London, 8. Febr. 90
Lieber Sorge,
Deinen Brief vom 14. und 2 Postkarten wegen H. Schl[üter] erhalten.
Meiner Ansicht nach verlieren wir kaum etwas Wägbares durch den Überlauf der dortigen offiziellen Sozialisten zu den Nationalisten. Wenn dadurch die ganze deutsche Sozialistische Arbeiter-Partei in die Brüche ging, wär's ein Gewinn, aber so gut wird's uns schwerlich. Die wirklich brauchbaren Elemente werden sich schließlich doch wieder zusammenfinden, und um so eher, je mehr das Schlackenzeug sich selbst abgesondert hat, und wird genügen, um in dem Moment, wo die Ereignisse selbst das amerikanische Proletariat weitertreiben, durch seine überlegne theoretische Einsicht und Erfahrung die Führerrolle zu übernehmen, und Du wirst dann erfahren, daß Eure jahrelange Arbeit nicht umsonst gewesen ist.
Die Bewegung dort, ganz wie hier und jetzt auch in den Kohlenbezirken Deutschlands, läßt sich nicht durch Predigen allein machen. Die Tatsachen müssen's den Leuten einpauken, und dann geht's aber auch rasch, am raschesten natürlich da, wo bereits ein organisierter und theoretisch gebildeter Teil des Proletariats vorhanden wie in Deutschland. Die Kohlengräber gehören uns heute potentiell und mit Notwendigkeit: im Ruhrgebiet geht der Prozeß rasch vor sich, das Aachner- und Saarbecken folgen, dann Sachsen, dann Niederschlesien, endlich die Wasserpolaken von Oberschlesien. Bei der Stellung unsrer Partei in Deutschland bedurfte es da nur des aus den eignen Lebensverhältnissen der Kohlengräber entspringenden Anstoßes, um die unaufhaltsame Bewegung hervorzurufen.
Hier geht's ähnlich. Die Bewegung, die ich jetzt für ununterdrückbar halte, entsprang aus dem Dockstreik, rein aus der absoluten Notwendigkeit der Verteidigung. Aber auch hier war der Boden durch die verschiedenartigen Agitationen der letzten acht Jahre soweit vorbereitet, daß die Leute, ohne selbst Sozialisten zu sein, doch nur Sozialisten zu Führern haben wollten. Jetzt kommen sie, ohne es selbst zu merken, in die theoretisch richtige Bahn, they drift into it1, und die Bewegung ist so stark, daß ich glaube, sie wird die unvermeidlichen Böcke und ihre Folgen, die Reibungen der verschiednen Trades Unions und der Führer ohne wesentlichen Schaden überstehn. Davon unten mehr.
Ich glaube, so geht's auch bei Euch in Amerika. Die Schleswig-Holsteiner und ihre Nachkommen in England und Amerika sind nun einmal nicht durch Dozieren zu bekehren, diese störrische und eingebildete Bande muß es am eignen Leib erfahren. Das tun sie aber von Jahr zu Jahr mehr; aber sie sind urkonservativ, eben weil Amerika so rein bürgerlich ist, so gar keine feudale Vergangenheit hat und daher stolz ist auf seine rein bürgerliche Organisation – und werden daher den alten traditionellen Gedankenschund nur durch die Praxis los. Also mit Trades Unions etc. muß es anfangen, wenn's Massenbewegung sein soll, und jeder weitere Schritt muß ihnen durch eine Niederlage aufgezwungen werden. Ist aber einmal der erste Schritt über die bürgerliche Anschauung hinaus getan, dann wird's rasch gehn, wie alles in Amerika, wo die naturnotwendige, wachsende Geschwindigkeit der Bewegung den sonst so langsamen Schleswig-Holsteiner Angelsachsen etwas gehöriges Feuer unter den Hintern legt, und dann wird auch das fremde Element in der Nation durch größere Beweglichkeit sich geltend machen. Ich halte den Verfall der spezifisch deutschen Partei mit ihrer lächerlichen theoretischen Unklarheit, ihrer dementsprechenden Hochnasigkeit und ihrem Lassallianismus für ein wahres Glück. Erst wenn diese Sonderbündler beseitigt, werden die Früchte Eurer Arbeit wieder an den Tag treten. Das Sozialistengesetz war ein Unglück, nicht für Deutschland, aber für Amerika, dem es die letzten Knoten zuschickte. Ich habe mich drüben oft gewundert über die vielen, in Deutschland ausgestorbenen, drüben aber florierenden echten Knotengesichter, die einem dort begegnen.
