194
Engels an Nikolai Franzewitsch Danielson
in Petersburg

London, 10. Juni 1890

Werter Herr,

Ihre freundlichen Briefe vom 18. Dez., 22. Jan., 24. Febr. und 17. Mai habe ich erhalten, ferner kann ich die Rückgabe von Herrn L[afargues] Artikel bestätigen, der ihm zurückgesandt wurde. Ich teilte ihm mit, daß Sie ihm zweimal, im März und April, geschrieben, aber keinen genauen Bescheid erhalten hätten, ob er diese beiden Briefe bekommen habe. Seine Frau, die gegenwärtig hier ist, kann sich auch nicht genau erinnern. Sie bedauert den Besitzerwechsel bei der „Northern Review“ sehr und bittet mich, Ihnen ihren und ihres Mannes Dank für Ihre freundlichen Bemühungen zu übermitteln.

Ich lese jetzt die Korrekturbogen 39–42 der 4. Auflage des „K[apitals]“1, es werden alles in allem weniger als 50 werden, da der Satz zwar größer, aber enger ist. Nach Erscheinen wird der Band Ihnen zugestellt.

Ich habe die mir freundlicherweise von Ihnen überlassenen Briefe unseres Autors2 mit der Schreibmaschine abschreiben lassen (die jüngste Tochter3 des Autors besorgte das) und werde sie Ihnen jetzt in einem eingeschriebenen Brief zurücksenden, falls ich nichts Gegenteiliges von Ihnen höre.

Vielen Dank für Ihre ständigen und interessanten Informationen über die ökonomischen Verhältnisse Ihres großen Landes. Unter der glatten Oberfläche politischer Ruhe vollzieht sich dort eine ebenso tiefgreifende und bedeutsame ökonomische Umwälzung wie in jedem anderen europäischen Lande, die zu beobachten von größtem Interesse ist. Die Folgen dieser ökonomischen Umwälzung müssen sich früher oder später auch auf anderen Gebieten zeigen.

Wir haben hier mit großer Trauer und tiefem Mitgefühl von dem Tode H. Г. Ч.4 gehört. Aber vielleicht ist es besser so.

Vielen Dank für Ihre Glückwünsche vom 24. Febr. – nicht nur ich habe mich darüber gefreut.

Ich war so außerordentlich beschäftigt, und meine Augen, mit denen es zwar besser geht, sind noch immer so angestrengt bei der Lektüre der russischen Schrift, daß ich bisher den Artikel im „Ежегодникъ“ nicht lesen konnte; ich werde es aber tun, sobald ich eine freie Minute habe. Die falsche Verwendung ökonomischer Termini ist, wie Sie bemerken, ein sehr häufig anzutreffender Mangel in der Literatur. Hier in England wird mit dem Wort rent sowohl die Geldleistung des englischen kapitalistischen Pächters an seinen Grundeigentümer bezeichnet als auch die des verarmten irischen Pächters, der in Wirklichkeit einen Tribut zahlt, welcher wesentlich einen Abzug von den aus eigener Arbeit stammenden Subsistenzmitteln darstellt und nur zum geringsten Teil wirkliche Rente ist. So verwandelten die Engländer in Indien die von den Ryot (Bauern) dem Staat gezahlte Landsteuer in „Rente“ und damit, wenigstens in Bengalen, den Zemindar (Steuereintreiber der früheren indischen Fürsten) in einen Grundbesitzer, der nominell ein feudales Lehen von der Krone hat, genauso wie in England, wo die Krone nominell Besitzerin des ganzen Landes ist und die großen Adligen, die wirklichen Besitzer, nach juridischer Fiktion als feudale Lehensträger der Krone gelten. Ähnlich war es, als zu Beginn des 17. Jahrhunderts Nordirland unter unmittelbare englische Herrschaft kam. Der englische Jurist Sir John Davies, der dort eine Landgemeinschaft, gemeinsamen Besitz des Landes mit periodischer Umteilung an die Mitglieder des Clans, die dem Häuptling tributpflichtig waren, vorfand, stellte sofort diesen Tribut als „Rente“ hin. Ebenso haben die schottischen Lairds – Clanhäuptlinge – seit dem Aufstand von 1745 von der juridischen Konfusion profitiert, durch die man den von den Clanleuten an sie entrichteten Tribut umfälschte in eine „Rente“ für ihnen gehöriges Land, um so das ganze Clanland, den Gemeinbesitz des Clans, in ihr, der Lairds, Privateigentum zu verwandeln; denn, sagten die Rechtsgelehrten, wie könnten sie sonst Rente für dieses Land erhalten, wenn sie nicht die Grundeigentümer wären? So wurde diese Vermengung von Tribut und Rente zur Grundlage für die Konfiskation aller Ländereien der schottischen Hochlande zugunsten einiger weniger Clanhäuptlinge, die sehr bald danach die alten Clanleute vertrieben und sie durch Schafe ersetzten, wie das im „K[apital]“, Kapitel 24,2 (p. 754, 3. Aufl.5) beschrieben worden ist.

Mit freundlichen Grüßen.

Ihr sehr ergebener
P. W. Rosher

Aus dem Englischen.