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Engels an August Bebel
in Plauen bei Dresden

London, 9.Mai 90

Lieber Bebel,

Dank für Deine Züricher Mitteilungen – es freut mich, daß wir auch über diesen Punkt zur gleichen Ansicht gekommen sind. Mir war Deine Bestätigung besonders wichtig, unsereins ist in derartigen Sachen so sehr auf Schlüsse mit ungenügender Grundlage angewiesen, daß man nicht gern wieder solche unsichre Schlüsse als Grundlage für weitere Folgerungen und gar Handlungen sich dienen läßt ohne Bestätigung von kompetenter Seite.

Zur Verlobung Deiner Tochter meinen herzlichen Glückwunsch Dir und Deiner Frau. Daß sie später zu einer Übersiedlung nach Amerika führt, ist Euch sicher sehr fatal, könnte aber doch die eine, für mich angenehme Folge haben, daß wir zwei einmal zusammen nach Amerika hinüberdampften. Was meinst Du? Ich bin fest überzeugt, nach 2–3 Tagen wäre Deine Seekrankheit verschwunden und wahrscheinlich so ziemlich für immer. Und zur Erholung von Strapazen ist eine solche Seereise unbezahlbar – ich spüre die Nachwirkung meiner Spritztour vor nun fast zwei Jahren noch immer. Zudem behauptet Zadek ja, ein sichres Mittel gegen Seekrankheit zu haben (Antipyrin soll sehr gut sein), und nach ärztlichen Angaben sollen nur 2–3 Prozent der Menschheit unfähig sein, sich in 2 bis 3 Tagen an die Bewegung zu gewöhnen. Also, überlege Dir die Sache.

Wenn Du an meinem Artikel1 Mangel an Logik verspürst, so ist das wohl mehr meine eigne Schuld als die von Blos. Eine so lange und komplizierte Historie auf weniger als 2 Druckbogen zusammenzufassen, ist ein schweres Kunststück; und ich bin mir bewußt, daß es Stellen genug darin gibt, wo der Zusammenhang unklar und die Motivierung ungenügend ist. Für eine spätere etwas ausführlichere Bearbeitung des Gegenstands – der für uns von der höchsten Wichtigkeit – wären mir Deine kritischen Noten äußerst erwünscht – nur kurze Andeutungen, wo und wie Du den Faden unterbrochen oder verwickelt findest.

Die Bourgeoisie der ganzen Welt hat nun wohl Zeit gehabt, ihre vor dem 1.Mai ausgestandne Angst auszuschwitzen und ihre bei der Gelegenheit verunreinigte Wäsche wieder zu reinigen. Der „Daily News“-Korrespondent in Berlin, der einer der stärksten Heulmeier war, beklagte sich am 1.Mai darüber, daß die Arbeiter die ganze Welt in den April geschickt hätten, und besann sich erst nach 4 Tagen dahin, daß allerdings die Arbeiter schon vorher immer und immer erklärt hätten, sie wollten nur eine friedliche Demonstration machen, man habe ihnen aber nicht geglaubt!

Ihr hattet ganz recht, die Sache so einzurichten, daß Kollisionen unmöglich waren. Die deutschen Arbeiter haben nach dem 20.Februar nicht mehr nötig, bloßen Lärm zu schlagen. Unter den Umständen mußte Deutschland am 1.Mai bescheidner auftreten als die andern, und das hat Euch auch niemand verdacht, weder hier noch in Frankreich. Aber aus der Schippelei könnt Ihr, glaub' ich, eine Lehre ziehn: das nächste Mal dafür zu sorgen, daß der Fraktionsvorstand während des Interregnums zwischen Neuwahl und Zusammentritt des Reichstags entweder fortzufungieren beauftragt ist oder von den Neugewählten ausdrücklich für das Interregnum in seinem Amt bestätigt wird. Dann kann er mit Sicherheit einschreiten und handeln, wo nötig, und wird den Herren in Berlin, die gern nach Pariser Art sich als natürliche Parteileiter gerieren wollen, keine Gelegenheit geben, sich vorlaut wichtig zu machen. Vorausgesetzt, daß nach dem 1.Okt. die Organisation so bleibt wie jetzt.

