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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Mount-Desert

London, 9.Aug. 90

Lieber Sorge,

Mittwoch vor 8 Tagen schrieb ich Dir eine Postkarte, den Empfang von Morgan dankend anzuzeigen. Heute ein paar Zeilen vor Postschluß, soweit Zeit erlaubt.

Die Reise nach dem Nordkap ist uns beiden1 sehr gut bekommen, und wenn ich noch 3–4 Wochen Nachkur an der See halte – wohin wir nächste Woche gehn (ich bin hier durch allerhand Hausgeschäfte festgehalten worden) –, so denk’ ich wieder ganz auf dem Damm zu sein. Äußerlich bin ich sehr wohl, auf unserm Schiff (Dampfjacht von 2200 Tons), wo wir die ganze Zeit hin und zurück und in allen norwegischen Fjords waren, wollten es die 3 Doktoren nicht glauben, daß ich dies Jahr 70 werde. Auch schlafe ich ohne Sulfonal, aber wie wird’s vorhalten?

Tussy und Aveling sind Mittwoch auch nach Norwegen, für so begeisterte Ibsenianer wundert’s mich, daß sie es so lange aushalten konnten, ehe sie das neue gelobte Land sahen. Ob’s wieder eine Enttäuschung gibt, wie in Amerika? Jedenfalls, wie Amerika gesellschaftlich, so ist Norwegen von Natur ein Grundpfeiler dessen, was der Philister „Individualismus“ nennt. Alle 2–3 englische Meilen findet sich soviel lockrer Boden auf den Felsen, daß vielleicht eine Familie davon eben leben kann – und da sitzt dann auch so eine, abgeschlossen von aller Welt. Die Leute sind schön, stark, brav, beschränkt und – fanatisch religiös; d.h. auf dem Land. Die Städte sind wie kleine holländische oder deutsche Seestädte. In Bergen besteht eine sozialdemokratische Genossenschaft, die zum Entsetzen der herrschenden Temperenzler des Recht verlangt, in ihrem Klub Bier auszuschenken. Ich las darüber einen entrüsteten Artikel in „Bergensposten“.

In Deutschland präpariert sich ein kleiner Krakeel für den Kongreß. Herr Schippel – den Liebk[necht] gezüchtet hat – und andre Literaten wollen der Parteileitung auf den Leib und eine Opposition bilden. Das wäre nun nach Abschaffung des Sozialistengesetzes gar nicht zu verbieten. Die Partei ist so groß, daß absolute Freiheit der Debatte innerhalb ihrer eine Notwendigkeit ist. Anders sind die vielen neuen Elemente, die ihr in den letzten 3 Jahren zugekommen und die stellenweise noch recht grün und roh, gar nicht zu assimilieren und auszubilden. Einen neuen Zuwachs von 700000 Mann in 3 Jahren (nur die Wähler gerechnet) kann man nicht wie Schuljungen einpauken, da muß Debatte und auch ein bißchen Krakeel sein, das hilft am ersten darüber weg. Gefahr der Spaltung ist nicht im entferntesten vorhanden, dafür hat das 12jährige Bestehn des Drucks gesorgt. Aber diese naseweisen Literaten, die mit Gewalt ihren kolossalen Größenwahn befriedigen wollen, intrigieren und klüngeln aus Leibeskräften und bringen dadurch die Parteileitung, der sie viel ungewohnte Mühe und Ärger machen, in größeren Zorn, als sie verdienen. Die Parteileitung hat daher den Kampf keineswegs mit Geschick geführt, Liebk[necht] wirft in einem fort mit „Herausschmeißen“ um sich, und selbst Bebel, der sonst so taktvoll, hat im Zorn der Aufgeregtheit einen etwas unklugen Brief drucken lassen. Da schreien nun die Herren Literaten über Unterdrückung der freien Meinungsäußerung usw. Hauptorgane der neuen Opposition sind: „Berl[iner] Volks-Tribüne“ (Schippel), „Sächs[ische] Arbeiter-Zeitung“ (Dresden) und Magdeburger „Volksstimme“. Einigen Anhang finden sie in Berlin, Magdeburg usw., namentlich bei den Neuangeworbnen, die sich noch durch Phrasen bestechen lassen. Ich werde Bebel und Liebk[necht] wohl vor dem Kongreß hier sehn und das mögliche tun, daß ich sie von der Unklugheit aller Herausschmeißereien überzeuge, die nicht auf schlagende Beweise von die Partei schädigenden Handlungen, sondern bloß auf Anklagen der Oppositionsmacherei gegründet sind. Die größte Partei im Reich kann nicht bestehn, ohne daß alle Schattierungen in ihr vollauf zu Worte kommen, und selbst der Schein der Diktatur à la Schweitzer muß vermieden werden. Mit Bebel werde ich keine Schwierigkeiten haben, aber L[ie]bk[necht] hängt so vom jedesmaligen Moment ab, daß er imstande ist, alle Zusagen zu brechen, und zwar, wie immer, aus den besten Gründen.

Hier herrscht Sommerruhe, nur daß Hyndman, als Antwort auf meinen Maiartikel in der Wiener „Arb[eiter-]Z[ei]t[un]g“2 mich wieder einmal als „Großlama von Regent’s Park Road“ in seiner „Justice“ mausetot geschlagen hat.

Laf[argue] schreibt, in Frankreich seien alle Generale im Ministerium,

Titelblatt der vierten Ausgabe des „Kommunistischen Manifests“ mit einer Widmung von Engels an Laura Lafargue

im Senat und der Kammer entschieden gegen jeden Krieg. Mit Recht. Käme es zum Krieg, so ist 3 gegen 1 zu wetten, daß Rußland und Preußen sich nach einigen Schlachten verständigten auf Kosten von Östreich und Frankreich, so daß jeder einen Bundesgenossen opferte.

Laf[argue]s Artikel über die französische Bewegung in der „Neuen Zeit“ ist sehr gut und allerliebst geschrieben, ich wollte aber, Ede Bernstein hätte ihn übersetzt statt Kautsky, der zu schwerfällig ist.

Soeben erhalte ich Ex. der neuen deutschen Auflage des „M[anifests]“, ich schicke Dir eins hier mit.

Viele Grüße auch von Schorl[emmer] an Deine Frau und Dich sowie Schlüters von

Deinem
F. Engels