Paul Lafargue an Nikolai Franzewitsch Danielson
in Petersburg

Le Perreux, 14./12./89

Sehr geehrter Herr,

Ich danke Ihnen für Ihren Brief und die darin enthaltenen Nachrichten über meine Artikel; von der Herausgeberin1 der Zeitschrift2 habe ich noch nichts erhalten.3

Engels hat ständig mit seinen Augen zu tun; ich glaube indessen, daß sie, da er sehr vorsichtig ist, eher besser als schlechter geworden sind. E[ngels] spricht nicht gern von sich; ich weiß nur durch dritte, wie es um seine Gesundheit steht, die zum Glück befriedigend ist.

Er arbeitet zur Zeit am 3. Band4; Kautsky hilft ihm. – Sie kennen Williams'5 kleine Schrift. In seinen Manuskripten ist sie noch schlimmer, weil sie Abkürzungen enthalten, die man erraten, Streichungen und darübergeschriebene Korrekturen, die man entziffern muß; das ist ebenso schwierig zu lesen wie ein griechisches Palimpsest mit Ligaturen. – K[autsky] liest als erster und macht eine Abschrift des Manuskripts, die E[ngels] durchsieht und nach den anderen Manuskripten ergänzt. In einem seiner letzten Briefe schrieb mir E[ngels], daß er mit dieser Arbeitsweise zufrieden ist und daß K[autsky] sehr geschickt wäre beim Entziffern von Williams' Text.

E[ngels] ist gerade 69 Jahre geworden, und man kann, wie er mir schreibt, die Zahlen soviel umdrehen, wie man will, immer kommt 69 heraus; ich habe ihm geantwortet, er müsse nur 99 Jahre erreichen, um erst 66 Jahre zu sein, indem er beide Zahlen auf den Kopf stellt. Es ist ganz außergewöhnlich, wie er die Arbeit mit der Herausgabe von Williams' Werken und die umfangreiche Korrespondenz mit fast allen Ländern Europas und Amerikas bewältigt. Ich weiß nicht, ob er Ihnen russisch schreibt, er liest es fließend und hat die Angewohnheit, immer in der Sprache desjenigen zu korrespondieren, an den er schreibt. Er ist wirklich ein Polyglott, kennt nicht nur die Literatursprachen, sondern auch die Dialekte, wie den Isländischen, und alte Sprachen, wie das Provenzalische und das Katalonische. Seine Sprachkenntnisse sind keineswegs oberflächlich; ich habe in Spanien und Portugal Briefe von ihm an Freunde dort unten gelesen, die fanden, daß diese im korrektesten Spanisch und Portugiesisch geschrieben waren, und ich weiß, daß er auch italienisch schreibt. Nichts ist jedoch schwieriger, als diese drei verwandten Sprachen, die einander so ähneln, beim Schreiben nicht durcheinander zu bringen. – Und E[ngels] ist ein wunderbarer Mensch, ich bin niemals einem Menschen begegnet, der geistig so jung und so beweglich ist und ein derart enzyklopädisches Wissen besitzt. Wenn man bedenkt, daß er 20 Jahre in Manchester in einem Handelshaus leitend tätig war, so fragt man sich, woher er die Zeit genommen hat, um alles, was er weiß, in seinem Kopf aufzuspeichern, der übrigens, im Gegensatz zu Engels' großer Gestalt, nicht sehr groß ist.

Ich werde K[autsky] mitteilen, was Sie von ihm sagen; wie ich wird er froh sein zu erfahren, daß seine Arbeiten in Rußland wie in Deutschland und Frankreich geschätzt werden.

Meine Artikel werden graphische Tabellen enthalten; ohne graphische Darstellungen ist vergleichende und philosophische Statistik unmöglich. – Ich schicke Ihnen eine der Tabellen. Wenn die Zeitschrift es wünscht, könnte ich ihr die Klischees der Tabellen schicken, aber ich würde es vorziehen, wenn sie sie neu anfertigen ließe, denn ich werde meine Untersuchungen bis 1888 ausdehnen statt bis 1886. Ich könnte es übernehmen, die Gravüren machen zu lassen, das kostet nicht sehr viel, denn sie werden durch ein Photo-Gravüre-Verfahren reproduziert in der Art des Abdrucks, den ich Ihnen sende.

Freundschaftlichst Ihr
P. Fargaule

Aus dem Französischen.