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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

London, 19.April 90

Lieber Sorge,

Den „Nationalist“ erhalte ich regelmäßig, es steht leider nicht viel drin. Es sind die Abklatsche der hiesigen Fabians. Flach und seicht wie der Dismal Swamp, aber eingebildet über die großartige Großmut, womit sie, jebildete Bourgeois, sich herablassen zur Emanzipation der Arbeiter, wofür aber diese letzteren auch hübsch kuschen und den jebildeten cranks1 und ihren isms gehorsamst Ordre parieren müssen. Sie mögen ihr kurzes Pläsierchen haben, eines schönen Tags wischt die Bewegung das alles weg. Das ist doch ein Vorzug bei uns Kontinentalen, die wir den Einfluß der Französischen Revolution ganz anders gespürt haben, daß bei uns so etwas nicht möglich ist.

Ich schicke Dir heute auch „The People’s Press“, die, was Berichte über die neuen Trades Unions betrifft, an die Stelle von „Labour Elector“ getreten. Letzterer, wie Du gesehn haben wirst, bringt nichts Tatsächliches mehr, weil die Arbeiter platterdings nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen. Was nicht hindert, daß Burns, Mann und andere (namentlich von den Dockers) im stillen noch viel mit Champion umgehn und sich von ihm beeinflussen lassen. „P[eople’s] Press“ wird von einem blutjungen Fabian, Dell, redigiert, zweiter Hauptmann ist der Pfaff’ Morris, beide sollen soweit anständige Leute sein und kommen den Gasleuten sehr entgegen. Leiterin der Gasleute (im stillen) ist Tussy, und die Union scheint jedenfalls weitaus die beste. Die Dockers sind verdorben durch die Philisterbeihülfe und wollen’s mit dem Bourgeoispublikum nicht verderben. Dazu ist ihr Sekretär Tillett Todfeind der Gasleute, deren Sekretär er vergebens zu werden suchte. Dockers und Gasleute gehören eigentlich zusammen, eine Masse sind im Sommer Dockers, im Winter Gasleute; daher schlugen letztere Kartell vor, daß, wer Mitglied einer der beiden Unions sei, bei Arbeitswechsel nicht gezwungen werde, in die andre einzutreten. Dies schlugen die Dockers bis jetzt ab, verlangen, daß der Gasarbeiter, der im Frühjahr Docker wird, auch bei ihnen Eintrittsgeld und Beitrag zahle. Daher viel Unannehmlichkeit. Überhaupt lassen sich die Dockers von ihrer Exekutive verdammt viel bieten. Die Gasarbeiter and General Labourers nehmen alle unskilled2 auf, und in Irland drängen sich jetzt auch die Ackerbautaglöhner hinzu – daher der Verdruß von Davitt, der nicht über Henry George hinausgeht und dessen irische Lokalpolitik sich hier bedroht sieht, obwohl ganz ohne Grund. Hier in London, südlich der Themse, sind die Gasleute von der South Metropolitan Gas Co. gehörig geschlagen worden, das war sehr gut, sie wurden zu üppig, glaubten alles im Sturm erobern zu können, ebenso ging’s ihnen in Manchester, jetzt werden sie ruhiger, festigen erst die Organisation und füllen die Kasse. Tussy vertritt in der Union die Frauen und Mädchen von Silvertown (India Rubber etc. Works), deren Strike sie leitete, und wird wohl nächstens ihren Sitz auf dem London Trades Council einnehmen.

