wird der Tag nächsten Sonntag festgesetzt werden. Hyndman und Co., ihren Fehler vom vorigen Jahr einsehend, wollen sich diesmal wo möglich an die Spitze drängen, und der 1.Mai wird viele Anhänger finden. Da aber auch hier die Kapitalisten jeden Vorwand begierig erhaschen, um die beiden gehässigsten Trades Unions – die Dockers und ganz besonders die von Tussy ge-boss-ten Gasworkers and General Labourers zu sprengen, wird Tussy alles versuchen, auch hier den Vorwand des Kontraktbruchs zu umgehn, und den 3.Mai vorschlagen als Sonntag. Die Gasworkers sind jetzt die mächtigste Organisation in Irland und werden bei der nächsten Wahl mit eignen Kandidaten vorgehn, unbekümmert um Parnell oder M’Carthy. Daß Parnell jetzt so arbeiterfreundlich tut, verdankt er einer Zusammenkunft mit ebendiesen Gasworkers, die ihm sehr ungeniert reinen Wein einschenkten. Auch Michael Davitt, der erst unabhängige irische Trades Unions wollte, ist von ihnen eines Bessern belehrt worden: die Konstitution, die sie haben, gibt ihnen vollkommen freie home-rule6. Sie haben das Verdienst, zum ersten Male die Arbeiterbewegung in Irland in Fluß gebracht zu haben. Viele ihrer branches bestehn aus agricultural labourers7.
Beste Grüße an Deine Frau.
Dein
F. E.