London, 30.März 90. Labriola. Sehr geehrter Herr Prof. – Erlauben Sie mir, Ihnen meinen Dank auszusprechen für die mir gütigst übersandten Broschüren. Die erste: „Del socialismo“, habe ich mit großem Interesse gelesen, die zweite, über Geschichtsphilosophie, werde ich nächste Woche, wo ich etwas Ruhe zu haben hoffe, sorgfältig durchnehmen. Es ist dies ein Thema, wofür Marx und ich von jeher uns besonders interessierten; ein neuer Beitrag aus dem Vaterland Vicos und von einem Gelehrten, der auch in unsern deutschen Philosophen bewandert ist, hat auf meine vollste Aufmerksamkeit Anspruch. Ich bin so frei, Ihnen dagegen meine kleine Schrift über Feuerbach1 zuzusenden.
Mein Dank ist Ihnen ebenfalls geschuldet für Ihre freundlichen Bemühungen im Interesse von P.Martignetti, die erfreulicherweise bereits von einem ersten großen Erfolg gekrönt wurden. Ich bin seit 1884 mit Herrn M[artignetti] in Korrespondenz und habe die moralische Überzeugung, daß er an den ihm zu Last gelegten Tathandlungen unschuldig und Opfer einer gemeinen Intrige geworden ist. Bitte sprechen Sie auch gelegentlich Herrn Avv.2 Lollini meinen ergebensten Dank aus für seine bereitwillige, talentvolle und erfolgreiche Verteidigung Martignettis. Hoffentlich gelingt es Ihrer beiderseitigen großmütigen Dazwischenkunft, ihn vor unverdientem Schimpf und Ruin zu schützen.
Verzeihen Sie, daß ich deutsch an Sie schreibe. Aber mein bißchen Übung in der Handhabung Ihrer schönen Sprache ist leider in den letzten Jahren arg eingerostet, und da wage ich es nicht, vor einem Meister der Sprache italienisch zu radebrechen.
Hochachtungsvoll
Ihr ergebner
F. E.