Hier ist also wieder Sturm im Teetopf. Du wirst die Krakeelerei im „Labour Elector" gesehn haben wegen Parke, dem Unterredakteur des „Star", der in einem Lokalblatt den Lord Euston direkt der Päderastie beschuldigt hatte in Verbindung mit den bugger-Skandalen2 unter der hiesigen Aristokratie. Der Artikel war infam, aber nur persönlich, politisch war die Sache kaum. Aber er erregte großen Skandal, der „Star" griff ihn auf, provozierte Burns direkt, und Burns – statt sich mit dem Comité zu beraten – desavouierte Champion direkt im „Star". Auf dem Comité des „Labour Elector" war großer Sturm, alle gegen Champion, aber jeder der Leute will ins Parlament und hat daher besondre Interessen; so wurde nichts beschlossen, vielleicht auch weil sie keine Macht hatten (Champion hatte Tussy erklärt, vorigen Herbst, das Blatt gehöre dem Comité, er sei nur absetzbarer Redakteur; aber das war schwerlich ganz so der Fall) – kurz, Burns und Bateman zogen sich wegen der Sache, Burns auch speziell noch wegen des chauvinistischen Artikels über den portugiesischen Krakeel, vom Comité zurück, und diese Woche ist das ganze Comité im Blatt verschwunden. Tussy hat nun auch dem Ch[ampion], dem sie bisher internationale Notizen über Frankreich, Deutschland, Belgien, Holland und Skandinavien gab, abgeschrieben – (das tolle Zeug über Spanien, Portugal, Mexiko etc. ist von Cunninghame-Graham, einem sehr braven, sehr tapfern, aber sehr konfusen ex-ranchman3).
Der Fall beweist mir nur, daß Champion in der Tat Torygelder genommen und jetzt in der Zwangslage war, bei Parlamentseröffnung etwas zu tun für den value received4. Der Verfasser der Artikel selbst soll unser Exfreund vom Haag, Maltman Barry sein, der hier als Toryagent gilt und von dem Jung, Hyndman etc. wunderbare, aber erlogne Räubergeschichten erzählen. Dumm handeln diese Herren aber alle, denn Champion ruiniert sich damit komplett und ist in einer Versammlung seiner eignen Labour Electoral Association von der Tribüne heruntergeschrien worden und mußte von 2 Polizisten beschützt werden. Natürlich famoses Wasser auf Hyndmans Mühle, aber ich glaube, diese Herren sind beide drunter durch. Wie's nun weitergeht, wird sich zeigen. Aber die Bewegung geht daran ebensowenig zugrund wie an der Niederlage der Gasstokers in Südlondon. Die Leute waren zu cocky5, es war ihnen alles zu leicht gemacht, jetzt können ein paar checks6 nicht schaden.
In Paris suchen unsre Leute noch immer ein daily7 zustand zu bringen. Der possibilistische „Parti Ouvrier", von der Regierung gehaltnes daily, ist eingegangen, on n'a plus besoin de ces messieurs8.
Bax' „Time" ist ein ganz gewöhnlich bürgerliches Ding, und er hat Todesangst, es sozialistisch zu machen. Das wird nun nicht so ohne weitres fortgehn, aber für eine rein sozialistische Monatsschrift, besonders à 1 sh. das Heft, ist hier noch kein Raum. Sobald was Interessantes drin, schick' ich's Dir.
Wir haben hier auch unsre Nationalisten, die Fabians, eine wohlmeinende Bande von jebildeten Bürgern, die Marx widerlegt haben mit der faulen Vulgärökonomie von Jevons, die so vulgär ist, daß man alles draus machen kann, selbst Sozialismus. Ihr Hauptzweck ist, wie drüben, den Bürger zum Sozialismus zu bekehren und so die Sache peacefully und constitutionally9 einzuführen. Sie haben ein dickes Buch darüber veröffentlicht von 7 Verfassern.
Ich hoffe, Deine Gesundheit hält sich, und die Gewohnheit macht Dir die Arbeit leichter.
Mit Percy Rosher geht's mir wie Dir mit Adolph10, nur noch schlimmer. Der Junge hat sich mit seiner Spekulationsmanie vollständig auf den Pott gesetzt, seine Familie und ich haben einen Kompromiß mit den Gläubigern machen müssen, und jetzt sitzt er da und muß sehn, irgendwo eine Stelle zu kriegen. Sag' aber lieber Schlüters nichts davon, damit nichts wieder hierherüber kommt.
Meine Augen scheinen sich zu bessern, ich habe 10 % an Gewicht zugenommen, dagegen hab' ich das Rauchen wegen Schlaflosigkeit so gut wie ganz aufgeben müssen und finde nun auch, daß der Alkohol von Zeit zu Zeit ähnliche unangenehme Wirkungen hat. Es wäre doch bittre Ironie, wenn ich auf meine alten Tage teetotaller11 werden müßte.
Herzliche Grüße an Deine Frau.
Dein
F. E.
Schorlemmer darf auch nichts trinken.