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Engels an Wilhelm Liebknecht
in Borsdorf bei Leipzig

Steam Yacht Ceylon,
Reede von Bergen, 22.Juli 1890

Lieber Liebknecht,

Von unsrer Tour nach dem Nordkap glücklich wieder in zivilisierten Breiten angekommen – Schorlemmer und ich fuhren mit obigem Schiff am 1. ds. von London ab – beeile ich mich, Dir mitzuteilen, daß wir Samstag, 26. ds. in London wieder einzutreffen hoffen und uns freuen werden, Dich so bald als möglich bei uns zu sehn. Wenn es Dir paßt, komm gleich, denn wir werden wohl bald nach der See abfahren und denken Dich zum Mitgehn zu verführen; da bliebe Dir dann noch einige Zeit, um in London das Nötige zu besorgen.

Die erste Nachricht, die uns aus der großen Welt zukam und heute am Schiff angeschlagen steht, ist: The German Social Democracy will reorganize on October 1th and is preparing a plan of organization to be discussed and adopted at a Congress in October1. Sonst nichts von irgendwelcher Bedeutung – aber es macht einem Spaß, gleich mit dieser Nachricht empfangen zu werden.

Da der junge Wilhelm2 gleichzeitig Norwegen beglückte, hielt ich meinen Reiseplan so geheim wie möglich, um Polizeischikanen zu vermeiden. Inzwischen ist uns auf der Rückfahrt die Flotte in Molde begegnet, „young Hopeful“3 war aber nicht dabei; er war auf einem Torpedoboot bummeln gegangen und fuhr uns beim Geiranger Fjord ganz stillekens vorbei, zum großen Ärger der englischen Bourgeoisbande auf unserm Schiff, die gerne einen live emperor4 angehocht hätten.

Von der Flotte sind die Matrosen Prachtkerle, die jungen Offiziere und Aspiranten janz die Jarde, Fähnriche mit all den Redensarten, die man von Anno Tobak her kennt, die älteren Offiziere, die wir im Hotel in Zivil trafen, waren ganz anders, von gewöhnlichen Zivilisten gar nicht zu unterscheiden. Der altpreußische Dialekt herrscht vor. Zum Totlachen waren die zwei fetten Admirale, die in einem kleinen norwegischen Wägelchen zusammengepreßt saßen (es war kaum Raum drin für einen) und Besuche abstatteten (das ganze Molde geht zweimal auf Primrose Hill), man sah von hinten nichts als Epauletten und Dreimaster.

Die Reise war sehr schön und sehr interessant, und die Norweger haben mir sehr gut gefallen. Oben in Tromsö haben wir die Lappen besucht und ihre Renntiere, in Hammerfest Berge von Stockfischen aufgehäuft gesehn – ich dachte erst, es wäre Brennholz – und am Nordkap die berühmte Mitternachtssonne. Man wird aber nichts eher leid als das ewige Tageslicht, wenn man so eine Woche tatsächlich gar keine Nacht hat und stets bei hellem Tag schlafen geht.

Das Bier haben wir gewissenhaft bis nach dem 71.Breitengrad hinauf probiert, es ist gut, aber nicht so gut wie deutsches, und überall Flaschenbier. Nur in Drontheim gab's einmal Zapfbier. Übrigens wird hier auch stark an Mäßigkeitsgesetzen gesetzgebert und dürfte Bismarckscher Schnaps hier immer weniger Absatz finden. Ob es in Bergen eine Ölhalle gibt, wo wir Zapfbier erhalten, werden wir wohl heute auskundschaften.

Auf der Eisenbahn von Vossevangen nach Bergen fährt man 108 Kilometer in 41/2 Stunden – 24 km per Stunde! Es geht aber auch durch Felsen aller Art, fast die ganze Bahn ist eingesprengt.

Oben im Norden, am Svartisen, der ein einziges ungeheures Gletscherfeld ist, gingen wir auf einen Gletscher, der vom Meer nur durch die niedrige Moräne getrennt ist, also bis ca. 100 Fuß Meereshöhe sich hinabsenkt.

Jetzt aber wird's Zeit zum Frühstück, und ich schließe deshalb, damit ich den Brief gleich nachher auf die Post geben kann.

Herzliche Grüße an Deine Frau und Kinder und an Dich selbst von Schorl[emmer] und

Deinem
F. Engels