In so einem Land alter politischer und Arbeiterbewegung ist immer ein kolossaler Haufen traditionell überkommener rubbish3, der allmählich beseitigt werden muß. Da sind die Vorurteile der skilled Unions – Engineers, Bricklayers, Carpenters, Joiners, Type Compositers4 etc., die alle zu brechen sind, die Eifersüchteleien der einzelnen Gewerke, die in den Händen und Köpfen der Leiter sich bis zu direkter Feindschaft und Bekämpfung unterderhand zuspitzen, da sind die einander durchkreuzenden Ambitionen und Intrigen der Führer, der will ins Parlament, der auch, der in den County Council oder Schoolboard5, der will eine allgemeine Zentralisation aller Arbeiter stiften, der will ein Blatt gründen, der einen Klub etc. etc. – kurz, es gibt Reibung über Reibung; dazwischen die Socialist League, die auf alles herabsieht, was nicht direkt revolutionär ist (d. h. hier in England wie bei Euch: Was nicht sich darauf beschränkt, Phrasen zu machen und sonst nichts zu tun), und die Föderation, die noch immer tut, als gebe es außer ihr nur Esel und Pfuscher, obwohl sie grade durch den neuen Zug der Bewegung es erst wieder zu einigem Anhang gebracht hat. Kurz, wer nur die Oberfläche sieht, würde sagen, es sei alles Zerfahrenheit und Personenkrakeel. Aber die Bewegung geht unter der Oberfläche fort, ergreift immer weitere Schichten, und grade meist unter der bisher stagnierenden untersten Masse, und der Tag ist nicht mehr fern, wo diese Masse plötzlich sich selbst findet, wo es ihr aufleuchtet, daß sie diese kolossale sich bewegende Masse ist, und an dem Tag wird mit all der Lumperei und dem Krakeel kurzer Prozeß gemacht.

Natürlich sind obige Details über Personen und momentane Zerwürfnisse nur zu Deiner Information und dürfen um keinen Preis in die „V[olks]-z[eitung]“. Dies ein für allemal – ich habe nämlich schon hier Proben gehabt, daß Schlüter es in dieser Beziehung manchmal etwas gar leicht nimmt.

Auf den 1.Mai bin ich sehr begierig. In Deutschland war es Pflicht der Reichstagsfraktion, den übertriebnen Gelüsten entgegenzutreten. Die Bourgeois, die politische Polizei, bei der es jetzt „ums Brot geht“, die Herren Offiziere, sie alle möchten gern dreinschlagen und schießen und suchen jeden Vorwand auf, dem jungen Wilhelm6 zu beweisen, daß er nicht rasch genug schießen lassen kann. Das würde aber unser ganzes Spiel verderben. Erst müssen wir das Sozialistengesetz los sein, d. h. den 30.Sept. überstanden haben. Und dann machen sich die Dinge in Deutschland gar zu prächtig für uns, als daß wir sie uns durch pure Renommage verderben sollten. Im übrigen ist die Proklamation der Fraktion schlecht, sie ist von Liebknecht, und der Blödsinn vom „allgemeinen Strike“ ganz überflüssig. Aber einerlei wie, die Leute sind durch den 20.Febr. so gehoben, daß sie einer gewissen Zügelung bedürfen, um keine Dummheiten zu machen.

In Frankreich kann der 1.Mai ein Wendepunkt werden, wenigstens für Paris, wenn er die große Masse der zum Boulangismus dort übergelaufnen Arbeiter zur Besinnung bringen hilft. Das haben unsre Leute sich selbst zu verdanken. Sie haben nie den Mut gehabt, dem Geschrei gegen die Deutschen, als Deutsche, gegenüberzutreten, und jetzt erliegen sie in Paris dem Chauvinismus. In der Provinz steht’s glücklicherweise besser. Aber das Ausland sieht nur Paris.

Wenn mir die Franzosen ihre Sachen einschickten, so würde ich sie Dir schicken. Aber ich glaube, sie schämen sich der Dinger selbst. Well, it’s in the French nature7, sie können keine Niederlagen ertragen. Sowie sie wieder ein bißchen Erfolg sehn, wird’s mit einem Mal anders.

Herzliche Grüße an Deine Frau und Dich selbst.
Ditto an Schlüters.

Dein
F. E.

Schorl[emmer] ist vorigen Montag nach Manchester zurück. Wir beide sind strenge Zwangstemperenzler. Quelle horreur!8