Hier war die Demonstration am 4.Mai geradezu überwältigend, und selbst die gesamte Bourgeoispresse muß dies zugestehn. Ich war auf Platform 4 (einem großen Güterwagen) und konnte nur einen Teil – 1/5–1/8 – der Masse übersehn, aber es war Kopf an Kopf, so weit das Auge reichte. 250 bis 300 000 Menschen, davon über 3/4 demonstrierende Arbeiter. Aveling, Lafargue und Stepniak sprachen von meiner Platform – ich war bloß Zuschauer. Laf[argue] erregte einen wahren Sturm des Beifalls mit seinem scharf französisch akzentuierten, aber sehr guten Englisch und seiner südlichen Lebhaftigkeit. Auch Stepniak–ebenso hatte Ede auf der Tribüne, wo Tussy war, einen brillanten Empfang, Die 7 Plattformen waren je 150 Meter voneinander, die letzten 150 Meter vom Ende des Parks2–also über 1200 Meter lang und reichlich 400–500 Meter breit war unser Meeting (das für den internationalen gesetzlich einzuführenden 8-Stunden-Arbeitstag) und alles gedrängt voll, und jenseits waren die 6 Plattformen des Trade Council und die 2 der Social Democratic Federation, aber kaum halb so stark besetzt von Publikum wie die unsern. Alles zusammen die riesigste Versammlung, die je hier gehalten.

Dabei ein brillanter Sieg speziell für uns. Die Details wirst Du aus Edes Korrespondenz im „Volksbl[att]“ gesehn haben. Trades Council und Social Democratic Federation hatten uns, wie sie glaubten, den Park weggestohlen für den Tag, aber sie wurden geprellt. Aveling brachte den Minister der öffentlichen Arbeiten dahin, uns auch 7 Plattformen im Park zu bewilligen, was eigentlich gegen die Vorschrift. Aber glücklicherweise waren die Tories am Ruder, und es gelang, sie einzuschüchtern: Unsre Leute hätten sonst die Plattformen der andern gestürmt, hieß es. Und unser Meeting war das größte, das am besten organisierte, das begeistertste. Die große Masse ist hier jetzt schon für Achtstundengesetz. Aveling und besonders Tussy haben die ganze Sache gemacht und seitdem eine ganz andre Stellung hier in der Bewegung als vorher. Die „Union der Gasarbeiter und Arbeiter überhaupt – bei weitem die beste der neuen Fachvereine – hat sie redlich unterstützt, und ohne sie wäre die Sache unmöglich gewesen. Jetzt gilt es, das Comité, das unser Meeting organisiert – Delegierte von Trades Unions, radikalen und sozialistischen Klubs –, zusammenzuhalten und zum Kern der Bewegung hier zu machen. Dies wird wohl heute abend eingeleitet werden. Soviel ist sicher, die Arbeiter, die Bourgeois, die Chefs der alten faulen Trades Unions und der vielen politischen und sozialen Sekten und Sektchen und die Streber und Stellenjäger und Literaten, die die Bewegung ausbeuten wollen, wissen genau, daß die wirkliche sozialistische Massenbewegung mit dem 4.Mai begonnen hat. Jetzt endlich sind die Massen im Gang und werden nach einigen Kämpfen und etwas Hin- und Herschwanken den persönlichen Ambitionen, den Ausbeutungsgelüsten der Streber, den Rivalitäten der Sekten ebenso ein Ende bereiten, wie seinerzeit in Deutschland geschah, und jedem seine richtige Stelle anweisen. Und da der internationale Sinn sich sehr stark dabei entwickelt, werdet Ihr bald merken, welche neuen Bundesgenossen Ihr habt. Die Engländer stehn in ihrer ganzen Art des Handelns, Agitierens und Organisierens uns viel näher als die Franzosen, und ist hier erst alles im richtigen Gleise und die unvermeidlichen ersten innern Friktionen überwunden, so werdet Ihr ganz famos mit diesen Leuten zusammen marschieren. Was gäb' ich drum, wenn Marx dies Erwachen noch erlebt hätte, er, der so genau auf das kleinste Symptom achtete, grade hier in England! Von dem Pläsier, das ich diese letzten 14 Tage erlebt, habt Ihr keine Vorstellung. Es kommt aber auch dick. Erst Deutschland im Februar, dann der 1.Mai drüben und in Amerika, und nun dieser Sonntag, wo seit 40 Jahren zum ersten Mal wieder die Stimme des englischen Proletariats ertönt. Ich trug den Kopf zwei Zoll höher, als ich von dem alten Güterwagen herabstieg.

Grüße an Deine Frau und Singer.

Dein
F. E.