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Engels an Karl Kautsky
in Stuttgart

London, 5.Aug. 90

Lieber Kautsky,

Dein Brief vom 3.7. blieb hier liegen, während Schorl[emmer] und ich in Norwegen bummelten – allerdings sehr zum Vorteil unserer Gesundheit.

Da ich nicht weiß, wohin schreiben, schicke ich dies an Dietz, und zwar offen, damit der mir von Ede Sonntag gezeigte Prospekt der „Neuen Zeit“ gleich entsprechend geändert werden kann, falls es gewünscht wird.

Du kannst von mir einen Artikel „Von den letzten Dingen“ versprechen, und versprechen will ich ihn Dir auch. Auch mein Versprechen zu halten, habe ich vor – ich habe es sogar schon teilweise gehalten, denn der Artikel ist reichlich halb fertig. Wann er aber ganz fertig wird, das kann sehr bald sein oder noch lange dauern, je nach Umständen – sagen wir im ersten neuen Jahrgang.

Wenn Bebel die Wochenschau so gut macht wie bisher seine Korrespondenz in der „Arb[eiter-] Z[eit[un]g“ Victors1, dann könnt Ihr Euch in der Tat gratulieren. Ich habe da natürlich in erster Linie Deutschland im Auge.

Sorges Adresse ist: F.A.S[orge], Hoboken, N.J. (d.h. New Jersey), U.S. America. Er ist der beste Mann für Euch. Ich will ihm auch deswegen schreiben.2 Natürlich müßt Ihr da ausnahmsweis gut honorieren – sonst gibt er lieber Musikstunden. Auch wird er schwerlich zu regelmäßigen Berichten zu bringen sein, ist auch besser anders. Manchmal können Monate vergehn, wo nichts Entscheidendes passiert, manchmal kann er jede Woche was Kritisches zu melden haben.

Wir sind auf unserer Forschungsreise bis zum Nordkap vorgedrungen und haben dort selbstgefangnen Cod3 gegessen. Fünf Tage lang keine Nacht oder nur Dämmerung, dafür allerlei Lappländer, putzige kleine Kerlchen von offenbar sehr gemischter Race, braun, selbst hellblond und schwarz – Gesichtszüge durchschnittlich mongoloid, aber mit Abweichungen vom amerikanischen Indianer (nur daß ihrer sechs auf einen Indianer gehn) bis zum Germanen. Diese noch zu ³/₄ im Steinalter lebenden Kerlchen sehr interessant.

Viele Grüße.

Dein
F. E.